Wenn ein Angler eine Reise tut - Fortsetzung des 2. Teils

  • von ct Redaktion
  • 15. Oktober 2010 um 09:27
  • 8
Nachdem alle Vorbereitungen ausführlich im ersten Part unserer kleinen England Serie beschrieben wurden, handelt die Fortsetzung nun vom eigentlichen Fischen. Wie und was hat Will gefangen, wie hat er auf Veränderungen reagiert? All dies wird in dieser Fortsetzung des 2. Teils behandelt.

Will beginnt mit dem Fischen auf der kurzen Bahn. Mit der leichten Montage und einem Caster als Hakenköder setzt er die Montage sehr sorgfältig ein. Wer hier ein ungenaues Hinauspendeln der Montage erwartet, der kann bei Will sehr lange Warten. Die Montage sackt langsam ab und in einer fast flüssigen Bewegung wird die Pose unter Wasser gezogen. Nach einem gefühlvollen Anhieb gleitet der erste Fisch, eine Rotfeder, in den Unterfangkescher. Die Montage wird neu beködert und dann wieder sorgfältig auf den Platz abgelassen, dabei wird uns der nächste Fakt bewusst. Keiner seiner Bewegungen sind sonderlich schnell und trotzdem wirkt alles unglaublich eingespielt und im gesamten Prozess dann doch sehr schnell. Nach einigen weiteren kleinen Fischen folgt dann nach ca. 5 Minuten die erste stärkere Flucht. Will scheint jetzt erstmals etwas erstaunt, hat er auf der kurzen Bahn doch nicht mit größeren Fischen gerechnet. Der Fisch flüchtet und Will folgt ihm mit gesenkter Rutenspitze. Der gesamte Drill erfolgt über den Gummizug und er nimmt sich die Zeit den Fisch zu ermüden und erst relativ spät übt er Druck im Drill aus. Der Keschervorgang dieses guten Fisches ist dann wieder unglaublich flüssig. Der Fisch drillt sich über den Gummizug müde und im richtigen Moment übernimmt Will das Kommando, dirigiert den Fisch zum Kescher. Kurz vor dem Kescher taucht der Fisch das erste Mal auf und ehe wir uns versehen gleitet er ins Keschernetz Richtung Ufer. Bei dem Fisch handelt es sich um einen schönen Brassen, sicherlich gute 2 Pfund schwer und nach einem Foto gleitet dieser auch ins Weißfischnetz.

Ein schöner \"Slab\"
Ein schöner "Slab" von Will

Will füttert jetzt, nach circa 5 Minuten, das erste Mal nach und ich bin erstaunt über die große Menge Caster, welche er mit der Hand auf den 6m Platz wirft. Wir schätzen die Menge auf 30-40 Caster und Will bestätigt diesen Verdacht. Wir fragen ihn nach dem Grund für diese große Menge und er führt aus, dass eine kleinere Menge Caster für ihn aus zweierlei Gründen keinen Sinn macht.

1. Es werden nicht genügend Köder eingebracht um die Fische am Platz zu halten.
2. Würde er öfter, aber dafür kleinere Mengen füttern, dann würden die Fische den Ködern entgegen steigen und den Grund, auf welchem wir sie gut beangeln können, verlassen.

Diese Menge Caster fütterte Will mit jedem Wurf nach
Diese Menge Caster fütterte Will mit jedem Wurf nach

Der Rhythmus von 30-40 Caster wird von Will in den nächsten 60 Minuten mit einem Intervall von 4-5 Minuten eingehalten. Er ist selbst überrascht, wie gut die Brassen auf diese Strategie reagieren, kann er doch erstaunlich viele Brassen bis zu 3,5 Pfund auf der 6m Bahn fangen. Will vermutet, dass das Einwerfen der Caster die Fische an das prasselnde Geräusch von eingeworfenen Pellets erinnert und sie deshalb so zahlreich auf dieser für Brassen ungewöhnliche Spur erscheinen. Während des Fischens nahmen wir das Gespräch bezüglich Futterrhythmusses noch einmal auf und fragen ob er in jedem Gewässer so füttern würde. Will verneint diese Frage und erklärt, dass in der Goldvalley Anlage unglaublich viele Fische schwimmen und dieses hohe Anzahl von Castern erfordert. Er erklärt weiter, dass es grundsätzlich zwei Ansätze für das Füttern mit losen Ködern gibt. Da ist einmal der Lockreizansatz, hierbei füttert man oft kleine Mengen Köder um die Fische auf dem Platz zu aktivieren und überhaupt einige Fische zu fangen. Der Vorteil dieser Methode ist die Aktivierung der Fische, der Nachteil ist dagegen die Zerstreuung der Fische in alle Wasserschichten. Der zweite Ansatz ist ,der hier verfolgte Ansatz, mit den Losen Ködern werden die Fische am Platz gehalten und man füttert größere Menge in größeren Intervallen und hofft somit die Fische am Gewässergrund zu halten und sie dort schnell zu fangen.

Nach über einer Stunde füttert Will das erste Mal mit Würmern nach
Nach über einer Stunde füttert Will das erste Mal mit Würmern nach

Nach 70 Minuten füttert Will das erste Mal auf der kurzen Bahn geschnittene Würmer (150ml) nach. Nach dem Befüttern der kurzen Bahn, beangelt Will die 13m Bahn, jedoch ohne Erfolg. Er vermutet, dass die Fische noch nicht auf dem Platz sind oder lediglich das vertraute und bevorzugte Fischmehl fressen, aber noch nicht die Köder. Will ist nicht sonderlich nervös und erwartet, dass die Fische in den nächsten Minuten auf den Platz einlaufen und sich auch fangen lassen.

Will wechselt wieder auf die kurze Bahn und fängt dort weiter Fische, diese werden allerdings kleiner und die Bisse erfolgen nicht mehr so kontinuierlich. Jedoch kann man bei allen Fischen die Gelassenheit von Will bewundern. Sein Motto, welches er auch immer wieder anführt, ist „Take your time“ bzw. „Nimm Dir deine Zeit“. Er ist sich sicher, dass nur die wenigsten Fische über Schnelligkeit entschieden werden, sondern das es meist darum geht, alle gehakten Fische auch sicher zu landen.

Die Gummizüge haben bei Will eine Menge zu tun
Die Gummizüge haben bei Will eine Menge zu tun

Nach weiteren 20 Minuten wechselt Will wieder auf die 13m Bahn und jetzt sind die Fische da. Nach dem sauberen Einsetzen taucht die Pose ab und das Gummi schießt aus der Rute. Will erkennt schnell, dass es sich wieder um einen Brassen handelt und teilt uns dieses auch gleich mit. Wieder senkt Will die Rutenspitze und schiebt die Rute dann in dem scheinbar genau passenden Tempo nach hinten. Der Blick von Will ist dabei immer auf den Fisch gerichtet, um etwaige Fluchten dieses Fisches so besser parieren zu können. Es ist aber, als folgten ihm die Fische freiwillig ohne große Gegenwehr Richtung Kescher, und erkennen erst, wenn sie in diesem liegen, was mit ihnen passiert ist. Wir fragen Will ob er ein Hexer ist, oder warum die Fische ihm so bereitwillig folgen? Er erklärt das verminderte Fluchtverhalten der Fische mit der Position der Rutenspitze im Drill. Der wichtigste Punkte hierbei ist, dass die Fische im Drill niemals das Gefühl haben, eine unnatürliche Bewegung zu machen. Diesen Umstand erreicht Will durch die niedrige Haltung der Rute im Drill. Würde er die Rutenspitze nach „oben“ nehmen, so sind die Fluchten gleich vehementer und zeitraubender. Während des Drills nimmt er die Rute erst ganz am Ende, also kurz vor dem Kescher nach oben, wenn die Fische dann realisieren was los ist, ist es bereits zu spät. Um diese Theorie zu belegen, drillt Will den nächsten Fisch auf herkömmliche Art und Weise, und siehe da, der Drill ist wesentlich zeitaufwendiger und bei weitem nicht „geräuschlos“ und geschmeidig wie der Stil von Will.


Die Goldvalley Anlage beherbergt viele tolle Brassen

Will kann auf der 13m Bahn jetzt Brassen auf  Brassen fangen. Bei jedem 3. Fisch schiebt er einen kleinen Futterball, durchsetzt von Würmern und Castern, nach. Beim Hakenköder wechselte Will zu beginn zwischen 2 Castern und Würmern, und setzt mittlerweile aber nur noch auf Wurm als Köder. Hierbei ist wieder einmal zu sehen, welch ein Pedant Will beim Angeln ist, ködert er doch jeden Köder mit äußerster Sorgfalt an. Beim Wurm als Hakenköder bedeutet dies, dass er den Wurm am äußersten Kopfende anködert, so dass dieser sich fast vom Haken löst und dann je nach Fisch den Rest des Wurms abkneift.


Will bewahrt seine Haken in einer Rive Box auf

Nach circa 2,5 Stunden fragt Will uns, ob wir seinen Platz übernehmen wollen. Anfangs sind wir von dem Angebot etwas überrascht, hatten wir doch nicht damit gerechnet, selber zu fischen. Eigentlich angelt niemand gerne auf fremden Kiepen mit fremden Kopfruten – noch dazu die Rute und Kiepe des vermeintlich besten Anglers der Welt! Die Zweifel hielten jedoch nur für einige Sekunden und dann willigten wir beide freudig ein. Wir nahmen Platz, Will stellte sich neben uns und wies uns auf den Angelplatz ein. Das richtige Kit zur Hand und dann den Wurm beködern, eine Sache, die man schon tausendmal gemacht hat – jedoch nicht unter den Augen von Will Raison. Es dauerte geschlagene 4 Versuche bis man den Wurm nach Wills Geschmack angeködert hatte, erst dann durften wir die Rute auf den Platz ausbringen. Die Montage vorsichtig eingesetzt, soweit also alles gut... die Rute lag traumhaft in der Hand, der Weltmeister stand neben einem und der Spaß konnte beginnen. Leider begann er aber nicht. Der ulle Propfen wollte nicht untergehen und Will und Jayson begannen ihre Witze zu machen. Hmm, entnervt wieder runter von der Kiepe und Will rauf… neuen Wurm an den Haken, Rute auf den Platz und keine 2 Minuten später hatte Will den nächsten Brassen im Kescher. Ich war am Boden zerstört… Als nächstes war Jayson dran, und was soll ich sagen, auch Jayson konnte keinen Fisch fangen. Nachdem wir dieses äußerst traurige Bild abgegeben hatten, musste Will kurz in den Laden und wir konnten einige Minuten für uns alleine mit dem Gerät des Weltmeisters angeln. Das Ergebnis wird für immer unser Geheimnis bleiben.

Gleich muss ich lachen...
Will übt sich in Geduld und verkneift sich das Lachen!

Nachdem Will nach einigen Minuten wieder zurück kam und wir ihm berichteten, beschlossen wir für heute Schluss zu machen und Will versprach uns in den nächsten Tagen noch einmal mit uns fischen zu gehen, dieses Mal dann allerdings auf Karpfen.

Will konnte um die 50 Pfund Weißfisch fangen. Hauptfisch war heute die Brasse, die Rotaugen hielten sich stark zurück. Will vermutete, dass sie noch mit dem Laichgeschäft beschäftigt waren. Karpfen konnten wir keinen fangen. Schon verrückt, wenn man bedenkt wie viele Karpfen in dem See sind. Laut Will hätten wir auf diesem Platz mit Pellets 100 Pfund Karpfen fangen können und noch einmal die gleiche Menge an Brassen. Das Fischen mit Will war eine spannende und angenehme Zeit. Will Raison ist ein umgänglicher Zeitgenosse der mit seinem unglaublichen Wissen nicht hinter dem Berg hält.

Will mit dem Fang des Tages
Will mit dem Fang des Tages

Hier jetzt noch einige interessante Randnotizen aus den Gesprächen mit Will Raison:
  • Es gibt in England keinen Verband der die Angler unterstützt. Lediglich das Engagement einiger Firmen ermöglicht eine Unterstützung der britischen Angler bei den internationalen Fischen. Diese Unterstützung umfasst jedoch keine Köder, so das auch für Angler wie Will Raison und Alan Scotthorne eine WM oder EM ein Zusatzgeschäft ist. Eine Unterstützung wie der deutsche Verband sie für unsere Teams leistet war für Will Raison sehr erstaunlich und ein Ziel für die Zukunft.
  • In Zukunft wird die Firma Preston das englische Team zur Club WM unterstützen. Diese Unterstützung ist analog zum Support der Firma Drennan für das England Team Drennan. Durch diese Unterstützung werden wir sicherlich bald das dominierende englische Team Daiwa Dorking bei der Club WM sehen.
  • Es gibt in England nur zwei Angler die vom Fischen leben können, Will Raison und Alan Scotthorne.
  • Der starke Mann hinter dem Team Drennan England ist Steve Gardener. Steve ist mit seinem immensen Wissensschatz der am meisten respektierte Angler auf der britischen Insel. 
  • Bedingt durch die vielen Commercials gibt es in England kaum noch eine Szene für große Mannschaftsangeln. Fischen mit mehr als 100 Anglern sind in England mittlerweile Mangelware.
  • Die Berufung der Mitglieder des Team England ist eine rein subjektive Entscheidung und fördert viel böses Blut auf der Insel.
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8 Kommentare
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  • ct Redaktion
    dann würde ich Dir den Bericht mit den Preston Minibollies empfehlen. Der Karpfenbericht aus der England Serie wird Deine Punkte nicht behandeln.
  • relixbo
    aus Witten
    geile sache, da freu ich mich auch schon drauf, ich bin eh noch auf der suche nach den richtigen Pellets, Baitbands, Haken und dem richtigen Setup für Carp. :) greets david
  • ct Redaktion
    solltest Du einen Bericht meinen, in dem es um Karpfen geht? Ja, es wird einem Bericht in dieser Serie geben, in dem es auch um Karpfen geht
  • Garlic_96
    Hy cooler bericht gibts auch nen teil mit dem Karpfenangeln??
  • ct Redaktion
    schön das der Bericht gefällt. Wir haben die Tage in England übrigens genauso wahr genommen wie Du den Bericht erfasst. Oft erkennt man erst beim zweiten Gedanken das Besondere an Wills Wissen
  • relixbo
    aus Witten
    dieser bericht ist einfach nur genial man merkt erst beim zweiten oder dritten lesen wieviele informationen da drin stecken die nicht selbstverständlich sind genau so ist das mit dem stever gardener bericht einfach super man merkt einfach das sich die engländer auf einem ganz anderen lvl aufhalten grüße david
  • ct Redaktion
    wir ändern das dann mal auf Pellets :-)
  • basstid
    thumbs up!!!
    Eine wirklich gelungene Artikelserie!!! Einmal musste ich aber leicht schmunzeln. So wird geschrieben, "dass das Einwerfen der Caster die Fische an das prasselnde Geräusch von eingeworfenen Castern erinnert". Wirklich klever die Fische von der Insel.