Brassen im Elbe-Havel-Kanal

  • von René Schulze
  • 27. Juni 2016 um 10:35
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Nachdem ich während der Frühlingswochen in den stehenden Gewässern rund um Dessau fast ausschließlich kleine Rotaugen an den Haken bekam, hatte ich mal wieder Lust auf ein paar ordentliche Brassen. Mit Sicherheit, wenn man dieses Wort beim Angeln überhaupt verwenden kann, ist dafür der Elbe-Havel-Kanal bei Niegripp eine der ersten Adressen. Auf der Strecke, die unter anderem auch schon beim deutschen Anglertreff gute Fische brachte, rechnete ich mir gute Chancen aus, ein paar schöne Brassen zu fangen.

Nach Ankunft am Kanal suchte ich mir ein Plätzchen oberhalb der Brücke in Richtung der Niegripper Schleuse und beobachtete zu aller erst den Wasserstand. Aufgrund der Schleusentätigkeit kann sich  dieser nämlich oft innerhalb einer Minute um mehrere Zentimeter verändern, was normalerweise ein Regulieren der eingestellten Wassertiefe der Montagen notwendig macht. Aber dazu später etwas mehr.

Mein Angelplatz

Die Wahl meiner Montagen wurde von mehreren Faktoren beeinflusst. Zunächst war das Wasser Mitte Mai noch recht klar und wurde auch von den vorbeifahrenden Schiffen nicht sonderlich eingetrübt. Der Himmel war halb bedeckt, so dass sich sonnige und schattige Phasen abwechselten. Die Montagen sollten also besonders in den sonnigen Abschnitten möglichst unauffällig sein, aber den erwarteten starken Brassen auch gerecht werden. Eine 12er Hauptschnur am 10er Vorfach und ein 16er Haken hielt ich für eine gute Wahl. Der dritte zu beachtende Faktor war der mit der Schleusentätigkeit verbundene Strömungswechsel. In den Phasen des Wasserstillstandes kann man mit einer 1,5- bis 2-Gramm-Pose den Köder recht gut und ruhig am Grund präsentieren, hingegen in den Strömungsphasen, die etwa mit der Fließgeschwindigkeit des Silokanals vergleichbar sind, braucht man dafür schon Montagen ab 5 Gramm aufwärts. Ich baute eine 2-Gramm- und eine 6-Gramm-Montage auf, die jeweils mit einer gut sichtbaren Antenne bestückt waren. In den schattigen Phasen frischte der Wind zuweilen recht stark auf, was mit einem mehr oder weniger starken Wellengang verbunden war. Auf 13 m wäre damit eine zu dünne Antenne kaum sichtbar gewesen.

Doch nun noch einmal zurück zur eingangs erwähnten wechselnden Wassertiefe. Beim Ausloten  merkte ich mir genau den Wasserstand an einem markanten Stein zu Füßen meiner Plattform. Wenn es darum ginge, meinen Köder genau bündig am Grund präsentieren zu müssen, hätte ich einen kleinen Stab mit Markierungen im Zentimeterabstand ins Wasser gesteckt. Aber selbst mit dieser Hilfe wäre es nahezu unmöglich, immer die genaue Tiefe nachjustieren zu können, denn der Wasserstand wechselt einfach zu oft. Da ich allerdings Brassen fangen wollte, war es nur wichtig, dass der Köder mit einem Stück des Vorfaches auf dem Grund aufliegt. Ich stellte meine Montage also großzügig etwa 20 cm tiefer als die vermeintlich richtige Tiefe, um nicht ständig nachregulieren zu müssen. Denn wenn der Haken plötzlich über dem Grund schwebt, kann das weniger oder überhaupt  keine Brassenbisse mehr zur Folge haben. Um bei einem Hegefischen wenig Zeit zu verlieren und immer eine optimale Tiefe eingestellt zu haben, würde ich mehrere identische Top-Kits mit verschieden eingestellten Wassertiefen aufbauen, um dann bei Bedarf in wenigen Sekunden wechseln zu können.

Was das Futter angeht, so wirbt sicher jeder Hersteller für sein Produkt. Ich selbst gebe zu, dass ich die meiste Zeit, die ich in einem Angelfachgeschäft verbringe, vor dem Futterregal stehe und an den verschiedenen Tüten und Fläschchen schnuppere und mich frage, ob die Fische auch so begeistert von dieser Vielfalt an Düften und Aromen sind. Die Hersteller haben für jede Situation eine passende Mischung, was ich immer wieder bewundere. Richtig vorbereitet und eingesetzt, bringen diese Futtersorten sicher auch den maximalen Erfolg. Aber bei der großen Auswahl ist das nicht immer so einfach. Aus diesem Grunde verwende ich nur noch wenige Sorten, die ich mittlerweile gut kenne und einsetzen kann. Sensas Gros Gardons ist für mich so ein Allroundfutter, welches ich je nach Einsatzbereich eventuell noch mit einem Stillwasser- oder Fließwasserfutter und oder Erde mische. Ein Futter muss die Fische anlocken ohne sie zu sättigen, die Köder an den Futterplatz transportieren und dort je nach gewünschter Geschwindigkeit freigeben. Dazu müssen Konsistenz und Bindefähigkeit stimmen und besonders im Fließwasser auch die Schwere. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine im Nachhinein fast lustige Anekdote von einem privaten Angelausflug an die Mulde bei Pouch kurz vor dem Einlauf in den Muldestausee vor mehr als 20 Jahren. Ich formte schöne runde Bälle mit jeder Menge Castern und Maden als Beigabe. Ein befreundeter Angler neben mir machte es scheinbar ebenso und hatte damit nach wenigen Minuten einen Biss nach dem anderen. Bei mir tat sich nichts, obwohl ich stromab von ihm saß. Die Erklärung war ganz einfach. Ich war es durch das Elbangeln gewohnt, dass die Futterbälle auf dem steinigen Untergrund festgehalten wurden. Der Grund der Mulde war hingegen fest und eben, was dafür sorgte, dass meine Bälle wahrscheinlich bis in den Stausee rollten und dort die Fische erfreuten. Mit ein paar Händen voller Kies, die ich dann wie mein Nachbar ins Futter mischte, waren die Bälle dann schwer genug und rollten nicht mehr vom Fleck. Heute nehme ich dafür meist schwere Flusserde (z.B. Terre de Riviere), die dazu noch den Effekt bringt, dass das Futter weniger sättigend wirkt, was besonders bei Kleinfischen wichtig sein kann.

Was meinen Angeltag am Elbe-Havel-Kanal betraf, so stellte ich aus meinen Restbeständen an Futter eine leckere Brassenmischung her, die ich ebenfalls mit Terre de Riviere beschwerte und damit recht gut zurecht kam.

Meine Futtermischung

Um den Brassen auch genügend Leckerbissen zu bieten und sie damit am Platz zu halten, wollte ich Maden und Caster ins Futter geben. Caster sind für mich nach wie vor einer der besten Köder und Futterbeigaben, um Brassen zu fangen. Noch hinzu kommt, dass man sich sehr leicht selber einen guten Vorrat an Castern zulegen kann, ohne sie zum Angeltag erst bestellen und kaufen zu müssen. Bei jedem Angelausflug kaufe ich nämlich einen ganzen Liter Maden, obwohl ich meist nicht mehr als ein Viertel davon brauche. Nur diese benötigte Menge entnehme ich vor dem Angeln, siebe sie, um die Sägespäne zu entfernen und säubere sie (z.B. mit Maggot Cleaner). Den großen Teil fülle ich mit samt den Sägespänen in eine große Madendose. Es ist wichtig, die Späne in den Maden zu belassen, damit diese die ständig entstehende Feuchtigkeit aufnehmen können. Die Dose stelle ich dann an einen schattigen Ort, z.B. die Garage und kontrolliere sie jeden Tag. Wenn die Maden begonnen haben, sich zu verpuppen, lasse ich sie durch ein Madensieb krabbeln, wobei auch die Sägespäne hindurchfallen. Im Sieb übrig bleiben die Caster und einige tote Maden, die ich bei dieser Gelegenheit gleich entferne. Nun nehme ich ein feineres Sieb (Durchschlag aus der Küche, den ich natürlich nur für diese Zwecke verwende) und tauche das Sieb mit den darin befindlichen Castern langsam in einen mit Wasser gefüllten Eimer. Die schwimmenden Caster treiben dabei an die Oberfläche und werden entfernt oder gesondert aufbewahrt, die sinkenden hingegen bleiben auf dem Boden des Siebes liegen. Wenn man diese Prozedur einmal am Tag durchführt (bei höheren Temperaturen mehrmals am Tag), so bekommt man mindestens 90 % sinkende Caster. Wenn man hingegen zu lange wartet, hat man fast nur „Schwimmer“, die auch deutlich dunkler gefärbt sind. Die so gewonnenen sinkenden Caster friere ich nun in kleinen Plastikdosen (vom Brotaufstrich, Fleischsalat usw.) ein und entnehme sie je nach Bedarf am Angeltag aus dem Tiefkühlfach. Um zu verhindern, dass sie nach dem Auftauen austrocknen sowie zum schnelleren Auftauen fülle ich bis zum Rand Wasser in die Dose und bewahre sie so bis zum Gebrauch auf. Ein weiterer Vorteil dieser Methode ist auch, dass die Caster keinen üblen Geruch entwickeln, der bei gekauften und eingeschweißten Castern zuweilen aufritt.

Nach dem Aufbau der „Angelmaschine“(so hatte zu Beginn der 90er Jahre einmal ein älterer Angler, der so etwas noch nie gesehen hatte, meine Plattform mit Sitzkiepe und Anbauteilen genannt), begann ich mit dem bereits beschriebenen Ausloten meines Angelplatzes. Dabei suchte ich gezielt die Stelle, an der der ebene Kanalboden an die schräge Steinpackung stößt, weil sich dort bedingt durch die Schleusenströmung sowie den Sog der vorbeifahrenden Schiffe das meiste Futter sammelt. Hinsichtlich der Angeltiefe stellte ich fest, dass meine 4 Teile langen Montagen fast zu kurz waren. Meine Pose war nach Zugabe einiger Zentimeter zum Auflegen des Vorfaches auf dem Grund nur noch etwa 40 cm von der Spitze entfernt. Aber ich entschied mich dazu, die Hauptschnur nicht zu verlängern, denn auf diese Weise konnte ich die Position der Montage trotz der bereits erwähnten Windphasen gut kontrollieren.  Ich musste die Rutenspitze nur nahe der Pose halten, um bei einem Windstoß nicht gleich die Montage ruckartig zu bewegen.

Als alles eingerichtet war, platzierte ich 8 apfelsinengroße und reichlich mit Maden und Castern versehene Bälle an meinem Angelplatz in 13 m Entfernung. Ich habe die Bälle geworfen und nicht gecuppt, weil mein Zielfisch im Schwarm unterwegs ist und nur dann länger  verweilt, wenn genügend Futter am Platz und dieser auch groß genug ist, um gleichzeitig mehreren Fische zu beschäftigen.  Überzeugt vom Gelingen meines Vorgehens setzte ich die Montage mit einem Caster und einer Made bestückt ein und hoffte auf den ersten Biss. Natürlich ging ich davon aus, dass nicht sofort ein Schwarm Brassen am Platz ist, aber es gibt ja im Kanal auch genügend Rotaugen und andere Fische, die auf die Anfangsfütterung aufmerksam geworden sein müssten. Aber es tat sich erst einmal nichts. Und diese Phase kennt wohl jeder Stipper zur Genüge. Man spult vor dem geistigen Auge mehrere Szenarien durch und überlegt, woran es liegen könnte, dass kein Fisch beißt. Nachbarn hatte ich auch nicht, die mir einen Anhaltspunkt hätten geben können, ob es generell schlecht beißt oder nur ich etwas falsch mache. Es war möglich, dass zufälligerweise keine oder nur wenige Fische am Platz waren, die von der Fülle an Maden und Castern am Grund vom Hakenköder abgelenkt waren. Vielleicht stimmte auch die eingestellte Wassertiefe nicht. Ich probierte auch mehrere Varianten der Beköderung aus, aber ohne Erfolg. Ich war mir sicher, dass noch keine Weißfische am Platz waren.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde tauchte die Pose dann ruckartig ab, aber an den Fluchten bemerkte ich, dass es kein Brassen ist. Ein paar Sekunden später hielt ich einen Flussbarsch in den Händen und dachte an das alte Sprichwort: „Ist der erste Fisch ein Barsch, ist der Angeltag...“. Aber ich halte nicht viel von solchem Humbug und schon gar nicht mit dieser Wortwahl. Für Erfolg und Misserfolg ist man in den meisten Fällen selbst verantwortlich. Also probierte ich weiter und ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Es dauerte auch nicht lange, dann tauchte die Pose wieder ab, diesmal aber etwas langsamer. Der kurz darauf zu spürende Widerstand ließ meinen Gummizug das erste Mal arbeiten und ich war mir nun sicher, dass die Brassen den Futterplatz gefunden hatten. Während meiner Wartezeit und erst recht, nachdem sich die Brassen eingestellt hatten, versorgte ich meinen Angelplatz auch ständig mit kleinen Futterportionen, denn einige vorbeigefahrene Schiffe hatten diesen bereits einige Male durcheinander gewirbelt. Ich wollte sicherstellen, dass die Brassen sofort genügend Futter finden, wenn sie am Platz eintreffen.

Der erste Brassen hängt am Haken... ... und konnte sicher gelandet werden.

Nach dem ersten Brassen galt es, die Fische am Platz zu halten. Dazu warf ich in den Phasen mit Wasserströmung etwa alle 5 Minuten zwei kleine Futterbälle ins Wasser. In den Momenten des völligen Stillstandes ließ ich es mit Hilfe des Pole-Cups Caster und Maden pur herabregnen. Damit lief ich zwar Gefahr, die Fische vom Grund wegzulocken, aber bei den größeren Brassen ist das meines Erachtens nach nicht unbedingt zu erwarten. Ich hoffte vielmehr darauf, die Fische mit dieser Variante möglichst unauffällig zu füttern und nicht zufällig ein Exemplar mit einem Futterballen von oben zu treffen, der dann den ganzen Schwarm zusätzlich zur Unruhe, die beim Drillen der Fische entstand, noch verschreckt.

Besonders die größeren Exemplare machten die weite Anreise zum Elbe-Havel-Kanal lohnenswert. Besonders die größeren Exemplare machten die weite Anreise zum Elbe-Havel-Kanal lohnenswert.

In den nächsten zwei Stunden fing ich eine Serie schöner Brassen, wobei die größten Exemplare etwa 50 cm groß waren. Die Bisse kamen dabei hauptsächlich in den Phasen des Wasserstillstandes und gleichzeitiger Windstille bei Sonnenschein. Wahrscheinlich bevorzugten die Fische einen bewegungslosen Köder. In den Wind- und Strömungsphasen, konnte ich den Köder hingegen nicht ruhig genug am Grund halten. Dass die Brassen die ganze Zeit über am Platz waren, zeigte sich darin, dass sich hin und wieder ein Exemplar an der Oberfläche wälzte.

Nach drei Stunden des Angelns und „Brassen satt“ packte ich dann zufrieden meine Angelmaschine zusammen und freute mich bereits wieder auf meine kleinen Rotaugen.

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