Die Tobias Klein Kolumne - Nach mir die Sintflut

  • von Tobias Klein
  • 08. Februar 2016 um 08:30
  • 7

Was macht einen guten Friedfischangler aus? Instinkt? Talent? Oder gewisse Geheimnisse, die zuverlässig dafür sorgen, dass die Fische nahezu von selbst ins Netz hüpfen? Nicht wenige Friedfischangler glauben offenbar an Letzteres und legen daher besonderes Augenmerk auf Geheimhaltung ihrer Tipps und Tricks. Erarbeitetes Wissen wird lieber mit ins Grab genommen, statt an nachfolgende Generationen weitergegeben - „nach mir die Sintflut!“.

Friedfischangler sind schon ein ganz besonderer Menschenschlag. Nicht selten wenden sie fast jede Minute ihrer Freizeit dafür auf, denjenigen Fischlein der Gewässer dieser Welt nachzustellen, welche von den meisten anderen Angler allenfalls als „Nahrung“ ihrer eigenen Zielfische tituliert werden und liebend gern links liegen gelassen werden. Mit vergleichbarer Hingabe und Akribie wird als Friedfischangler der ersten Stunde penibel auch Buch geführt über Fangergebnisse, Resultate von aufwändigen Futtertests und allerhand andere interessante „Geheimnisse“ dokumentiert, denen man einen besonderen Einfluss auf den Fangerfolg zuschreibt.

Alles in allem erfordert das Horten dieser Vielzahl an Informationen nicht nur eine große Portion an Disziplin, sondern auch an Idealismus. Daher ist es für mich mehr als nachvollziehbar, dass die meisten derjenigen Angler, welche ich in meinen über zehn Jahren im semi- bis vollprofessionellen Angelzirkus kennenlernen durfte, ihr Wissen über die Friedfischjagd wie Ihren Augapfel hüten. Sie sind Friedfischangler in geheimer Mission, mit der Lizenz zu Schweigen.

Jeder hat seine Geheimnisse, doch nehmen es manche Friedfischangler mittlerweile etwas zu genau mit der Geheimhaltung.

Es gleicht daher schon fast sechs Richtigen im Lotto, stößt man auf einen erfahrenen Angler, der bereit ist, sein Wissen peu à peu zu teilen. Schlichtweg zu groß ist die Angst, man könnte einen eigenen Vorteil einbüßen und dadurch über kurz oder lang unweigerlich die eigenen Fangaussichten schmälern, gäbe man zu viel Wissen preis. Doch würde es wirklich schaden, anderen Anglern ein Bisschen Grundwissen zu vermitteln? Ich sage, wir müssen uns als immer stärker schrumpfende Minderheit langfristig damit anfreunden, dass unsere große Leidenschaft mit all ihren facettenreichen Ausprägungen nur dann erhalten werden kann, wenn wir potenzielle neue Anhänger unseres Sports mit offenen Armen empfangen.

Mögen Sie mich Glückskind nennen, aber ich hatte eigentlich ab einen gewissen Zeitpunkt meiner Laufbahn immer solche Angler um mich, die erkannt hatten, wie wichtig die Nachwuchsarbeit ist und ihr Wissen im Friedfischfang wohlwollend, wenn auch nicht gänzlich ohne Gegenleistung mit mir teilten. Und um ehrlich zu sein, ich hätte meine sieben Sachen schon damals längst an den Nagel gehängt, wenn dem nicht so gewesen wäre. Daher kann ich sagen, dass das in der öffentlichen Meinung ohnehin schon als behäbig geltende Friedfischangeln angesichts der immer mehr Einzug haltenden Geheimniskrämerei nicht die größte Anziehungskraft auf Neueinsteiger oder auch Jugendliche ausübt. Fehlendes Charisma unserer Sportart können wir natürlich nicht ändern, wohl aber das Interesse an der Ausübung der Friedfischangelei durch ein wenig Hilfestellung und Offenheit wecken.

Verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich habe in meiner heißen Sturm-und-Drang-Phase utopische Mengen an verschiedenen Futtermitteln und Lockstoffen, in die Flüsse und Seen in meinem Umkreis geworfen, bis ich eine einigermaßen funktionierende Kombination gefunden hatte. Unzählige Rutenmodelle getestet, noch mehr Rollen auf die Probe gestellt und nahezu jedes erdenkliche Posen- und Futterkorb-Modell in nicht mehr zu überblickenden Mengen in meinem Angelzimmer gehortet. Sodann ging es mit vor Selbstbewusstsein geschwellter Brust landauf, landab zu Hege- und Gemeinschaftsfischen. Ergebnis: Eine Abreibung nach der anderen, am Ende alles wieder auf Anfang.

Wer die Wahl hat, hat nicht nur die Qual, sondern investiert nicht selten in die falschen Ausrüstungsgegenstände. Erfahrungsschätze anderer helfen, das zu vermeiden.

Mund abputzen und weiter machen, immer weiter. Fussball-Weisheiten, die ich damals immer wieder für meine bescheidenen Versuche, ein besserer Angler zu werden, für mich entdeckt habe. Und ja, ab und an stellten sich auch Erfolgserlebnisse ein. Dennoch begann ich schnell zu hinterfragen, warum andere schlichtweg mehr fangen. Irgendwelche Wundermittel? Diese erste naive Vermutung hatte ich nach einem Heuschreckenschwarm-artigen Kaufrausch beim Angelhändler um die Ecke und den sich unmittelbar anschließenden, langwierigen Tests schnell ausgeschlossen und bin weiter mehr oder weniger orientierungslos umhergeirrt. Heute weiß ich, dass ich mir ein kleines Vermögen hätte sparen können, hätte mich damals ein weiserer Angler vor dem ein oder anderen Fehlkauf oder sinnlosen Tests am Gewässer bewahrt.

Geschadet hat mir diese Phase des Probieren und Scheitern freilich nicht, ich würde sogar sagen, dass man sich gewisse Dinge im Alleingang erarbeiten sollte, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Nennen Sie es Instinkt oder Talent, aber viel wichtiger als die besten Informationen aus zweiter Hand ist diese Fähigkeit, sich auf die ständig wechselnden Bedingungen am Gewässer einzustellen, ein Gewässer lesen zu können. Und doch: einige grundlegende Kniffe - und sei es nur das richtige Ausloten des Angelplatzes - erlernt man deutlich leichter, wenn einem jemand zur Seite steht, der sein Handwerk versteht. Doch hilfsbereite Angler sind in diesen Tagen scheinbar spärlich gesät.

Nachfolger gesucht! - wenn wir nicht aufpassen, bleibt in Zukunft vielleicht die ein oder andere Sitzkiepe für immer leer.

Wenn man sich dann noch in der Szene so umsieht, stellt man schnell ein recht hohes Durchschnittsalter fest, nur bekannte Gesichter weit und breit. Für mich liegt dieser geringe Anteil an Neueinsteigern oder Junganglern weniger an der demographischen Entwicklung im Bundesgebiet, sondern eher an einer zunehmenden Verschlossenheit von uns Friedfischanglern untereinander. Wo einst die gemeinsame Ausübung unserer Leidenschaft im Vordergrund stand und man sich über jedes neue Gesicht in der Szene noch gefreut hatte, wird nun immer mehr der Focus auf das eigene sportliche Fortkommen gelegt. Nicht umsonst heißt es, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Aber je weniger Konkurrenz man hat, desto höher mögen die eigenen Chancen auf den bekannten einen Fisch mehr sein. Und wie hält man Konkurrenz klein? Sicher nicht dadurch, dass man Wissen mit anderen Anglern teilt.

Letzten Endes sollten wir uns jedoch fragen, ob es nicht langsam an der Zeit ist, umzudenken. Wollen wir wegen persönlicher Eitelkeiten und dem eigenen Anspruch wirklich riskieren, dass unser Hobby in vielleicht nicht gar zu weiter Ferne ein für allemal ausstirbt? Für meinen Teil habe ich daher längst beschlossen, mein Wissen und Erfahrungen an andere weiterzugeben - sei es durch Zeilen wie diese oder durch einen guten Tipp direkt am Gewässer. Vielleicht fällt mir das Ganze auch deswegen recht leicht, weil ich mir sicher bin, dass mein eigener anglerischer Erfolg nicht auf Geheimnis A oder Geheimnis B beruht, sondern auf der Fähigkeit mich blitzschnell auf die Gegebenheiten vor Ort einzustellen.

Guter Rat ist teuer - auch Feeder-Superstars wie Weltmeister Mick Vials vom Team England greifen gern auf gute Ratschläge wie hier von Tommy Pickering zurück.

Freilich laufe ich deswegen nicht mit erhobenem Zeigefinger umher und drücke jedem Angler, den ich sehe, unaufgefordert gut gemeinte Tipps aufs Auge. Und doch war und bin ich gerne bereit, mit Rat und Tat anderen das Friedfischangeln zu erleichtern und ihnen damit möglichst lange Freude an der Ausübung ihres Hobbys zu bereiten. Besonders interessant zu sehen ist, wie ein kleiner Tipp hier und ein kleiner Rat dort dafür sorgt, dass andere Angler ihre Fähigkeiten rasant verbessern können. Mittlerweile frage ich mich angesichts der sich häufenden Geschichten über Angler, die sogar bewusst falsche Tipps erteilen sollen, ob ich wirklich einer der wenigen Angler mit einem gewissen Bekanntheitsgrad und Erfahrungsschatz bin, der so denkt. Ich befürchte es fast, wenn ich darüber nachdenke, wieviele junge „Senkrechtstarter“ ich innerhalb meiner eigenen noch recht kurzen Zeit im Bereich des Friedfischangelns kommen und gehen gesehen habe. Nicht zuletzt deswegen, weil sie sich ein Stück weit ausgeschlossen fühlten ob der strikten Geheimhaltungsstufe.

Deswegen sind nun Sie an der Reihe, mir zu zeigen, dass ich falsch liege und es  da draußen noch Angler gibt, denen der Fortbestand unseres Hobbys wichtiger ist, als der kompromisslose eigene Anspruch, unangefochten an der Spitze zu stehen. Ich meine, niemand verlangt von Ihnen, dass Sie all ihre kleinen Kniffe selbstlos in die Welt hinaus posaunen. Doch wäre es zu viel riskiert, ab und an einen guten Tipp gegenüber Neueinsteigern oder gar Junganglern fallen zu lassen und diesen damit die Faszination Friedfischangeln näher zu bringen? In Hinblick auf den Fortbestand unseres Hobbys wie wir es kennen und lieben sicher nicht!

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7 Kommentare
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  • PosenPabst
    aus Radbruch
    Hallo Tobias, hatte endlich einmal Zeit deinen Bericht zu lesen. Du sprichst zwar viele Themen an ,aber letzendlich sprichst Du über Dinge , die schon Jahre bekannt sind. Wenn Du nicht jemanden wie Mathias an deiner Seite gehabt hättest, wäre es mit der Karriere anders verlaufen. Ich will den Wechsel von Browning zu FTM nicht weiter kommentieren aber letzt endlich ist sich doch jeder der nächste. Also, wenn( wir) etwas bewegen wollen, sollten wir wir unser eigenes Ego in den Hintergrund stellen. Es geht ja um das Ganze. Bis dahin wünsche ich allen Petri Heil Euer Helmut enwie Mathias an deiner Seite gehabt hättest, wäre es mit Karriere etwas verlaufen.
  • nutzk
    aus Graz
    Hallo Tobias! Sehr guter Bericht, denn nur so kann es weitergehen. Es sollte so wie im Berufsleben sein nähmlich denn Jungen Mädls und Jungs eine fair Chance zu geben!! Ein gesundes Hobby bringt dir so vlie Erfahrung und die soll man doch weitergeben der Egoismus ist leider Tagesthema und verleitet zu all Negativen! Es ist wie im Alltag, ein guter und gesunder Zusammenhalt bringt Harmonie und Erfolg zu gleich!
  • nutzk
    aus Graz
  • Sportsfreund
    Nachwuchsarbeit
    Hallo Tobias! Meine aufrichtige Gratulation zu deinem Artikel. Leider werden diese Problematiken nicht allzu oft von bekannten Anglern offen ausgesprochen. Die Verschwiegenheit und eine gewisse Geheimnisgrämerei werden immer als Tugenden jeden Anglers genannt, wofür gefälligst Verständnis aufzubringen ist, wenn man seine "Waffen" für sich behält, um beim nächsten Wettkampf dem anderen wieder ein paar Kilo abzunehmen. Ein gewisser Konkurrenzkampf belebt den Sport. Dass die aktiven Sportler immer weniger werden, ist aber die Kehrseite der Medaille und leider eine Tatsache, der man sich zu stellen hat. Ohne Strategie und aktiver Nachwuchs-Arbeit, geht die Wettfischer-Szene dem Ende entgegen. Wie bekannt ist im Wort Jugend-Arbeit, das Wort "Arbeit" sehr prominent enthalten, wovor viele Anglerkollegen zurückschrecken, wie der Teufel vorm Weihwasser.....sie leben lieber selber ihre Leidenschaft, anstatt sich konsequent um andere zu kümmern. Mit der Begründung "Mir hat damals auch niemand geholfen" behalten sie die Tips lieber für sich und nehmen in Kauf, dass sie in einigen Jahren immer noch mit den gleichen Kollegen bei den Bewerben sitzen, die aufgrund des von dir angesprochenen Durchschnittsalters immer weniger werden und wenn kein Nachwuchs besteht, ist es bald vorbei. Um wie du richtig beschrieben hast, Fehlinvestitionen zu vermeiden, sind Neueinsteiger auf die Beratung von ehrlichen Kollegen angewiesen. Leider beobachte ich oft das Gegenteil. Die Unerfahrenheit der wenigen Nachwuchsangler oder Quereinsteiger wird von den selbsternannten Profis genutzt, um sein genutztes und ermüdetes Angelzeug noch für einen guten Preis loszuwerden. Auch als Testpersonen eignen sich "die Neuen" besonders gut. Man gibt ihnen vermeintliche Tips, deren "Stress-Test" dem erfahrenen Angler beim Bewerb zu riskant erscheint und beobachtet, ob die Theorie funktioniert. Wenn nicht......Pech für den Neuling. Das eigene Ego steht oft im Vordergrund, die Beobachtung aus der Vogelperspektive zeigt aber ganz klar, dass die Angler selbst aktiv werden müssen um das Aussterben der sportlichen Friedfischangelei zu verhindern. Wir sind selbst dafür verantwortlich uns zu organisieren und uns als Gemeinschaft zu sehen.
  • P.reston
    aus St. Margarethen
  • trabucco
    Hallo Tobias, ich habe mich aufgrund deines Artikels hier auf der Seite angemeldet weil du mir aus der Seele sprichst. Bewusste Fehlinformationen oder z. B. der Einbau von einem Sichtschutz an der Feederbox finde ich unmöglich und sehr demotivierend. Leider gibt es kaum ein Mitteinander, da sollten wir uns mal eine Scheibe von den Engländern oder Irländern abschneiden, die vollkommen offen und ehrlich sind. Warum sind denn die Engländer so erfolgreich? Wenn die Angler untereinander offener wären, könnten alle davon profitieren und sich weiterentwickeln. Vorbildfunktion sollten vor allem die Größen der Szene sein, leider kann ich da nichts entdecken. Vielleicht findet nach solchen Artikeln ein Umdenken statt, wünschenswert wäre es. VG Jochen
  • brassenopa
    aus eichwalde
    Hallo Tobias!Donnerwetter ,was für ein guter und auch wichtiger Kommentar!Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen denn er ist 100% Realität.Eigentlich gibt es doch aber auch 2 Gruppen von Anglern,die eine Sorte gibt bereitwillig Infos gerne weiter und die andere Sorte will nur IMMER Informationen haben ohne aber jemals auf den Gedanken zu kommen auch mal ihrerseits ein paar Infos rauszugeben!Solche Leute findet man auch!Leider ist es auch manchmal so das die Jugend von Heute ,so scheint es mir wenigstens,Berührungsängste hat.Da kann man dann natürlich auch nicht weiterhelfen.Bin schon mal gespannt auf deinen nächsten Beitrag!Weiter so!