Praxistest - Shimanorollen im Vergleich

  • von Markus Howanietz
  • 25. Juni 2013 um 08:45
  • 0

Nachdem im ersten Teil bereits zwei Feederruten aus dem Hause Shimano genau unter die Lupe genommen wurden, folgt hier der zweite Teil mit einem Test zweier passender Rollen. Die günstige Shimano Aernos tritt gegen den Klassenprimus Stradic an.

Shimano Aernos und Stradic


Viele Rollenanbieter überfluten die Käufer beinahe mit Technikdetails zu ihren Produkten. Ich gebe zu, dass diese Herstellerangaben, mit Teils selbsterfundenen Angaben und Features, mich häufig ein wenig überfordern und für mich auch nicht außerordentlich relevant sind. Für mich zählt nur die Praxis, in der schon so manch gepriesene Superrolle mit einem Dutzend Kugellager und dem Super- XY- Getriebe kläglich versagte. Wer aber trotzdem Wert auf eine genaue Beschreibung der Produktfeatures der beiden Testrollen legt, dem sei folgender Link ans Herz gelegt:

http://fish.shimano-eu.com/publish/content/global_fish/de/nl/index/customer_service0/glossary.html

Lieferumfang:

Shimano Aernos 3000 SFA

Shimano Aernos
  • Karton

  • Rolle mit Spule

  • Ersatzspule

  • Unterlegscheiben

  • Bedienungsanleitung


Shimano Stradic 3000 SFD

Shimano Stradic
  • Karton

  • Rolle mit Spule

  • Ersatzspule

  • Unterlegscheiben

  • Bedienungsanleitung


Shimano Aernos 3000 SFA

Als ich die Aernos ihrem Verkaufskarton entnehme, bin ich angenehm überrascht. Das Design ist wirklich wunderhübsch. Das Graphitgehäuse ist in einem dunklen Anthrazitton gehalten und wird durch weinrote Akzente in Metallicoptik an Spule und Kurbel deutlich aufgewertet. Letztere ist zum Transport anwinkelbar und der Kurbelknauf ist mit griffigem Moosgummi überzogen. Die Rolle verfügt über ein großes Schnurlaufröllchen und einem Standard Lineclip, der sauber gearbeitet wurde.

Aernos Details

großes Schnurlaufröllchen und griffige Bremse

Getreu der Namensgebung hat Shimano die hier getestete Aernos FA mit einer griffigen Frontbremse ausgestattet.

Das Fassungsvermögen beträgt jeweils 100m 0,30mm, 140m 0,25mm oder auch 340m 0,16mm (für die Matchrutenangler unter uns) Schnur. Pro Kurbelumdrehung werden davon 74cm eingezogen, was durch eine Übersetzung von 5,2:1 erzielt wird. Die Rolle fühlt sich mit 255g angenehm leicht an. Nur fünf Kugellager und ein Walzenlager sollen für Laufruhe sorgen.

Das Rollenpaket beinhaltet insgesamt zwei vollwertige, kaltgeschmiedete Aluminiumspulen der Größe 3000 S, die mit einer v-förmigen Abwurfkante versehen sind. S steht hier für „flach“ (englisch shallow), was besonders bei dünnen und teuren Schnüren, wie Geflochtenen, von Vorteil ist. Für eine komplette Schnurfüllung ist einfach weniger Schnur als bei tiefen Spulen notwendig. Das schont den Geldbeutel, und ein regelmäßiger Wechsel der Hauptschnur fällt umso leichter. Die v-förmige Abwurfkante soll die Schnur beim Wurf  im engen Radius von der Spule gleiten lassen und somit für weitere und saubere Würfe sorgen.

 

Shimano Stradic 3000 SFD
Die Stradic -mittlerweile in der fünften Produktgeneration- liegt ebenfalls in der 3000er (SFD) Variante mit Frontbremse vor um eine direkte Vergleichbarkeit zu schaffen. Der Lieferumfang ist zur Aernos identisch.

Unterschiede finden sich erst einmal direkt im Design wieder. Klassisch in Weiß gehalten wird die Rolle durch Chromapplikationen und mattem, kühlem Spulendesign veredelt. Die v-förmige, goldfarbene Abwurfkante passt gut zum Gesamteindruck.

Am Schnurfangbügel zeigt sich ein weiterer Unterschied zur günstigeren Rolle. Dieser ist hier aus einem Stück gefertigt worden. Somit können selbst feinste, geflochtene Schnüre sich nicht mehr an Vertiefungen oder Überstanden verfangen.

Stradic Schnurfangbügel

Aus einem Stück gefertigt. Hier kann sich nichts verfangen

Anders als die Aernos ist die Stradic mit einer umklappbaren Doppelkurbel ausgestattet. Die Übersetzung beträgt flotte 6,0:1, und pro Umdrehung werden 88cm Schnur eingezogen. Mit einem Gewicht von 295g liegt die Rolle spürbar schwerer in der Hand als das kostengünstigere Pendant. Für einen ruhigen Lauf sollen 4 Kugellager und ein Walzenlager sorgen. Der Lineclip ist ebenfalls als Standardversion ausgeführt. Er ist sauber verarbeitet und besitzt keine scharfen Kanten. Das Fassungsvermögen der Aluspulen ist mit denen der Aernos identisch.

Praxistest:

Wie schon zuvor im ersten Teil kurz erwähnt, teste ich die Rollen zeitgleich mit den Commercial Feederruten.

Beim ersten Praxistest findet die Kombination Einsatz in einem Ruhrgebietshafen. Nachdem die Rollen mit der 0,16mm Schnur montiert und Korb sowie Quick Change Bead angebracht sind, kann es schon losgehen. Als ich die Aernos-Beastmaster-Kombination zum ersten Mal in die Hand nehme, wird sofort klar, wie gut beide Testkandidaten zusammen passen. Die Aernos bringt die Beastmaster beinahe ins perfekte Gleichgewicht und lässt die Kombination fast gewichtslos wirken. Das kompakte Gehäuse passt optimal zur feinen Rute.

Beastmaster und Aernos
Tolle Kombination: Beastmaster und Aernos


Voller Spannung hole ich zum ersten Wurf aus. Dieser gelingt auf Anhieb präzise und zielgenau. Die dünne Schnur gleitet dabei sauber über die Abwurfkante und zeigt keine Spur von Drall- oder Verwicklungsneigung. Da die gewünschte Entfernung auf Anhieb erzielt wird, befestige ich die Schnur direkt im Lineclip.

Der Bügel der Aernos klappt leichtgängig und sicher um, und das extra große Schnurlaufröllchen fängt die Schnur sauber und präzise ein. Beim Einholen wickelt die Aernos diese sichtbar gut auf. Die Schnurverlegung ist gleichmäßig und einwandfrei.

Shimano Aernos

Keine Selbstverständlichkeit: gute Schnurverlegung beim günstigen Rollenmodell

Der Rollenlauf kann nur als geschmeidig bzw. sanft bezeichnet werden. Es treten keine Unwuchten oder andere unerwünschte Erscheinungen auf. Die Rolle läuft äußerst leichtgängig und fast wie von selbst. Die Kurbel weist nur sehr geringes Spiel auf, und die Rücklaufsperre arbeitet akkurat. Sehr schön!

Nachdem ich ein Gefühl für die erste Kombination erhalten habe, greife ich nach 30 Minuten zur Speedmaster mit der Stradic 3000. Diese Kombination liegt tatsächlich noch ein wenig satter und ausgewogener in der Hand. Da die Rolle auf Anhieb optimal zum Gewicht der Rute in 11ft passt verzichte ich auf eine mögliche Nachjustierung per Bleigewichte.

Beim Fischen arbeitet die Stradic perfekt. Sie fühlt sich allerdings komplett anders als die Aernos an. Während bei letzterer das Einholgefühl eher durch Leichtigkeit geprägt wird, ist es bei der Stradic eine Art kraftvolle Konstanz. Rolle und Kurbel scheinen wie aus einem Stück gefräst. Bewegungen werden sofort und ohne das geringste Spiel umgesetzt. Dadurch kommt einfach ein solides und massives Rollengefühl auf. Die Doppelkurbel verleiht der Stradic außerdem einen hervorragend weichen Lauf, wie er besser nicht sein könnte. Die Schnurverlegung erfolgt präzise und tadellos.

Shimano Stradic Schnurverlegung

exakte Schnurverlegung auch mit starker Schnur

Beim ersten Anhieb zeigt sich anschließend, dass die Rücklaufsperre der Stradic wirklich außergewöhnlich gut arbeitet. Sie bietet keinen einzigen Millimeter Spiel und ermöglicht so eine direkte Kontaktaufnahme zum Fisch.

Im weiteren Praxisverlauf machen die Rollen auch erste Bekanntschaft mit größeren Fischen.
Da der Winter eine kurze Pause einlegt und beinahe frühlingshafte Temperaturen von bis zu 10°C das Anglerherz höher schlagen lassen, wage ich den einen oder anderen Ansitz am Kanal. Mit Erfolg! Es gehen gute Rotaugen bis zu 500g an das sehr feine Geschirr. Dabei wird deutlich, dass sowohl die Aernos als auch die Stradic über fein regulierbare Bremsen verfügen. Sie geben gleichmäßig und ruckfrei Schnur, und selbst mit dünnsten Vorfächern arbeiten sie richtig gut. Die Schnurfangbügel lassen sich auch nach monatelanger Nutzung noch immer leichtgängig umlegen, und das große Schnurlaufröllchen beider Rollen hat sich in der Praxis bestens bewährt. Die Schnurverlegung hat kein bisschen nachgelassen und der Lauf der Rollen ist nach wie vor absolut begeisternd.

Auch unter Belastung, wie beim Angeln auf Karpfen, konnten beide Rollen total überzeugen. Allerdings zeigte sich hier eine kleine Schwäche der Stradic. Mit kalten Fingern war es fast unmöglich dickere Schnur, wie die ebenfalls verwendete 0,25mm Mono, in den Lineclip zu bringen. Der Clip ist sehr tief in der Spule versenkt und auch ziemlich stramm montiert worden. Eine Nachjustierung mit dem Fingernagel machte die Benutzung dann aber doch noch deutlich einfacher.

Shimano Stradic Lineclip

Zu tief eingelassen? Der Lineclip machte Schwierigkeiten im Test.

Davon abgesehen lieferten beide Rollen auch unter voller Belastung und Minustemperaturen ein überzeugendes Gesamtbild und ließen mich im gesamten Testzeitraum nie im Stich.

Fazit:

Die Shimano Aernos 3000 SFA konnte im monatelangem Praxistest ihre Qualitäten beweisen.
Dabei hat sie mit ihrem leichtgängigen Lauf, der feinen Bremse und ihrer guten Verarbeitung bewiesen, dass eine gute Rolle auch unter 100€ zu haben ist. Im Test ließ sie zu keiner Zeit das Gefühl aufkommen, dass man eigentlich mit einer günstigen Rolle der Einsteigerklasse fischt.

Ganz im Gegenteil! Die Aernos kann locker mit Rollen mithalten, die mindestens eine Klasse höher angesiedelt sind. Dem preisbewussten Angler kann dies nur Recht sein. Für knapp 80€ bekommt man eine Rolle, die in allen Angelsituationen überzeugt und dabei wie eine große zu Werke geht. Einschränkungen oder Kompromisse müssen, trotz des geringen Preises, nicht gemacht werden.

Zuverlässigkeit kombiniert mit einer tollen Optik macht die Aernos 3000 SFA zu einem echten Highlight im unteren bis mittlerem Preissegment. Aus diesem Grund kann der Shimano Aernos 3000 SFA eine klare Kaufempfehlung ausgesprochen werden.

Die Shimano Stradic ist aus dem modernen Friedfischangeln nicht mehr wegzudenken. Schaut man sich am Wasser einmal genauer um, dann ist dort, gerade bei erfahrenen Anglern, die weiße Rolle seit vielen Jahren zu finden.

An diese Tradition knüpft die Stradic der aktuellen Generation an. Bereits aufgrund ihres Gewichtes lässt sie einen hohen Materialaufwand vermuten. In der Praxis wird dies durch außergewöhnliche Laufruhe und nicht vorhandenem Spiel der Kurbel und Rücklaufsperre deutlich.

Die Stradic besticht durch Präzision und weist sehr geringe Fertigungstoleranzen auf. Jede Bewegung wird direkt und ohne das geringste Spiel an die Rolle übertragen.

Die hervorragende Bremse rundet das sehr gute Gesamtbild ab.
Verbesserungspotential sehe ich einzig in der Positionierung oder vielleicht auch Ausführung des Lineclips.

Davon abgesehen ist die Stradic eine herausragende Rolle, die bestens für die Feeder- und Matchangelei geeignet ist.

Sie ist ein Paradebeispiel dafür, dass intelligente Konstruktion wichtiger ist, als ein bloßer Kugellageraufdruck auf dem Verkaufskarton.

Die hohe Qualitätsanmutung und Zuverlässigkeit wird auch diese Rollengeneration zum Klassiker werden lassen.

Qualität hat ihren Preis, und in Hinblick auf die gebotene Leistung, geht der aufgerufene Preis von ca. 160€ für das Frontbremsenmodell absolut in Ordnung.

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