Die EM 2007 in Italien Teil 1

  • von ct redaktion
  • 29. Juni 2007 um 18:02
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Teil 1

Technisch perfektes Angeln zeigten die Mannschaften aus Italien, England und Frankreich bei der 13. Europameisterschaft in Italien am Cavo Lama in der Nähe von Modena. Dass am Ende die italienische Mannschaft mit knappen 2 Pünktchen die Nase vorne hatte, dürfte sicherlich am Heimvorteil, der besseren Gewässerkenntnis sowie der größeren Erfahrung bezüglich der Angelei auf Karauschen und natürlich auch am letzten Quäntchen Glück gelegen haben.


Der Cavo Lama

Beim Cavo Lama handelte es sich um einen 35 bis 40 Meter breiten Kanal mit einer maximalen Wassertiefe von 3 Metern und maximal leichter Strömung. Teilweise sorgte auch ein kräftiger Wind für eine Oberflächenströmung, so dass überwiegend mit Posen von 0,50 bis 2,00 Gramm gefischt wurde. Eiförmige Posen mit gelber Antenne waren am häufigsten zu sehen und auch bei den führenden Nationen in Gebrauch. Das Wasser war sehr trübe und für eine optimale Bisserkennung wurde der erste Zentimeter der Antenne schwarz eingefärbt, so dass auch Hebebisse optimal zu erkennen waren.



Denn es gab viele Bisse und diese in allen Wassertiefen. Dazu eine typisch italienische Bebleiung, die der nicht so routinierte Sportsfreund auch schnell zu einem Knäuel vertüddelt. Eine technische Angelei war es insbesondere dadurch, dass Rutenspitze und Pose max. 30 Zentimeter voneinander entfernt waren und ständig gefüttert wurde. Dabei galt es beim Füttern mit der einen Hand die Rute ruhig zu halten und die Pose im Wasser nicht zu verreißen. Die andere Hand war immer in den Ködern, sei es in den losen Maden dem Mais oder zum Drehen der geklebten Maden zu kleinen Bällen. Nach dem Absetzen der Montage und dem Absinken des Köders musste die Montage wieder einige Zentimeter aus dem Wasser gelupft werden, sofern nach 5 bis 6 Sekunden kein Biss erfolgte. Füttern, formen, anschlagen, die Pose führen – wer hier alles nacheinander machen wollte, war von Anfang an verloren. Und wer nicht sauber fütterte erst recht. Die losen Maden weit vor die Pose die geklebten kurz vor die Pose und den Mais um die Pose herum. Pose sauber einsetzen, den Anhieb wegen der vielen Fehlbisse so setzen, dass die Pose schnell wieder sauber steht, sofern der Fisch nicht hängt – das klappte nicht bei jedem Teilnehmer so perfekt wie bei den Italienern, Engländern oder Franzosen. Unregelmäßiges, ungenaues oder zu starkes Nachfüttern führte dazu, dass die Fische verrückt spielten, kreuz und quer über den Futterplatz schossen und Fehlbisse in Serie verursachten. Dazu seit einer Woche 35° Celsius und immer die Sorge, dass die Köder die Hitze nicht überleben. Trinken nicht vergessen und je nach Taktik wurde dazwischen auch noch der Pole-Cup geschoben… Alles andere als ein ruhiger Angelurlaub!


Lutz Weissig mit einem schönen Trainingskarpfen
 
Die Gewässerwahl war wirklich optimal. Absolut gleichmäßige Plätze und jede Menge Fische, machten den Kanal zu einer Top-Veranstaltungsstrecke. Der holländische Nationalcoach Jan van Schendel sprach nach dem 2. Durchgang sogar von der besten Strecke, die er im letzten Jahrzehnt gesehen oder geangelt hatte.
Zwei Taktiken kamen eigentlich nur in Frage, um ein optimales Fanggewicht zur Waage zu bringen. Erstens eine hohe Stückzahl, was je nach Sektor zwischen 200 bis 250 Fischen bedeutete oder die Sondierung der größeren Exemplare.
Im Training zeigte sich zudem, dass die Matchrute am anderen Ufer mit einem großen Köder keine schlechte Option war. Man konnte davon ausgehen, dass man dort alleine fischte und gerade die größeren Karpfen und Karauschen tummelten sich am gegenüberliegenden Ufer, da sie sicherlich schon mehrfach Erfahrung mit den Haken auf der anderen Seite gemacht hatten. Starker Wind, ein Schmutzfilm auf dem Wasser oder viel Treibgut machten die Matchrutenangelei je nach Tagesbedingung allerdings zum Lotteriespiel. Zudem war unklar, ob die vielen erwarteten Zuschauer, denen komplett das den Anglern gegenüberliegende Ufer zugeteilt wurde, nicht für zu viel Unruhe sorgen würden.
Machten sie nicht und das war sicherlich die einzige Enttäuschung der Veranstaltung, denn auf der Zuschauerseite verloren sich an beiden Tagen maximal 150 Interessierte. Für uns unerklärlich und vor Ort auch nicht aufzuklären, warum in der Angelhochburg Italien nicht mehr Zuschauer an den Kanal kamen. Auch die zahlreichen renommierten italienischen Firmen aus dem Bereich der modernen Friedfischangelei zeigten dort kaum Präsenz und möglicherweise war im Vorfeld zu wenig für die Veranstaltung geworben worden.


Teamchef Thomas Engert beim täglichen Wiegen

Das tat dem hochrangigen Starterfeld und der erstklassigen Angelei aber keinen Abbruch.
Unsicherheit gab es seitens der Italiener im Vorfeld nur in Bezug auf die Mückenlarven. Vom Frühjahr bis zum Herbst werden am Cavo Lama jeweils am Donnerstag, Samstag und Sonntag Wettkämpfe geangelt und Mückenlarven sind nicht zugelassen. Was würden also die Mückenlarven bringen, wie würde sich die Strecke in der Trainingswoche verändern, wenn jeden Tag Mückenlarven gefüttert würden? Auch nach 5 Tagen Training konnte kaum jemand die Situation bez. der Mückenlarven einschätzen und daher durfte man auf die Futterkontrolle gespannt sein, die dann zeigen würde, wer welche Köder im Einsatz hatte. Grundsätzlich waren sicherlich die Überlegungen, dass man mit den Mückenlarven die vielen kleinen Karauschen noch verrückter und noch mehr Fische auf den Platz holte, dafür aber vielleicht den einen oder anderen Karpfen mehr für den Futterplatz begeistern konnte bzw. die Karpfen auch etwas länger hielt. Die favorisierten Teams aus England, Frankreich, Belgien und Ungarn hatten dann jeweils einen halben Liter Futtermücken am Platz und die deutsche Mannschaft verzichtete ebenso wie die Italiener auf die Futtermücken und hatte nur einige große Mückenlarven für den Haken dabei. Es wurde erwartet, dass zumindest Frankreich und Belgien auf Mückenlarven und eine hohe Stückzahl an Fischen setzen würden, die Italiener planten dagegen wohl ebenso wie das deutsche Team eher mit einem größeren Durchschnittsgewicht. Bei 2,5 Litern Köder musste sorgfältig abgewägt werden, welche Ködertaktik man fahren würde, denn es mussten ständig lose Maden geworfen werden, zusätzlich galt es auch genügend geklebte Maden zu haben. Maden gab es dazu in allen Farben, am Ende waren die einfachen weißen und die gelben Maden am erfolgreichsten.


Maden in allen Farben

Bei der Futterfarbe waren sich alle Teams hingegen relativ einig. Grobes, gelbes oder naturfarbenes Futter sah man in fast allen Futtereimern. Nur die Belgier machten eine Ausnahme und hatten schwarzes Futter. Dazu 2 bis 4 Dosen Mais, teilweise auch Hanf oder gequollener Weizen.

Die deutsche Mannschaft ging mit Marco Beck, Ralf Herdlitschke, Günter Horler Lutz Weißig und Thomas Pruchnowski an den Start. Dazu kamen als Ersatzmann Henric Plaß sowie der für diese Veranstaltung verantwortliche Trainer Thomas Engert, Trainer Peter König, sowie Stefan Posselt und Lutz Schenke im Betreuerstab. Damit war gewährleistet, dass jeder Aktive während der Veranstaltung auch einen Betreuer zur Seite hatte und über Funkgeräte wurden Erkenntnisse, Veränderungen, Angeloptionen oder auch Veränderungen der Taktik schnellstens weitergegeben.


Die deutsche Mannschaft

Bereits im Training wurde schnell klar, dass an die Stückzahlen und Gewichte der führenden Nationen kaum ranzukommen war. Die deutsche Mannschaft fing zwar jeden Tag pro Angler  1 Kilogramm mehr als am Vortag, doch das ging fast allen Mannschaften so. Der Unterschied war nur, dass die anderen Nationen bereits am Trainingsmontag mit 3 bis 4 Kilogramm starteten, während die deutsche Mannschaft mit knapp 2 Kilogramm begann und sich bis zum Ende der Woche in der Spitze auf 6 Kilogramm pro Angler steigerte. Das lag natürlich auch daran, dass immer mehr Fische auf die Strecke kamen und die deutsche Mannschaft noch zu lange auf der 11 und 13 Meter Bahn agierte, während es sich immer mehr abzeichnete, dass die Entfernung um die 7 Meter, also mit den ersten 6 Teilen der Kopfrute am erfolgversprechenden sein würde.


Günter Horler mit einer der vielen kleineren Karauschen

Ab Mittwoch wurde somit verstärkt im kürzeren Bereich gefischt, was auch weitere Optionen in der Nachfütterung zur Folge hatte. Lose Köder konnten mit der Hand geworfen werden und es galt die optimale Strategie zur Nachfütterung herauszufinden. Optional war es möglich lose Maden zu werfen, Maden zu kleben und kleinste Madenbälle zu werfen oder größere Madenbälle zu cuppen. Mais war geworfen gut für das Geräusch, gecuppt gab es die Option größere Fische zu konzentrieren und auf Futter reagierten die Fische ebenfalls sehr positiv. Das Futter für die gesamte Mannschaft bestand aus

Sensas Superfond (7kg)
Sensas Carpes fine (7kg)
Sensas Pastonchino gelb (1,5kg)
Sensas Brotmehl fluo gelb (1,5kg)
Sensas Etang gelb (3 kg)

Das Carpe fine wurde mit 1 Dose Tracix gelb vorher trocken eingefärbt und dann untergemischt. Als Lockstoff nahm Teamchef Thomas Engert etwas von seinem Biscuitaroma und Orangenaroma. Eine gute Wahl, denn das Futter wurde sehr gut angenommen. Das Problem war (und das war sicher ein Luxusproblem), dass einfach zu viele Fische am Platz waren und insbesondere die Karauschen bei zu viel eingebrachtem Futter und Ködern regelrecht durchdrehten und Fehlbisse in Serie verursachten. Am Mittwoch und Donnerstag saß jeweils die italienische Mannschaft in der Box rechts des deutschen Teams und es konnte noch einmal aus nächster Nähe beobachtet werden. Am Mittwoch hielt Ralf Herdlitschke in punkto Stückzahl gut mit dem neben ihm sitzenden Italiener mit und auch am Donnerstag sah der Unterschied zwischen Henric Plaß und Gianluigi Sorti nicht so groß aus, doch jeweils hatten die Italiener über 2 kg mehr im Netz. Zu unterschiedlichen Zeiten legten sie jeweils Strecken von mehreren großen Karauschen und dem einen oder anderen Karpfen hin, ohne das der Grund dafür erkennbar war.


Es gab auch kleine Karpfen

Aus den Beobachtungen der anderen Nationen und den eigenen Erfahrungen wurde somit gefolgert, dass es sinnvoll war, Futterplatz und Angelplatz voneinander zu trennen, insbesondere die kleineren Fische zu beschäftigen und den größeren Exemplaren einen ruhigeren Platz zu bieten. Die deutsche Mannschaft fand zudem heraus, dass in den ersten 15 Minuten immer einige Karauschen jenseits der 200 Gramm Marke und auch Karpfen bis zu 1 Kilogramm auf den meisten Plätzen waren, die es gleich zu Anfang zu fangen galt. Mit einem Maiskorn am 16er bis 14er Haken konnte das erste Kilo teilweise schon in den ersten 10 Minuten im Netz sein. Was im Training hervorragend klappte, blieb allerdings bei unserer Mannschaft während der Veranstaltung ausnahmslos aus und die Nachbarn konnten mit kleinen Fischen schon einen ersten Vorsprung herausangeln. Eine andere im Training erprobte Variante klappte dagegen besser. 45 Minuten vor Schluss wurde noch einmal eine Futteroffensive gestartet, die noch einige größere Exemplare an den Haken brachte. Im 15 Minuten Takt wurden nun noch dreimal jeweils 4 Futterbälle und 3 Bälle geklebte Maden gecuppt. Der Platz hatte sich aufgebaut, es waren auch genügend größere Fische am Platz und diese kamen nun erst richtig ins Fressen.


Henric Plaß am 4. Trainingstag



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