WM Ungarn 2007

  • von Stefan Posselt
  • 13. September 2007 um 15:50
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Die italienischen Matchfischer sind dieses Jahr das Maß aller Dinge. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit viel zu oft hinter der Spitze, wurden dieses Jahr so viele Titel gesammelt wie noch nie. Die Club WM wurde durch das Trabucco Team gewonnen, der Europameistertitel wurde zusätzlich durch Gold und Silber in der Einzelwertung versüßt und nun auch noch der Weltmeistertitel bei den Herren, nachdem in Toledo schon die Damen am erfolgreichsten waren.


Die italienische Mannschaft im Freudentaumel

Im Vorfeld wurden aber natürlich insbesondere die mit dem Heimvorteil ausgestatteten Ungarn und natürlich auch die Engländer zu den Favoriten erklärt. Die deutsche Mannschaft hatte bei der Europameisterschaft 2004 an gleicher Stätte bereits Lehrgeld bezahlt und mit entsprechender Gewässerkenntnis und den Erfahrungen der Vergangenheit wurde ein respektables Ergebnis angepeilt.
Beim beangelten Teil des Velence Sees in der Nähe von Budapest handelt es sich um eine Regattastrecke mit kerzengeradem betonierten Ufer. Optisch gibt es bei einer durchschnittlichen Wassertiefe von 2,50 bis 3,00 Metern keine Unterschiede oder bevorteilte Plätze, unter Wasser sieht die Sache aber schon anders aus. Im Kopfrutenbereich verläuft die Kante sehr unregelmäßig und man erkennt beim Loten, wo der Baggerfahrer beim Ausbaggern seine Schaufel angesetzt hat. Die Kante konnte somit zwischen 11 und 17 Metern entfernt vom Ufer verlaufen und teilweise gerade abfallen. Sorgfältigstes Loten und Füttern war damit angebracht.


Die Strecke

Die Informationen und Gewässerkenntnisse im Vorfeld ergaben, dass man bis zur Kante Brassen bis 300 Gramm fangen konnte und direkt an der Kante die Karpfen vorbeizogen und auch dort zusätzlich Karauschen und Brassen zu fangen waren. Für eine vordere Platzierung würde es notwendig sein einige der bis zu 3 kg schweren Karpfen zu fangen, zusätzlich gibt es jedoch auch noch Ukeleis in ansehnlichen Gewichten, die insbesondere in den Endbereichen der Strecke gezielt beangelt werden können und bei Stückzahlen von 250 Stück Gesamtgewichte von bis zu 8 kg auf die Waage bringen. Es war also alles klar, bis sich das Wetter dann auch noch zu Wort meldete und massiven Einfluss auf das Beißverhalten der Fische nahm.
Ein Wetterumschwung direkt vor der Trainingswoche mit einem Temperatursturz und Dauerregen von Montag bis Donnerstag vernagelte den Fischen die Mäuler. Ukeleis wurden nur noch sporadisch gefangen und im Kopfrutenbereich gab es nicht einmal Bisse. Mit der kurzen Rute konnten an der Spundwand kleinste, 2 Gramm schwere Kaulbarsche gefangen werden, was jedoch keine Option war, denn in einer Entfernung ab 25 Metern waren mit der Matchrute größere Fische zu fangen. Am Ende der Trainingswoche waren dann schon überwiegend keine Kopfruten mehr im Einsatz und alles konzentrierte sich auf die Matchrute.


Auch bei Will Raison ging nichts auf die Kopfrute

Und auch mit der Matchrute war es schwierig. Konnten am Anfang der Woche noch 2 bis 3 kg pro Angler in einem Trainingsdurchgang gefangen wurden, so waren es im offiziellen Training am Freitag überwiegend Gewichte unter einem Kilogramm und die Ratlosigkeit lag in den Gesichtern der meisten Teilnehmer und Trainer. Achselzucken war zu sehen und das Wort „luck“ wurde sicherlich am häufigsten gebraucht, denn Glück konnten nun alle gebrauchen. Immerhin wurden zum Wochenende steigende Temperaturen prognostiziert und damit sollte auch wieder mehr Aktivität in die Fische kommen.
Die entscheidenden Faktoren, um erfolgreich zu sein, waren nun das Verhältnis von Futter und Erde, der Einsatz und die Menge der Köder, sowie natürlich die Matchrutenmontagen. Die Bolorute spielte bei allen Teams keine Rolle, nur der Lette Normunds Grabovskis hatte seine eigene Meinung und fischte sich mit der Bolo auf den 2. Platz der Einzelwertung.
Es galt also während der Trainingswoche die richtige Bebleiung für die Matchruten zu finden und herauszufinden, wie mit diesen Montagen gefischt werden musste.
Bei den  Engländern sah man die gesamte Woche fast nur ihre „Standard-Montage“ mit einem auf das Blei laufenden Waggler und die Bulk-Bebleiung von 6 bis 8 Gramm aus mehreren konisch zulaufenden Schroten und darunter in ca. einem Meter Abstand ein Schrot der Größe 2 bis 4 und nach ca. 8 bis 10 Zentimetern der Wirbel, an dem ein 20 bis 30 Zentimeter langes Vorfach montiert war.

     


Die Belgier und Ungarn fischten dagegen überwiegend feststehend mit Bleigewichten von einem halben bis ca. 2 Gramm, welche je nach Windrichtung und Unterströmung eingesetzt wurden. Ein ungarischer Redakteur und Kenner des Velence Sees meinte sogar, dass es mit am Wichtigsten sei, den Köder in der optimalen Geschwindigkeit zu präsentieren, was durch Verschieben des dem Haken am nächsten Bleis erreicht wird. Dazu kommt es auf die passende Vorfachlänge an und die ungarischen Angler hatten teilweise Matchruten ohne Wirbel aufgebaut, um so nur durch das Verschieben des letzten Bleis, dass dann auf einem 40 Zentimeter Vorfach montiert war, die Vorfachlänge variieren zu können.
Die deutsche Mannschaft versuchte sich anfangs der Woche mit beiden Montagen (Slider und feststehend), orientierte sich allerdings zum Ende der Trainingswoche immer mehr auf die von den (jeden Tag sehr gut fangenden) Ungarn benutzten feststehenden Montagen mit der kompakten 2-Punkt-Bebleiung.


Waggler und Bulkbebleiung von Will Raison

Während der gesamten Trainingswoche konnte das deutsche Team das Hauptproblem der extrem häufigen Fehlbisse nicht beseitigen und die durchschnittlichen Fanggewichte des Teams konnten nicht zufriedenstellen. Allerdings hatten dieses Problem fast alle Nationen, am Donnerstag konnten selbst die englischen oder belgischen Angler beim Beobachten anderer Teams gesichtet werden.
Um aber in der Mannschafts- oder auch Einzelwertung aufs Treppchen zu kommen bedarf es natürlich auch ein bisschen Glück und der Endplatz A 1 für Ralf Herdlitschke im ersten Durchgang brachte noch einen kleinen Schub für das Team. Ralf am Samstag also ganz außen und direkt daneben Diego da Silva aus Frankreich. Die Fotografen brachten sich in Stellung und Ralf versammelte die Fische auf seinem Platz.


Ein Leckerbissen für die Zuschauer: Ralf Herdlitschke vs. Diego da Silva

Mit 62 Ukeleis und zwei Brassen nach der ersten Stunde hatte er nach 1,5 Stunden zudem den ersten von zwei Karpfen eingenetzt und am Ende mit 6280 Gramm auch das beste Ergebnis im Sektor und das zweitbeste Ergebnis des Tages von insgesamt immerhin 200 Anglern aus 40 Ländern.


Ralf Herdlitschke nach dem 1. Durchgang

100 Gramm mehr hatte nur noch der Lokalmatador und zweimalige Einzelweltmeister Tamas Walter, der einige hundert Zuschauer um sich versammelt hatte und unter einem enormen Erwartungsdruck stand. Tamas war, sicherlich auch bedingt durch seine hervorragende Gewässerkenntnis, einer der wenigen, der massiv die Kante im Kopfrutenbereich fütterte. Grobes Futter und viele Maden flogen auf diese Spur und eine Stunde vor Schluss fing er tatsächlich einen 1,5 kg schweren Karpfen, der ihn ganz nach vorne brachte. Dass der Karpfen dabei gehakt war, machte die Sache natürlich nicht leichter und die Jubelstürme der Zuschauer waren beim einnetzen des Fisches auf der gesamten Strecke zu hören. Im Nachhinein war die Idee, die Kopfrute trotz der schlechten Trainingserfahrungen, massiv auf Karpfen zu füttern um eine Option auf den Bonusfisch zu haben, der Schlüssel für Tamas’ Sektorensieg. Diese Taktik konnte allerdings nur auf Plätzen angewandt werden, bei denen man mit der Pole hinter der Kante angeln konnte. Da aber auf vielen Plätzen nicht auf die Kopfrute gefüttert wurde, fanden die sicher wenigen, im Uferbereich umherziehenden Karpfen auch nur wenige Futterplätze vor, was die Chancen der jeweiligen Angler natürlich immens erhöhte.
Bei den anderen deutschen Teilnehmern lief es dagegen nicht bis gar nicht. Peter Schührer mit einer 32, Marco Beck mit einer 28, René Bredereck mit einer 31 und Stefan Posselt mit einer 17,5 blieben hinter den Erwartungen.


Marco Beck

Die taktische Ausrichtung des deutschen Teams unterschied sich nicht von der Ausrichtung anderer Teams. Die Anfangsfütterung bestand aus 20 – 30 kleinen Ballen, 5 – 8 Ballen Futter pur und der Rest Erde-/Futtermischung (am ersten Tag 70 % etwas dunklere ungarische Terre de Somme und 30 % Sensas 3000 Etang). Dann wurden bei jedem Wurf 1 – 3 kleine Bälle möglichst exakt auf den Angelplatz geschossen. Im Futter waren wenige Köder enthalten, meist kleine Mückenlarven (300 – 400 Gramm für 3 Stunden), wenige geschnittene kleine Würmer (1/8 l), einige rote Pinkys oder einzelne große Mückenlarven. Häufig konnten durch langsame, kurze Köderbewegungen in der Drift (1/2 Kurbelumdrehung) Bisse provoziert werden. Die Technik und Genauigkeit des deutschen Teams konnte im Schnitt nicht mit den Top-Nationen mithalten, doch andere Nationen mit schlechterer Technik lagen trotzdem vor uns. Das Problem blieb, entweder gab es keine Bisse oder diese konnten nicht verwandelt werden.


Harald Windel beim Nachfüttern

Die italienische Mannschaft fütterte nach der Anfütterphase bei jedem Wurf drei Bälle und erst als sich die ersten Fische einstellten, reduzierten sie auf einen geschossenen Ball. Blieben die Bisse aus, wurde wieder mehr gefüttert, um die Fische durch das Geräusch des einfallenden  Futterballes zu aktivieren. Ähnlich machten es die Engländer, die als eines der wenigen Teams immer noch mit Slider angelten. Guido Nullens, direkt neben Stefan Posselt, fütterte eine sehr weiche 50/50 Mischung, die er häufig aufplatzen ließ und angelte mit einer sehr leichten feststehenden Montage (max. 0,5g) mit 40 cm Vorfach eine Platzziffer 2 im E-Sektor. Der Köderanteil war bei den erfolgreichen Mannschaften immer sehr gering. Dafür wurde aber insbesondere bei der ungarischen Mannschaft auf sehr süßes und stark aromahaltiges Futter gesetzt und dieses schien die Fische auch mehr zu aktivieren.


Guido Nullens mit einem Brassen
 
Nach dem ersten Tag wurde das Ergebnis innerhalb des deutschen Teams analysiert und man kam einheitlich zu der Auffassung, dass der Futteranteil zu niedrig war, da man in jedem Sektor auch von Anglern der so genannten „kleinen“ Teams mit deutlich schlechterer Technik, aber teilweise purem Futter regelrecht vorgeführt wurde. Also wurde auf einen 50/50 Mix „aufgestockt“ und die Ködermengen sollten noch weiter reduziert werden. Die „Risiko“-Futterstellen für die Karpfen sollten dagegen mit „richtig Material“ vorbereitet werden. Alle Angler wurden in die gleichen Sektoren gelost (Harald Windel wurde für Peter Schührer eingewechselt), so dass jeder die Chance hatte, es in seinem Sektor besser zu machen.
Doch daraus wurde nicht wirklich etwas: Ralf Herdlitschke saß im Sektor A in einem eher schlechteren Bereich. Er setzte nach der Hälfte der Zeit alles auf eine Karte für die Einzelwertung und angelte nur noch auf Karauschen oder Karpfen, ohne aber belohnt zu werden. Leider gingen zudem im Drill zwei Karauschen und eine Brasse verloren. Harald Windel fand sich bei seinem Debüt im Nationalteam im Sektor B überhaupt nicht zurecht und musste sich mit PZ 36 zufrieden geben. Marko Beck konnte sich im C-Sektor etwas steigern, ohne aber ganz vorn mitmischen zu können. René Bredereck im D-Sektor konnte sich als Einziger richtig steigern, hielt lange mit den Besten mit und konnte mit PZ 9 ein gutes Ergebnis knapp hinter der Spitze erzielen. Wenn er den gehakten, aber leider verlorenen Karpfen eingenetzt hätte, wäre er ganz vorn dabei gewesen. Stefan Posselt konnte im E-Sektor nur die erste Stunde mithalten, dann gab es fast nur noch Fehlbisse und zum Schluss die PZ 34.


René Bredereck war der Lichtblick am 2. Tag

In den Gesprächen „danach“, konnten wir feststellen, das futtertaktisch alle Varianten erfolgreich waren (vom 80 Erde/20 Futter – Mix der am 2. Tag sehr starken Polen bis zum fast puren Futter waren überall gute Ergebnisse erzielt worden). Wichtig war ein konstanter Futter-Rhythmus ohne zu lange Pausen und ein möglichst genaues Angeln, um den Fischen nicht „hinterher rennen“ zu müssen. Der größte Fehler war offensichtlich unser zu tiefes Angeln mit ständig aufliegendem Vorfach (Angeln auf Brassen). Die Fische hielten sich meist leicht über dem Boden auf und sammelten fallende Mückenlarven ein. Die Ergebnisse der Franzosen oder anderer Spitzenangler (Conroy, Nullens,…) zeigen zwar, dass es nicht einfach war, vorn dabei zu sein, aber unser Team-Ergebnis ist definitiv nicht zufriedenstellend. Es ist nun an uns, unsere Fehler in der Vorbereitung zu analysieren und für die nächsten Veranstaltungen daraus zu lernen.


Der Weltmeister mit seinen Fischen am 2. Tag

Einzelweltmeister wurde der Engländer Alan Scotthorne, der sich nach zwei Nichtnominierungen bei der letzten WM in Portugal und der diesjährigen EM in Italien eindrucksvoll zurückmeldete. Wie auch alle anderen Teammitglieder der Engländer angelte er sehr sauber und diszipliniert. Jeder Wurf passte und die Futterkugeln wurden mit der Schleuder äußerst präzise geschossen. Zudem vertraute er dem Slider und deklassierte damit den neben ihm sitzenden routinierten belgischen Weltmeister Guido Nullens, der überwiegend feststehend angelte. Am Vortag war die Laune wegen des vermasselten Mannschaftsergebnisses bei Alan Scotthorne noch am Tiefpunkt. Zudem war am Samstag auch noch mit seinem Auto liegen geblieben. Der Einzel-Weltmeistertitel am Sonntag wird ihn aber sicherlich entschädigt haben. Dass 5 Punkte für den ersten Platz und jeweils 6 Punkte für Platz zwei und drei reichten, zeigte jedoch auch, dass man ein bisschen Platzglück haben musste.


Normunds Grabovskis (Silber), Alan Scotthorne (Gold), Lee Edvards (Bronze)

Der große Favorit Tamas Walter musste seinem Platz ebenso Tribut zollen wie der Italiener und Einzel-Vizeeuropameister Jacopo Falsini, die beide mit einer PZ 1 am ersten Tag aus dem Rennen gingen und am zweiten Tag ebenso wie Ralf Herdlitschke in Bereichen saßen, die eine Top 3 Platzierung nicht hergaben. Walter Tamas setzte in der letzten Stunde alles auf eine Karte und hoffte auf den Karpfen vom Vortag und die Enttäuschung war ihm später ins Gesicht geschrieben.


Der Druck war bei Tamas Walter groß, die Enttäuschung später auch


Text: Stefan Posselt, Bilder: Henrik Mocsari, Michael Borchers, Steffen Quinger, Sven Brehe, Henric Plass
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