Die Handicap-WM 2011 in Boretto / Italien

  • von Wolfgang Klatt
  • 07. Oktober 2011 um 12:31
  • 7

Am 2. und 3. September fand in Italien am „Fiuma Mandria“ nahe dem Städtchen Boretto im Rahmen der World Fishing Games die 13. Weltmeisterschaft für Angler mit Behinderung statt.

Das deutsche Team war nach einigen eher glücklosen Jahren hoch motiviert; wollte es doch  in die Fußstapfen unserer erfolgreichen Damen  treten, die schon 2009 an gleicher Strecke sowohl Einzel- als auch Mannschaftstitel erringen konnten.

Man zog Konsequenzen aus den Ergebnissen der letzten Jahre und entschloss sich für 2011 einige personelle Veränderungen im Team durchzuführen. So reisten dieses Jahr neben dem Teamcaptain Fritz Emonts die Angler Christian Neuendorf, Jörg Möller, Ralf Töpper, Reinhard Eder und Siegi Fuchs nach Italien. Unterstützt wurden die Angler von den Betreuern Enrico Pankow, Wolfgang Bahke, Heinz Drescher, Vanessa Wirkner und Wolfgang Klatt.
Es erwartete die deutsche Mannschaft eine anspruchsvolle Strecke und so wurden schon weit im Vorfeld Informationen gesammelt. Vielen Dank an dieser Stelle an Steffi Bloch und Ralf Herdlitschke, die uns aufgrund ihrer Erfahrungen an diesem Kanal mit Rat und Tat bei der Vorbereitung zur Seite standen.

Eine Idealle Angelstrecke
Slideshow - Das Gewässer


Der Fiuma Mandria ist ein ca. 35m breiter Bewässerungskanal mit einer durchschnittlichen Tiefe von 3,50m. Sowohl Strömung als auch der Wasserstand sind von der Bewässerung abhängig und schwanken stark. Die Hauptfische sind Karauschen von 100 bis 300gr, Brachsen von 50 bis 1500gr und Karpfen ab 500gr aufwärts. Das ganze Team war sich einig: der Kanal und die Angelei am Fiuma Mandria ist ein Traum. Zudem ist die Strecke sehr fair und ausgeglichen. Ein Grund bestimmt dafür, warum an diesem Kanal mehrmals in der Woche Angelveranstaltungen stattfinden. Speziell dazu sind am Kanalufer in einem Abstand von 10m ca. 400!! Stege gebaut worden. 

Das Team reiste schon am Samstag an, um sich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen und sich an die hohen Temperaturen von 40 Grad und mehr zu gewöhnen. Von Montag bis Mittwoch durfte dann an der Strecke trainiert werden und die Durchgänge fanden aufgrund der World Fishing Games schon am Donnerstag und Freitag statt.
Man wusste aufgrund der Erfahrungswerte der Damen und guter Kontakte vor Ort, dass es eine Zeitlang dauert, bis der Fisch auf die gesperrte Strecke ziehen wird. So fielen die ersten Trainingsergebnisse am Montag sehr mager aus und von OF bis knapp zwei Kilo war alles mit dabei. Ab der Mittagspause wurde aber mehr Fisch gefangen und jeder war zuversichtlich dass die Strecke von Tag zu Tag besser werden wird.

Trainingseindrücke
Slideshow Trainingseindrücke


Die Angelei war sehr anspruchsvoll und wer nicht das machte was die Fische wollten, der sah am Ende schlecht aus. Das ganze Team arbeitete sehr gut zusammen  und versuchte gemeinsam an den Fisch zu kommen. Bei den abendlichen Besprechungen wurde jeder Tag analysiert und die Marschrute für das nächste Training festgelegt.
In Sachen Futter war man sich schnell einig und vertraute der Mischung, die schon den Damen zwei Jahre zuvor zum Sieg verholfen hatte. Sie bestand aus Turbo schwarz und etwas Kecksmehl. Das ganze wurde mit eingeweichtem TTX-Mais und Eicake angemacht. Dazu noch Brasem in flüssiger Form und fertig war das Futter.
Ein viel entscheidender Faktor waren die Köder und wie man diese einbringt. Hier spielten Maden die Hauptrolle, die perfekt mit Kies zusammen geklebt werden mussten, um nicht zu früh, aber auch nicht zu spät am Gewässerboden aufzugehen.

Die restlichen zwei Trainingstage wurden dazu genutzt, um verschiedene Fütterungstaktiken zu testen und die ideale Köderpräsentation zu finden. Es zeigte sich, dass sich jeder unserer Angler von Tag zu Tag steigern konnte und sicherer wurde. Wir fingen jeden Tag mehr als die Nationen in den Nachbarboxen und waren uns alle einig, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Auch die Stimmung und der Zusammenhalt im Team waren blendend.  Im Vormittagsdurchgang wurden die zuvor besprochenen Strategien umgesetzt, in der Mittagspause versorgte uns unser Chefkoch Fritz mit seinen Grillkünsten und Nachmittags durfte getestet und probiert werden, bevor es wieder ab zum Hotel ging, wo noch weitergebastelt und gefachsimpelt wurde.

Vormittags wurde konzentriert geangelt
Slideshow Trainingsablauf


Das Setup stand bei jedem und alle waren hoch motiviert und voller Vorfreude auf den ersten Durchgang.
Das Hauptaugenmerk wurde auf die 11,50m Bahn gelegt. Zudem sollte ein weiterer Futterplatz direkt vor den Füßen im ruhigeren Wasser angelegt und je nach Situation beangelt werden. Bei den  Montagen setzen sich im Training normale Strömungsposen von 1-5gr und Lutscherposen von 3 bis 12gramm mit einer typisch italienischen Kettenbebleiung durch. Dem 20 bis 30cm langen Vorfach folgten in immer kleiner werdenden Abständen größer werdende Bleischrote, die je nach Posengewicht unterschiedlich groß und weit auseinander waren. Gelotet wurde so, dass das letzte Schrotblei leicht am Grund auflag. Sehr wichtig bei dem immer wechselnden Wasserstand war die ständige Anpassung der Angeltiefe an die jeweilige Situation, um den Köder immer genau richtig anbieten zu können.

normale Strömungsposen von 1-5gr und Lutscher ab 3gr kamen zum Einsatz
Slideshow Posen und Montagen


Auch das Futter und das Futterkonzept standen.  7l Futter, 8 l schwerer Erde und 2l Kies zum Madenkleben wurden von Heinz Drescher früh morgens für jeden Angler hergerichtet. Vielen Dank noch einmal dafür Heinz!  Bei den Ködern vertraute man auf 1,25l weiße und bunte Maden, 0,25l tote Maden, 0,5l kleine Mücken, 0,5l Würmer  und  Vers de Vas für den Haken.

Zu Beginn sollten 8 Ballen Futter mit einigen toten Maden, 3 Ballen Erde mit Mücken, ein Ball Erde mit Würmern und 3 Bälle geklebte Maden auf die 11,50m Bahn gecuppt werden. Zudem sollte die kurze Bahn mit einigen Ballen für den „Notfall“ befüttert werden. Anschließend hieß es dann für alle Angler und Betreuer drei Stunden lang „cuppen, cuppen, cuppen“. Nach 10min sollte der erste Ballen geklebte Maden rausgeschoben werden. Drei Ballen Maden folgen einem Bällchen Erde-Futtergemisch mit kleinen Mücken und zerschnittenen Würmern. Der Rhythmus musste immer beibehalten werden. Sobald die Bisse nachlassen, sollte die Frequenz erhöht werden.

Nun musste noch die Frage geklärt werden, welche Angler im ersten Durchgang zum Einsatz kommen sollten und auch hier zeigte sich der sehr gute Teamgeist. Christian Neuendorf mit Betreuer Enrico Pankow sollten im ersten Durchgang noch nicht starten. Natürlich eine bittere Entscheidung aber die beiden zeigten sich sehr teamfähig  und gaben als Betreuer bei unerträglichen Temperaturen ihr bestes. Vielen vielen Dank noch einmal vom ganzen Team an euch beide. Solch eine Einstellung ist nicht selbstverständlich. Zudem wurde festgelegt, dass der Angler, der eine Platzziffer schlechter als fünf angelt, im zweiten Durchgang ausgetauscht wird.

Im Sektor A startete Ralf Töpper mit Betreuerin Vanessa, im Sektor B Jörg Möller mit Betreuer Wolfgang Bahke, im C Sektor Siegi Fuchs mit Heinz Drescher und im D Sektor Reinhard Eder zusammen mit Betreuer Wolfgang Klatt. Unser Teamcaptain Fritz Emonts sollte mit Enrico Pankow die Laufarbeit erledigen und Christian Neuendorf beobachtete die interessanten  Nationen wie Italien oder Frankreich.

Jörg und Betreuer Wolfgang
Slideshow 1. Durchgang


Nun wurde es ernst und der erste Durchgang begann. Alle setzen die zuvor erarbeitete Strategie um und nach der ersten Stunde waren alle deutschen Angler im vorderen Drittel. Es zeigte sich, dass wir mit unserer aggressiven Futterstrategie alles richtig gemacht hatten, denn wir konnten uns in den drei Stunden kontinuierlich steigern, wo andere Nationen abbauten. Am Ende war es in einigen Sektoren sehr spannend und knapp doch alle waren  zufrieden und gespannt auf die Waage.

Die Ergebnisse des ersten Durchganges:
A: Ralf Töpper PZ 5; 2760gr
B: Jörg Möller  PZ 3; 3610gr
C: Siegi Fuchs  PZ 3; 4730gr
D: Reinhard Eder PZ 2; 6750gr

Mit Platzziffer 13 war das deutsche Team auf Platz zwei; punktgleich mit unseren Nachbarn Tschechien, die nur ein höheres Fanggewicht hatten. Auf Platz drei auch sehr stark mit dreimal PZ 2 und einmal PZ 10 das Team aus Frankreich. Zudem gab es  für Reinhard noch die Chance auf eine Einzelmedaille.

Alle im Team waren hoch erfreut und guter Laune über diesen sehr guten ersten Durchgang.
Unsere Strategie war richtig und wurde für den zweiten Durchgang beibehalten. Nur bei der Anfangsfütterung entschloss man sich einige Ballen mehr einzubringen. Da keiner der Angler schlechter als PZ 5 war, wurde niemand ausgetauscht, ganz nach dem Motto „Never change a winning team.“ Christian und Enrico zeigten dafür Verständnis und gaben auch im zweiten Durchgang als Betreuer ihr bestes. Das ist Teamfähigkeit!

Das Los entschied, dass Siegi in den Sektor A musste, Jörg blieb in B, Ralf wechselte in den C Sektor und Reinhard Eder durfte an dem genau gleichen Platz wie im ersten Durchgang im D Sektor Platz nehmen.

Das Startsignal ertönte und die kommenden drei Stunden sollten zeigen, wer die Nerven, besser einen kühlen Kopf bei dieser packenden Hitzeschlacht am Fiuma Mandria bewahren  und die  Weltmeisterschaft für sich entscheiden wird.
Der zweite Durchgang hätte spannender nicht sein können. Rutenbrüche, minutenlange Karpfendrills an steil in den Himmel ragenden Ruten, verlorene Bonusfische und tobender Applaus beim Keschern großer Brachsen und  Karpfen. Frankreich schwächelte in fast allen Sektoren, dafür angelten die Gastgeber aus Italien einen starken zweiten Durchgang. Auch die Tschechen legten gut los und waren nach der ersten Stunde im vorderen Drittel mit dabei.  Stellte sich die Frage wie es bei den deutschen Anglern aussah.

die kampfstarken Karpfen…
Slideshow Karpfendrills


Siegi im A Sektor behielt die Ruhe und zeigte zusammen mit Betreuer Heinz die schon über die gesamte Woche anhaltende sehr gute Form. Mit  4700gr wurden sie mit PZ 3 belohnt. Sehr gut!

Im B Sektor startete Jörg gut in den zweiten Durchgang, fiel aber ab der ersten Stunde ab und zeigte leider Nerven. Mit 3320gr und PZ 6 war er ein wenig enttäuscht. Trotzdem eine starke WM von Jörg und Betreuer Wolfgang.
Im C Sektor saß unser „Sorgenkind“ Ralf. Leider und für alle im Team eher unbegreiflich, kam er zu Beginn der Woche nicht so zurecht wie erwartet. Ralf zeigte aber Ehrgeiz und steigerte sich täglich, wie auch im zweiten Durchgang. Mit 4510gr fehlte nicht viel nach ganz oben. PZ 4 war trotzdem eine tolle Leistung.

Im D Sektor verlief bei Reinhard und Betreuer Wolfgang die erste Stunde leider nicht nach Plan. Der Italiener am Endplatz und der linke Nachbar aus Kroatien starteten gleich mit einer Serie guter Fische. Eine verlorene Bonusbrachse bei Reinhard kam auch noch dazu. Aber er bewahrte die Ruhe; erhöhte den Futterrhythmus und nach etwas mehr als der Hälfte der Angelzeit hatten sich die beiden die Fische auf ihren Platz gestellt und die Aufholjagd begann. Einige schöne Brachsen waren schon gelandet als  ein Karpfen den Köder nahm und die Zuschauer sich hinter den beiden stapelten. Nach spannendem Drill war der Karpfen sicher gekeschert und noch Zeit für einige weitere Fische.

Nach dem Schlusssignal lagen die Nerven blank. Reicht es, um den Endplatz zu schlagen und den Sektor zu gewinnen? Dann wäre mit drei Punkten und einem sehr hohen Gewicht eine Treppchenplatzierung für Reinhard so gut wie sicher. Die Waage musste entscheiden und es reichte: Mit dem höchsten Gewicht der Veranstaltung von 9800gr gewann er seinen Sektor. Spitze!

Jörg startete gut in den 2. Durchgang.
Slideshow 2. Durchgang


Aber wie  sieht es mit der Mannschaft aus? Die Franzosen sind abgestürzt, dafür angelten die Italiener heute sehr stark. Was ist mit den Tschechen? Nun ging die Rechnerei los und als die tschechische Mannschaft jubelte, wusste man was los war. Platz eins mit nur drei Punkten Vorsprung ging an das tschechische Team vor Deutschland und Italien.
Schade, aber trotzdem eine hochverdiente Medaille für Deutschland, die sich die Mannschaft gemeinsam erarbeitet hatte. Die Tschechen hatten mit Petracek Ota und Sedlacek Bohumil zwei Angler mit jeweils 2 Punkten uns den beiden Durchgängen und gewannen zum dritten Mal in vier Jahren verdient die Mannschaftswertung, sowie die Gold- und Bronzemedaille in der Einzelwertung.

Sehr schade auch für Reinhard Eder, der mit PZ 3 und dem höchsten Gesamtgewicht der Veranstaltung nur auf Platz 4 in der Einzelwertung kam. Ganze 180gr fehlten ihm im ersten Durchgang zum Sektorensieg und zum Gewinn der Einzelgoldmedaille. That`s fishing.

Einzelgold und Bronze gingen nach Tschechien;  Silber holte sich England.
Slideshow Siegesfeier


Schlussendlich war sich aber das ganze Team einig, dass es eine traumhafte Woche in Italien war. Die Stimmung und der Zusammenhalt waren sehr gut und jeder in der Mannschaft ist schon voller Vorfreude auf die nächstjährige Weltmeisterschaft in Coimbra/ Portugal.

Die ganze Mannschaft möchte sich bei allen Unterstützern und Sponsoren bedanken besonders bei  unserem Hauptsponsor SPRO, den Firmen Mosella, Zammataro, Preston Innovation, G & D und Cralusso. Ohne Förderer wäre ein solcher Erfolg undenkbar. Vielen Dank!

Gruppenfoto
Wir sagen Danke!


Nebenbei bemerkt waren wir doch sehr enttäuscht von der Organisation vor Ort. So verpasste die deutsche Handicap Mannschaft aufgrund eines  unbesetzten Organisationsbüros die Eröffnungsfeier in Florenz. Zudem war die Organisation beim Losen katastrophal. Der erste Durchgang musste aufgrund Probleme nach hinten verschoben werden. Vor dem zweiten Durchgang gab es wiederum keinen Losschlüssel und so musste zum Beispiel der D Sektor zweimal ausgelost werden.           

Desweiteren verschob sich die Siegerehrung um mehr als eine Stunde nach hinten, sodass diese im Dunkeln ohne Beleuchtung abgehalten werden musste.
Sehr schade, aber trotzdem eine super Woche.

Ergebnisse unter:
http://www.sfwc2011.it/italiano/classifiche/FINALE_DISABILI.pdf

Und ein Video zu der Veranstaltung könnt ihr euch hier ansehen:
http://www.youtube.com/watch?v=0xwQQy0p9SY&feature=player_embedded

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7 Kommentare
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  • Wolfi
    ...
    Vielen Dank...sowas hört man immer gerne:)
  • Schrotti
    Meister Eder und sein ...
    ... Respekt Wolfi! Ein super Bericht. Ich hoffe wir dürfen noch öfters Beiträge von Dir hier auf der Seite lesen. Mach´weiter so!
  • Stippi47
    aus Bremen
    Handicap WM
    Klasse Leistung Jungs, seit langer Zeit endlich wieder auf dem Treppchen. Man sieht mal wieder was mit einer guten Organisation und Zusammen- halt der Mannschaft und Betreuer alles möglich ist. Herzlichen Glückwunsch an das ganze Team. Gruß Uwe
  • relixbo
    aus Witten
    hi
    Schöner Bericht :). Das gewässer sieht sehr schön aus. Von einer strecke mit 400 Stegen kann man hier bei uns nur träumen. Glückwunsch nochmal ans gesamte Handycap Team+ Betreuer und alles Gute für die weitere Zukunft! gruß David
  • Brassenkiller
    aus Pfreimd
    ...
    Klasse Bericht Wolfi, weiter so... :-)
  • Fritz
    aus eschweiler
    ...
    Vielen Dank Steffi. Leider hat uns die Hausmama ihre Kochkünste nicht präsentiert, wir mußten täglich in die Pizzeria.
  • steffi
    ....
    DAS IST JA DAS SIEGERQUARTIER!!!! Da haben wir auch genächtigt und der Hausmama ihre Kochkünste genossen. Gab´s auch hausgemachte Lassange??? Egal wie, echt superspitze gemacht! HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH an das ganze Team.