64. Weltmeisterschaft im Friedfischangeln 2017 Teil 2

  • von René Schulze
  • 22. November 2017 um 15:00
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Der zweite Tag

Die Wettervorhersage für den zweiten Tag versprach trockenes Wetter, die Freude auf ein wenig Sonne wurde allerdings schnell durch einen grauen Himmel und Wind getrübt. Nachdem ich am Sonnabend einen Blick auf das gesamte Teilnehmerfeld geworfen hatte, wollte ich am Sonntag näher ins Detail gehen. Mit einem Klappstuhl unter dem Arm ging es los mit dem Ziel, ein bis zwei interessante Teilnehmer zu finden, bei denen ich länger verweile, um deren Taktik während des Durchganges zu beobachten. Ich hatte die Tagessieger Will Raison und Luc Thijs im Blick, die heute in den hinteren Sektoren saßen. Auf dem Weg dorthin blieb ich allerdings im C-Sektor „hängen“, denn dort saßen auf den Außenplätzen C 37 der Belgier Kim de Page und auf C 38 der fünffache Einzelweltmeister Alan Scotthorne.  Es waren echte Außenplätze, denn außer zwischen den Sektoren A und B gab es zwischen den anderen Sektoren teilweise einen Zwischenraum von etwa 100 m. Alan Scotthorne und Kim hatten am Vortag ihren Halbsektor gewonnen, so dass auch beide eine Chance auf den Einzeltitel hatten. Das wussten auch die zahlreichen Zuschauer, die sich bereits bei meiner Ankunft zahlreich hinter den beiden versammelt hatten.

Der Belgier Kim de Page und der Engländer Alan Scotthorne im direkten Duell
Die Startfütterung beider Kontrahenten unterschied sich nicht merklich. Wie am Vortage bereits Will Raison, warf Alan einen kleinen Ball auf die 3-m-Bahn für die Grundeln und cuppte je 5 Bälle auf die beiden langen Bahnen in 10 und 13 m. Die Bälle waren aber insgesamt größer, so dass man von der deutlich höheren Futtermenge im Vergleich zu Will am Vortage ausgehen kann. So weit ich es beobachten konnte, waren die Bälle sparsam mit einigen kleinen und großen Mückenlarven versetzt.

Einer von Alans Futterbällen auf der langen Bahn
Nach dem Startschuss begannen wieder alle Teilnehmer Grundeln zu fangen. Alan verwendete die 3-m-Rute, Kim hingegen ein Topkit, mit dem er etwa in 5 m Entfernung zum Ufer angelte und bei der Landung jedes Fisches ein Teil abstecken musste. Er war aber trotzdem erstaunlich schnell, konnte aber Alans Fangfrequenz nicht ganz erreichen. Nach etwa 15 Minuten probierte es Kim auf der 10-m-Bahn und fing das erste Rotauge. Ein zweiter Fisch auf der langen Bahn ließ sich allerdings nicht fangen, so dass er wieder zum Grundelfischen wechselte. Alan registrierte das Rotauge, blieb aber weiterhin beim Grundeln. Etwa nach je 5 Minuten wurde die Grundelbahn befüttert mit einem kleinen Bällchen aus der Hand, in dem sich ein paar große Mückenlarven befanden. Der Hakenköder war nach wie vor ein Wurm oder Wurmstück, weil dieses am Haken länger hält und man mehrere Grundeln fangen konnte, ohne den Hakenköder zu wechseln.

Alans Grundelfutter
Nach einer guten halben Stunde Grundelangeln hatte sich Alan zahlenmäßig einen kleinen Vorsprung verschaffen. Kim wechselte wieder auf die lange Bahn und fing von nun an alle 4-5 Minuten ein Rotauge von etwa 100 - 150 g und sogar ein deutlich größeres von ca. 300 – 400 g, welches von den zahlreichen belgischen Fans mit einem Applaus kommentiert wurde. Ich stand hinter dem Engländer und dachte mir, warum Alan weiter auf dem Grundelangeln beharrte. Er saß auf dem Außenplatz, und es war anzunehmen, dass sich auch auf seinem Platz die Rotaugen eingestellt hatten. Er reagierte aber weiterhin gelassen und befütterte seine Außenbahnen stattdessen alle 10 Minuten mit einem Ball Futter und ein paar losen Castern. Ein englischer Betreuer hinter ihm kommunizierte per Handy ständig mit den anderen Betreuern, um über die Fangquoten der beiden Kontrahenten zu informieren.


Nach genau einer Stunde hatte Kim 36 Grundeln und 7 Rotaugen gefangen, Alan dagegen 73 Grundeln. Das bedeutete einen knappen Gewichtsvorsprung für den Belgier. Weil die Serie der belgischen Rotaugen nicht abriss, wechselte Alan jetzt auch nach einer kurzen Absprache mit seinem Betreuer auf die Rotaugenbahn, die auch sofort Fische brachte. Im weiteren Verlauf des Angelns fingen beide regelmäßig Rotaugen und zwischendurch hin und wieder eine Grundel. Beide fütterten regelmäßig ihre Bahnen, Alan schoss zusätzlich mit der Schleuder lose Caster auf 10 m und befütterte während des gesamten Durchganges auch noch die Grundelspur.
Nach Abpfiff brachte der Belgier 5039 g zur Waage, keine 300 g mehr als Alan Scotthorne mit 4791 g. Das bedeutete Rang 2 im Halbsektor für Kim und nur Rang 4 für Alan. Diese 2 Punkte Differenz sind für die Engländer sicherlich umso ärgerlicher, weil die anderen Team-Mitglieder mit 2 Halbsektorsiegen und zwei zweiten Plätzen stark gefischt hatten und den Belgiern dicht auf den Fersen waren. Alan muss sich also selbst die Frage stellen, ob es nicht klüger gewesen wäre, zeitiger auf die lange Bahn zu wechseln, denn die Rotaugen aus der ersten Stunde fehlten am Ende im Duell gegen die Belgier.


Als das Angeln allmählich dem Ende zu ging, hätte ich ab liebsten noch den Rest des Feldes besucht und beobachtet, aber wie bereits erwähnt, kann man nicht überall gleichzeitig sein. Wie haben die anderen Sektorensieger des Vortages gefischt? Konnten unsere Jungs sich noch einmal verbessern? Wer ist Weltmeister? Viele Fragen waren noch offen.
Nach Veröffentlichung des Endergebnisses standen Sieger und Platzierte fest. Belgien wurde zum 7. Male Weltmeister, dicht gefolgt von England und Frankreich. Bei meinem Interesse für die Belgier und Engländer hatte ich nicht bemerkt, dass die Franzosen am zweiten Tag mit Platzziffer 8 (1 – 1 – 2 – 2 – 2) die beste Nation waren.


Unsere Jungs konnten sich noch einmal verbessern und erfischten sich im zweiten Durchgang in zwei Halbsektoren eine einstellige Punktzahl, was in der Summe der beiden Tage Platz 28 bedeutete. Das ist sicher kein Wunschergebnis und unsere Mannschaftsmitglieder ärgern sich bestimmt selbst am meisten über ihr Abschneiden. Als Zuschauer kann ich nicht beurteilen, woran es denn am Ende genau lag. Ich weiß nur, dass alle Teilnehmer und Betreuer viel Mühe und Ehrgeiz investiert haben und die Bedingungen der Trainingswoche anders waren als in den beiden entscheidenden Durchgängen am Wochenende. Auch können wir uns mit Ländern nicht unbedingt vergleichen, in denen das Angeln einen ganz anderen Stellenwert hat und mehr Akzeptanz in der Gesellschaft genießt. Ausdruck dafür waren auch die beobachteten Zuschauerzahlen. Ich weiß nicht, wie viele deutsche Zuschauer bei der WM zugeschaut haben, aber es waren mit mir vielleicht gefühlte 10. Dabei habe ich schon Peter König, Günter Horler, mit dem ich an der Strecke auch kurz sprechen konnte, und andere Betreuer mitgezählt. Wir werden es meiner Meinung nach also immer schwerer haben als andere Nationen, aber ich sehe auch Chancen für die Zukunft, denn an guten Anglern mangelt es sicher nicht. Und unsere 5 Teilnehmer sind gute Angler, denn ich kenne einige persönlich und weiß, dass sie es besser können, als es bei dieser WM lief. Die nächste WM und EM wird kommen, also halten wir es wie die Fußballer: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!“
Meine letzten Ausführungen widme ich noch einmal den Siegern und Platzierten. Ich gönne es den Belgiern und Luc Thijs, der Einzelweltmeister wurde sowie den Platzierten Stéphane Linder aus Frankreich und Goeffrey Duquesne aus Belgien.

 Der gut gelaunte Belgier und am Ende Bronzemedaillengewinner Geoffrey Duquesne
Es ging sehr knapp zu, was auch daran zu sehen ist, dass man mit zwei Halbsektorsiegen noch nicht einmal aufs Treppchen kommt, wie der Schweizer Aaron Ferretti schmerzlich erfahren musste. Die Engländer haben im Nationenranking ihre Erfolgsserie fortgesetzt und sind sicher faire Silbermedaillengewinner. Glückwunsch auch noch mal an die Franzosen für ihren dritten Platz.


Gold für Luc Thijs (Mitte), Silber für Stéphane Linder (links) und Bronze für Geoffrey Duquesne (rechts)
Eine Frage beschäftigt mich aber seit der WM immer noch. Belgien gewann die WM mit Gesamtplatzziffer 18, danach folgte England mit 21 und Frankreich mit 24,5. Nun folgt ein großer Platzziffer-Abstand zu den nachfolgenden Ländern (Schweiz 49, Polen 51, Italien 56,5 usw.), die wieder alle dicht beieinander liegen. Können die ersten drei Nationen wirklich so viel besser angeln als der Rest der Welt? Ich vermute, es war auch eine Futterfrage. Einerseits wurde inklusive der Startfütterung von den erfolgreichen Nationen sehr wenig gefüttert und im Rotaugenfutter war nach meinen Informationen ein 40prozentiger Korianderanteil. Das ist extrem. Also ein sehr aktives Futter, das ständig und auch noch nach einiger Zeit arbeitet, indem es aufsteigende Partikel abgibt, die auch langsam wieder zum Grund sinken und so für eine sehr hohe Aktivität am Futterplatz sorgen. Vielleicht aber auch der Taubenmist? Wie ich in den Gesprächen mit den Belgiern erfahren konnte, angelten die Belgier mit speziellem Taubenmist. Speziell bedeutet dabei, dass die Tauben schon Wochen vor der WM mit einem Spezialfutter gefüttert wurden und der Mist an das belgische Nationalteam ging. Das zeigt natürlich, auf welchem Niveau geangelt wird und wie hoch die Latte bei einer Weltmeisterschaft hängen kann.


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