64. Weltmeisterschaft im Friedfischangeln 2017 - Teil 1

  • von René Schulze
  • 14. November 2017 um 11:00
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Die kurzen Entschlüsse sind bekanntlich oft die besten, sagt man zumindest. Auf unseren Entschluss, kurzerhand freitags nach Dienstende 750 km weit nach Belgien zu fahren, um mir 2 Tage lang die Weltmeisterschaft anzuschauen und am Sonntag nach Abpfiff wieder die gleiche Strecke zurückzufahren, trifft das jedenfalls zu. Ich bereue keine Minute, denn so nah kommt man in nächster Zeit nicht mehr an die besten Stipper der Welt heran.
In meinem nachfolgenden Bericht werde ich meine ganz persönlichen Eindrücke als Zuschauer schildern. Jedem Leser ist sicher klar, dass man nicht überall zur gleichen Zeit sein kann. Demnach kann ich nur das berichten, was ich selbst gesehen und für mich interpretiert habe ohne den Anspruch zu erheben, alles fachlich korrekt oder vollständig wiederzugeben.

Der erste Tag

Schon von weitem war der mächtige Betonturm des Schiffshebewerkes Ronquières zu sehen, der der 64. Weltmeisterschaft im Friedfischangeln zu seinem Wappen verhalf. Wie ein riesiges Monument thront das gewaltige Bauwerk über die reizvolle Landschaft. Nun, nach Ende der WM, haben sich die Belgier in diesem technischen Denkmal ihr eigenes Angeldenkmal geschaffen.

Die Plätze A1 bis A8 mit dem Schiffshebewerk von Ronquières im Hintergrund
Etwa 400 m vom Hebewerk entfernt begannen die Sektoren, die aus je 38 Angelplätzen für die 38 teilgenommenen Nationen bestanden. Dass es eine echte „Welt“-meisterschaft war, sah man daran, dass die am weitesten angereisten Angler aus Neuseeland und Südafrika kamen. Leider belegten  diese beiden Nationen dann am Ende nur die Plätze 37 und 38, was vielleicht auch verständlich erscheint, aber dennoch schade ist. Ich hoffe zumindest, dass sie sich die Lust am Stippen nicht ganz vergehen ließen.

Das Neuseeländische Team war unschwer am Outfit zu erkennen

Unser (meine Freundin hatte mich auf dieser Reise begleitet) erster Eindruck der Strecke war recht positiv, denn die Angelplätze sowie die Zuschauermeile lagen auf einem Wall, was den positiven Effekt hatte, dass man als Zuschauer nicht mal 10 m von den Anglern entfernt war und demnach gute Beobachtungsmöglichkeiten hatte. Aufgrund der teilweise regnerischen Tagesabschnitte, hatten große Angelschirme (besonders bei den Engländern) aber dafür gesorgt, dass trotzdem so manches Futtergeheimnis nicht offenbart wurde, und das ist auch in Ordnung so.

Der E-Sektor am etwa 50 m breiten Kanal Charleroi-Brüssel

An diesem ersten Tag galt mein Interesse dem gesamten Teilnehmerfeld, denn ich wollte die „Stars“ der Stipperwelt wenigstens einmal alle gesehen haben, wenn ich schon mal die weite Strecke von Dessau bis Ronquières gefahren bin. Auf dieser Erkundungstour entlang der Sektoren hatte ich Gelegenheit, das eine oder andere Wort mit den Teilnehmern des deutschen Teams Michael Wittig, Florian Gabelsberger, Thomas Del Fabro, Marco Von Holten und Claus Müller sowie dem Teambetreuer und Trainer Peter König zu wechseln. Ich erfuhr, dass erst wenige Tage vor der WM noch Fische in den Kanal eingesetzt wurden, die sich wahrscheinlich immer noch mehr oder weniger als großer Schwarm bewegten und demnach einem günstig sitzenden Angler entscheidende Vorteile bringen könnten. Des Weiteren besitzt der Kanal einen enormen Bestand an fingerlangen Grundeln, die einerseits den Futterplatz entscheidend stören können, andererseits aber bei gezielter Beangelung auch einen nicht zu unterschätzenden Teil des Gesamtgewichtes ausmachen können. Ich war also gespannt drauf, ob und wie die Teilnehmer darauf reagieren würden.
Ein entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Taktik war die Startfütterung. Auf meinem Gang entlang des Teilnehmerfeldes musste ich mich entscheiden, bei wem ich die Startfütterung, die 10 Minuten vor dem Angelbeginn stattfindet, genauer beobachten wollte. Meine Wahl fiel auf Will Raison vom englischen Team auf Platz B 14. Dieser machte auf mich einen zuversichtlichen und entspannten Eindruck und hatte auch noch ein Lächeln für die Zuschauer übrig.
Wie eingangs bemerkt, blieb die Zusammensetzung des Futters sowie die Anzahl und Art der Lebendköder im Futter den Zuschauern weitgehend verborgen, und auch beim Angeln selbst hatten beispielsweise die Engländer über jedem Futterbehälter ein Handtuch gedeckt. Mit Sicherheit benutzten sie aber mehrere Mischungen, eine für die Grundeln, eine für die Weißfische auf den langen Bahnen und möglicherweise auch nur pure Erde für die Mückenlarven. Letztere waren in der Menge begrenzt worden mit maximal einem Liter inclusive einem viertel Liter großer Mückenlarven als Hakenköder.  
 Ein gut gelaunter Will Raison vor der Startfütterung
Nach dem Startschuss zur Grundfütterung cuppte Will Raison einen Ball Grundelfutter auf 4 m, 4 Bälle Weißfischfutter ohne zusätzliche lose Köder auf 10 m sowie 5 Bälle mit einigen losen Castern auf 13 m.
Zu Beginn des eigentlichen Angelns stellte sich heraus, dass es sich bei dieser Weltmeisterschaft um ein reines Kopfrutenangeln handelte. Ich habe bei meinem Gang entlang der Sektoren auch keine einzige Rollenrute gesehen.

Alle Teilnehmer begannen den ersten Angeldurchgang  auf die gleiche Art und Weise. Die Engländer benutzten eine 3 m Whip, andere Angler ein Top-Kit, aber bei allen war der Haken mit einem kleinen oder halben Wurm bestückt. Es war Grundel-Zeit! Mindestens eine Grundel pro Minute musste es schon sein, sonst hatte man eine schlechte Grund(el)lage für das weitere Angeln. Die meisten Angler verbrachten eine ganze Stunde mit dem Fangen dieser kleinen Plagegeister. Der auf dem beinahe Außenplatz E 37 sitzende Luxemburger Alain Tarayre spezialisierte sich auf das Grundel-Angeln und benutze dazu eine etwa 15 g schwere Montage mit Bolopose, großem Tropfenblei und kurzem Vorfach auf der 3-m-Bahn. Der beköderte Haken erreichte nach dem Einsenken in weniger als 2 Sekunden den Grund, wo die Grundeln warteten und ohne Scheu an der Montage zerrten, was an einem ruckartigen Wackeln der großen Pose zu sehen war und mit einem Anschlag quittiert wurde. Alain fing mit dieser zwar wenig ästhetischen, aber dennoch sehr effektiven Methode immerhin  121 Grundeln in der ersten Stunde, was ihm Platz 4 in seinem Halbsektor einbrachte.

Wenn man nicht wüsste, man sei bei einer WM… Alain Tarayre beim Grundelangeln
Nach dem Grundelfischen wechselte das Teilnehmerfeld auf die 10-m-Bahn oder auf die 13-m-Bahn, um Weißfische zu fangen. Die in der Ausschreibung erwähnten Brassen, Karauschen und Karpfen machten sich allerdings rar. Ich hörte am zweiten Tag von einem Brassen, den der Engländer Sean Ashby gelandet hatte und sicher einen großen Beitrag zu seinem Sektorensieg leistete. Es galt also,  Rotaugen zu fangen und dabei möglichst den auch auf den langen Bahnen herumstreunenden Grundeln aus dem Weg zu gehen, denn nur beides zusammen schien der Schlüssel zum Erfolg zu sein. Mein Zuschauerinteresse galt also den Top-Teams und deren Taktik. Da wären zuerst natürlich die gastgebenden Belgier zu nennen, die mit ihrem Heimvorteil die beste Gewässerkenntnis hatten, dicht gefolgt von den Engländern mit Alan Scotthorne, Will Raison, Sean Ashby, Des Shipp sowie Steve Hemmingray, die in der Summe wohl die meiste Erfahrung mitbrachten, um dieses Problem zu lösen. Alan saß im Sektor A, Will hatte ich eine gute halbe Stunde beobachtet und nun war ich unterwegs in Richtung der Sektoren C, D und E.
Der C-Sektor war der von den Windverhältnissen ungünstigste Bereich der Strecke, denn es fehlte der schützende Wald im Hintergrund. Thomas Del Fabro vom deutschen Team stellte sich diesen Bedingungen so gut es ging und fischte das beste Ergebnis unseres Teams am ersten Tag.

 Thomas Del Fabro
Im Sektor D angekommen, brauchte ich die Belgier nicht lange zu suchen, denn schon von weitem waren sie unschwer an der sich hinter ihnen versammelten Menschentraube zu erkennen. Hans Slegers saß auf D 12 und konnte bei meiner Ankunft eine gute Serie Rotaugen auf der langen Bahn einsammeln, was am Ende mit 7623 g den Sieg im Halbsektor bedeutete. Er verwendete eine recht leichte Montage, die er nach jedem Fisch wieder gründlich mit meist großen Mückenlarven beköderte und langsam auf seinem Futterplatz einsetzte.

 Der Belgier Hans Slegers beim Landen eines seiner zahlreichen Rotaugen
Wie es die Belgier schafften, die Rotaugen so erfolgreich zu beangeln, blieb mir und sicher vielen anderen Zuschauern und Mitstreitern zunächst verborgen und wird im zweiten Teil des Berichtes noch einmal aufgegriffen. Die bereits erwähnte Montage und die Art ihrer Führung sind sicher nur ein kleiner Baustein des Erfolges gewesen.
Die Köderpräsentation bestand hauptsächlich darin, nach Absenken des Köders diesen recht ruhig zu führen und in der zuweilen auftretenden Strömung weitgehend zu blockieren. Die Bisse waren eindeutig, aber dennoch vorsichtig. Zwei Sekunden Wartezeit nach dem Absinken der Pose mussten es schon sein, um Fehlbisse zu minimieren.

Claus Müller vertrat das deutsche Team im Sektor D
Im E-Sektor saß der Lokalmatador Luc Thijs, der den Lesern bereits durch den Bericht zum Rotaugenangeln in gerade diesen belgischen Kanälen bekannt sein dürfte. Auch er konnte zahlreiche Rotaugen fangen und gewann seinen Halbsektor mit einer ähnlichen Taktik wie sein Landsmann Hans im D-Sektor.

Luc Thijs gewann souverän seinen Halbsektor mit 7682 g am ersten Tag
Sean Ashby saß im gleichen Halbsektor wie Luc, konnte ihn aber mit nur 3018 g und damit Platz 4 nicht gefährden. Er merkte selber, dass es nicht so recht lief und suchte Informationen bei den zahlreich mitgereisten englischen Betreuern. Am zweiten Tag lief es besser und er gewann seinen Halbsektor.

Sean Ashby vom englischen Team war mit seinem ersten Tag nicht ganz zufrieden
Am Ende des ersten Tages lagen die Belgier mit Platzziffer 8! (1 – 1 – 1 – 2 – 3) in Führung, dicht gefolgt von den Engländern mit ebenfalls 3 Halbsektorsiegen und Platzziffer 11 sowie Frankreich mit Platzziffer 16,5. Das versprach einen spannenden zweiten Durchgang, denn alle drei Teams hatten realistische Chancen auf den Weltmeistertitel. Unsere Jungs beendeten den ersten Tag mit Rang 30.
Will Raison holte sich den Tagessieg mit 9301 g, gefolgt von den Belgiern Luc Thijs und Hans Slegers. Unter den weiteren 7 Halbsektorsiegern waren ein weiterer Belgier, zwei Engländer sowie zwei Franzosen, was noch einmal die Stärke der drei führenden Teams unterstreicht. Zum Schluss seien auch noch der Schweizer Aaron Ferretti und Seppo Pönni  aus Finnland erwähnt, die einen starken ersten Durchgang fischten und ebenfalls mit Platzziffer 1 den ersten Durchgang beendeten.

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