Tobias Klein Kolumne - World Wide Wahnsinn

  • von Tobias Klein
  • 10. November 2014 um 08:00
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Friedfischangeln im Web

Die globale Vernetzung ist auch an uns Friedfischanglern nicht spurlos vorüber gegangen. Ging man einst "nur" angeln, so diskutiert man heutzutage stattdessen im World Wide Web mit voller Inbrunst, tauscht sich online über Fangmethoden aus oder präsentiert mit stolzgeschwellter Brust die neuesten Fangfotos in sozialen Netzwerken. Und wie CT-Kolumnist Tobias Klein zu berichten weiß, schießt man dabei auch gern einmal über das Ziel hinaus.

Als gestandener Friedfischangler des 21. Jahrhunderts ist es natürlich eine Selbstverständlichkeit, die Annehmlichkeiten des Internets auch für die eigene Angelei zu nutzen. Manche suchen im WWW nach fängigen Tipps & Tricks, wieder andere sind vor allem auf besonders günstiges Equipment im Online-Shopping-Verfahren aus.

Durchstreift man die schier unendlichen Weiten des Internets mit all seinen sozialen Netzwerken, Chatrooms und Foren allerdings mit einem etwas geschärften Blick, so erkennt man schnell: Die Zeiten, in denen das Internet als reine Informations- bzw. Shoppingplattform diente, sind vorüber. Stattdessen ist es immer öfter gängige Praxis, die eigenen anglerischen Fähigkeiten bzw. Fänge öffentlich zu präsentieren. Anerkennung erhält man nicht mehr durch persönlichen Zuspruch per zwischenmenschlichen Kontakt im Anglerheim, sondern via "Likes" oder "Re-Tweets" anderer User in der großen weiten Welt des Internets.

Follow me on Facebook„Follow me on Facebook: Angler mit Bekanntheitsgrad sind mittlerweile nicht mehr nur in Printmedien vertreten, sondern widmen sich immer öfter auch den sozialen Netzwerken im Internet.“

Nun mögen Sie mir vollkommen zurecht entgegnen: "Wer im Glashaus sitzt, sollte lieber nicht mit Steinen werfen!". Und Sie haben Recht. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich die Macht der "Virtual Reality" und des "viralen Marketings" gern für mich arbeiten lasse und daher ein ziemlich transparentes Anglerleben führe. Doch im Gegensatz zu so manch anderem da draußen, behalte ich die Schattenseiten der globalen Vernetzung dabei stets im Hinterkopf.

Mag sein, dass seit der Schaffung des europäischen "Recht auf Vergessenwerden" der bis noch vor kurzem geltende Slogan "Das Internet vergisst nie!" nur noch bedingt als schlagkräftiges Argument für einen besonnenen Umgang mit dem Web in den Ring geführt werden kann. Allerdings steht für mich nach wie vor fest, dass sich die totale mediale Vernetzung nicht nur positiv auf die (Friedfisch-)Angelei auswirken kann.

Aggressivität durch Anonymität

Deutlich wird diese These, wenn man sich die aktuelle Stimmung auf den einschlägigen Friedfisch-Seiten im Web näher ansieht. Persönliche Anfeindungen oder gar Beleidigungen ohne auch nur den Anflug von Schamgefühl werden kühn kundgetan, wenn einmal ein Webnutzer nicht so handelt, wie man es denn als selbsternannter Scharfrichter für rechtens erachtet. Neudeutsche Wörter wie "shitstorm" sind fester Bestandteil unseres Wortschatzes geworden.

Unter dem Deckmantel der vermeintlichen Anonymität werden aus Lämmern in der Realität plötzlich gierige Raubtiere in der virtuellen Welt, die andere nur allzu gern zerfleischen. Selbst nicht allzu technisch Versierte vollbringen es schließlich, die in Web-Browsern und Co. implementierten Datenschutzvorrichtungen derart zu modifizieren, dass man sich nahezu spurlos durch die Bits und Bites des Internets bewegen kann. Diese Anonymität im Netz lässt uns wesentlich freier umd auch unbedachter agieren, als würde eine jede Handlung wie im echten Leben sofort mit unserem bürgerlichen Namen assoziiert werden. Kein Wunder, dass nicht wenige Angler das Internet daher anscheinend als rechtsleeren Raum verstehen und Anonymität mit Immunität gleichsetzen.

Aggressivität durch Anonymität„Wie gut, dass niemand weiß, wie ich mit bürgerlichem Namen heiß’: Viele User leben in der Anonymität
der virtuellen Realität regelrecht auf und holen gerne zum verbalen Rundumschlag aus.“

Bleiben Anfeindungen dann doch einmal aus, so muss man sich doch wenigstens Belehrungen anhören lassen, wie man denn bitteschön etwas zu machen habe. Wird etwa leichtsinnigerweise ein Netz voller Fische präsentiert, dauert es sicher nicht lange bis der erste "besorgte Naturfreund" auf uns aufmerksam wird und mit erhobenem Zeigefinger nach einer Abhakmatte verlangt. Amüsant wird es, wenn eben derselbe Naturfreund selbst stolz Bilder von bulligen Fischen wie Karpfen in einem Keschernetz zusammen mit empfindlichen Rotaugen in den Medien präsentiert. Aber Hauptsache darunter findet sich eine Abhakmatte, welche die Fische vor spitzen Grashalmen zu schützen vermag.

Keine Sorge, dieses Phänomen der "Oberlehrerschaft" tritt beileibe nicht nur bei uns Köderfischanglern auf, sondern in jüngerer Vergangenheit generell im Angelbereich. Allein die nicht tot zu kriegende und schlichtweg nur noch nervige Diskussion über Sinn und Unsinn des mittlerweile durch manche Landesgesetze ausdrücklich erlaubten "Catch and Release" zeigt, wie weit es mittlerweile mit uns Anglern gekommen ist. Aus "Angler aller Länder verbindet euch!", wurde im Handumdrehen "Angler aller Länder behindert Euch!".

Mit übertriebener Intensität werden überdies auch Diskussionen geführt. Fremde Standpunkte zu hinterfragen oder gar anzuerkennen, das kommt überhaupt nicht in Frage. Stattdessen werden Fehler in der Stringenz eigener Ausführungen durch verbale Rundumschläge wieder wett gemacht. Solange bis schließlich auch der letzte nur annähernd vernünftig denkende Mensch die Flinte ins Korn wirft und sich zukünftig zweimal überlegt, ob er sich noch einmal in eine Diskussion einbringt. Weiß man im seltensten Fall dann doch einmal, wer sich hinter Nickname XYZ verbirgt und sucht das persönliche Gespräch in der offline-Welt, ist es schnell vorbei mit dem selbstbewussten Auftreten, welches die Posts im Internet eigentlich vermuten lassen würden.

Gut, man wird als Friedfischangler mit Internetzugang gerade in jüngerer Vergangenheit schon recht arg auf die Probe gestellt. Bestes Beispiel nach wie vor die mitunter doch sehr undurchschaubaren und nur bedingt nachzuvollziehenden Verhaltensweisen des nach eigenem Verständnis neuen "gesamtdeutschen" Anglerverbandes. Sich da 'mal durch lautstarken Protest Luft zu machen, klingt auch für mich ab und an sehr verlockend. Dennoch sollte man vielleicht auch in derartigen Fällen etwas "contenance" bewahren und selbst noch so harsche Kritik mit dem nötigen Respekt vor dem jeweiligen Gegenüber versehen. Das ist freilich leichter gesagt als getan. Aber eben auch nur noch halb so schlimm, wenn man erst einmal eingesehen hat, dass sich Manche einfach nicht helfen lassen wollen oder können. Alles in allem eben der ganz normale "World Wide Wahnsinn“.

Menschliche Kommunikation leicht gemacht„Menschliche Kommunikation leicht gemacht: Manch einem Zeitgenossen täte etwas Lektüre einschlägiger Fachliteratur durchaus gut.“

Werbung bleibt Werbung

Doch nicht nur wir Angler selbst gestalten das Netz mit Posts und Einträgen. Vielmehr verkommt das Internet immer mehr zur globalen Litfaßsäule. Wer also der Überzeugung ist, all die sozialen Netzwerke, Homepages und Foren da draußen dienen einzig und allein dem Wohle der Nutzer, der sollte langsam aber sicher aus dem Dornröschen-Schlaf erwachen. Das Netz ist längst in den Fokus von Werbestrategen gerückt und wird von den meisten Unternehmen der Angelbranche daher auch gezielt für Marketingzwecke genutzt bzw. entsprechend finanziell unterstützt. Dies ist in einer modernen Gesellschaft freilich nicht weiter verwerflich, nur sollte man beim Surfen im Netz den ab und an doch recht stark zu Tage tretenden Werbe-Charakter mancher Einträge auch als solchen erkennen.

Wenn man zum Beispiel in einer der wie Pilze aus dem Boden schießenden Facebook-Gruppen Fragen nach "dem" Equipment schlechthin stellt, sollte eines vorab klar sein: Besonders lange muss man in der Regel nicht warten, bis auch von Unternehmen unterstützte Teamangler sich bei der Diskussion einbringen. Rote Teamangler empfehlen dann in der Regel auch nur rotes Equipment, blaue Teamangler nur blaues Equipment und so weiter. Und das dürfen sie von mir aus auch gerne, denn deswegen hat man als Unternehmen der Angelbranche schließlich solche Teamangler.

Mittlerweile ist es für eine "Karriere" bei einem Angelgerätehersteller auch nicht mehr allzu abträglich, wenn es mit der fachlichen Expertise nicht allzu weit her ist. Hauptsache die eigene "Online-Zeit" reicht aus, um das Web mit Pressemitteilungen und Links zuzupflastern oder jeder auch nur annähernd neutral geführten Diskussion die richtige Marken-Konnotation zu verpassen. Schon winkt bei so manchem Hersteller bereits die Aussicht auf einen Sponsoringvertrag. Mehr zum Thema "Sponsoring im Angelsport" in der Kolumne "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing..."

Das Ende vom Lied für den "normalen Angler"? Stellt man eine Frage ans Plenum im Netz, ist man nachher meistens genauso schlau wie zuvor. Vorteil der immer stärker werdenden Präsenz von uns Anglern im Web ist hingegen, dass man wohl mindestens eine Antwort bekommen wird. Nie konnte man in der deutschen Angelszene schließlich auf mehr "Spezialisten" zurückgreifen als heutzutage. Denn jeder, der auch nur ein einziges Mal einen Fisch mit der jeweiligen Methode gefangen hat, meint darüber ohne große Anstrengung ein Buch mit gleichem Umfang und gleicher Allgemeingültigkeit wie der Bibel verfassen zu können.

Die Welt liest mit

All die vorstehenden Passagen werden Sie auf keinen Fall davon abhalten, das Web weiter für Ihr Hobby zu nutzen. Das ist aber auch keineswegs meine Absicht. Dennoch will ich versuchen, Sie zum Abschluss mit einem letzten Gedanken doch ein klein wenig für den Umgang mit dem Netz zu sensibilisieren: Nicht nur Ihre Online-Freunde lesen mit, sondern immer öfter auch der Rest der Welt. Damit unter Umständen selbst all jene, welchen unsere passionierte Jagd auf die Kreatur Fisch seit jeher ein Dorn im Auge ist.

Worldwide„Auch uns Anglern sollte bewusst sein: Die Welt liest allzu oft mit! Und womöglich eben auch jene,
welche unserem Hobby nicht mit Wohlwollen entgegen blicken.“

Seien es militante Tierschützer oder nur der Berufsfischer von nebenan, sie alle nutzen das Web und unsere bereitgestellten Informationen für eigene Zwecke aus. Erstgenannte treten nur allzu gerne in sozialen Netzwerken mit Pseudo-Profilen auf, um an Informationen über aktuell geplante Hegemaßnahmen oder sonstige Ereignisse zu gelangen. Gut, es mag zwar bei den entsprechenden Netzwerken zahlreiche Einstellungen zur Privatshäre geben. Allerdings sind diese meist komplex und nur die wenigsten machen sich die Mühe, entsprechende Einstellungen vorzunehmen. Und mal ehrlich, wer von uns kennt schon all seine "Facebook-Freunde" persönlich?

Zur Zeit können wir uns allerdings noch glücklich schätzen. Denn was die deutschen Staatsanwaltschaften von den angestrengten Anzeigen unserer Gegner wegen vermeintlichen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz halten, dürfte hinlänglich bekannt sein. Aufgeben wird man allerdings sicher nie. Bedenkliche Informationen liefern wir Angler schließlich frei Haus und in rauen Mengen über das Internet.

Aus manchen Regionen Europas hört man zudem, dass auch Berufsfischer gezielt dort ihre Fischzüge unternehmen, wo im Wege von Friedfisch-Events besonders gute Fänge vermeldet wurden. Warum umherziehende Weißfischschwärme auch mühsam suchen, wenn die lieben Angler das für einen doch erledigen können? Manch einer unserer europäischer Nachbarn sieht in einigen Fällen mittlerweile sogar gänzlich davon ab, überhaupt detaillierte Fangergebnisse ins Netz zu stellen. Einzig und allein, um die heimischen Gewässer nicht unnötigerweise noch mehr in den Fokus der Berufsfischerei zu rücken.

Ob dieses Vorgehen am Ende allerdings direkten Einfluss auf den Erhalt der Fischbestände hat, steht natürlich in den Sternen. Eben ähnlich wie die Antwort auf die Frage danach, ob mahnende Worte eines Einzelnen ein Umdenken in der breiten Masse bewirken können.

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