Mit Jens Koschnick in England - Teil 1

  • von Jens Koschnick
  • 30. Januar 2015 um 09:10
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Im Juni hat mich mein Freund Paul Holmes nach England zum Angeln eingeladen. Er lebt in Doncaster und bot mir an in seinem Haus wohnen zu können. Ich kenne Paul schon einige Jahre. Seine deutsche Freundin lebt in Bochum und daher angelt er auch gelegentlich einige Fischen im Duisburger Hafen mit. Paul fischt in England auf einem hohen Level und durfte sogar schon für England bei der Teamweltmeisterschaft in Spanien starten. Jeder der sich in der Matchszene auskennt, der weiß wie schwer es ist in England bei der Dichte an Weltklasseanglern vorne mitzufischen. Ein solches Angebot wollte ich natürlich nicht ausschlagen und buchte sofort Hin- und Rückfahrt der Fähre von Rotterdam nach Hull. Eine Woche Englandurlaub stand mir also bevor und ich war sehr gespannt was mich dort erwarten würde. Ich fische jetzt schon seit fünf Jahren regelmäßig an kommerziellen Gewässern im benachbarten Holland und seit 2014 auch in der holländischen Karpfenliga. Ob ich aber mit meinen angeeigneten Fertigkeiten in England genauso Fische fangen würde, wusste ich jedoch nicht genau.

Fishery The Hayfield

Am Sonntagabend legte die Fähre um 20.30 Uhr in Rotterdam ab. Ich hatte eine Doppelkabine für mich alleine. Kurz umgezogen und ab an die Bar. Nach zwei Pils habe ich mich dann schlafen gelegt. Morgens um 8.00 Uhr legte die MS Rotterdam in Hull an. Dort wartete Paul schon auf mich und nahm mich in Empfang. Nach 40 Minuten Autofahrt waren wir in Doncaster und Paul zeigte mir sein Haus. Doch viel Zeit blieb uns nicht! „So Jens, we have to prepare our gear for the match this evening! “ Paul hatte die ganze Woche durchgeplant. Er wollte mir zwei Fishery´s näher bringen. Beide gehören wohl zu den bekanntesten in ganz England. Einmal die Garbolino Lindholme Lakes und die Hayfield Fishery. An diesem Tag hatte er ein open Match an den Hayfield Lakes für uns beide gemeldet. Wir checkten kurz unser Tackle, bereiteten die Köder vor und ab ging die Post.

An der Fishery angekommen, warteten schon 34 Angler auf die Verlosung. Paul stellte mir Robin, den Besitzer der Hayfield Lakes vor. Er erzählte mir, dass an seiner Fishery jahrelang eines der Größten Matches der englischen Angelszene stattgefunden hat. Das Fish'O'Mania Finale, welches auch jährlich live im Fernsehen zu verfolgen ist. Bekannte Angler wie Alan Scotthorne, Paul Yates, Nick Speed, sowie Emma und Tommy Pickering fischen in seiner Anlage regelmäßig. Der Komplex besteht aus zwei Seen. Einmal der Adams Lake mit 82 Plätzen und einmal Dannie´s Island Lake mit 79 Plätzen. Dazu gibt es noch einen Angelladen, in dem man fast alles bekommt, was man zum Karpfen- und Weißfischangeln dort benötigt. Das Highlight war die große Gastronomie mit einer echt guten Küche!

Der Adams Lake

Unser Match fand an diesem Tag am Adams Lake statt. Jeder Angler, der an der Fishery angeln möchte, muss die Pellets verwenden, die es im dortigen Angelladen zu kaufen gibt. Also schnell noch 4, 6, 8 und 10mm Pellets gekauft und ab zum Losen. Ich loste Platz 18. Paul sagte mir, dass ich einen guten Platz gelost habe. Er erklärte mir noch kurz die besten Methoden für diesen Bereich des Sees und machte sich dann selbst auf den Weg zu seinem Platz Nr. 8.

Folgende Methoden sollte ich laut Paul fischen:

 Pellets

  • 16m shallow bandet pellet 6mm (kurz unter der Oberfläche mit hartem Pellet am Haar 6mm)
  • 3m to the left and to the right side in the margins with 8mm Meat on the drop (3m links und rechts mit 8mm Meat auf dem Boden)
  • 25m Pellet Waggler
  • 25m Bomb

Hier war schon der erste Unterschied zu unserer teils eingefahrenen deutschen Matchszene zu sehen. Es wird mit allen Methoden gefischt. Feeder sowie Pole. Egal wie, Hauptsache Fisch! Bei einer solch großen Auswahl an Techniken, ist die Taktik von besonders hoher Bedeutung. Ich baute meine Kiepe auf und steckte meine Ruten zusammen. Als ich mich umsah, war ich regelrecht geschockt. Fast alle waren nach 30 Minuten angelbereit. Hastig baute ich weiter meine Sachen zusammen und präparierte die Köder. Ich fragte meinen Nachbarn wie lange denn noch bis zum Start wäre. Er erklärte mir, dass die meisten Matches eine Stunde nach dem Losen beginnen. Wahnsinn! Was für den deutschen Angler Stress bedeutet, ist für den Engländer Routine. Kaum ein Angler hatte weniger als 6 Top Kits und drei Rollenruten aufgebaut. Schon vor dem Angeln waren die Tommys besser als ich...

Pünktlich eine Stunde nach dem Losen kam der Startpfiff. Ich wünschte meinem Nachbarn viel Glück und er erwiderte ich soll die gefangenen Fische bitte nicht essen. Das sei in Deutschland ja so üblich. Mit einem Schmunzeln schiebe ich die ersten Polecups raus. Sofort fing ich einige Karpfen mit der 16m Rute unter der Oberfläche. Das Durchschnittsgewicht der Fische lag zwischen 2 und 3 Kilo. Jetzt merkte ich erstmals was es heißt fünf Futterplätze zu befüttern. Stress, Stress und nochmal Stress. Ich fand meinen Rhythmus und konnte kontinuierlich Karpfen fangen und auch in meinem Bereich halten. Nach einer Stunde waren die Fische so massiv am Futterplatz, dass ich sechs gehakte Karpfen hintereinander verlor. Nun war Ruhe und mein Nachbar freute sich über den herannahenden Schwarm. Die restliche Angelzeit über habe ich es nicht mehr geschafft sie zurück zu füttern. Notgedrungen habe ich mit dem Pelletwaggler geangelt und konnte vereinzelt noch Fische fangen. Mein Nebenmann hatte seine wahre Freude und zeigte mir schonungslos, wie man auf Karpfen angelt. Ständig flog der Gummizug aus seiner Rute. Auch er fing sehr flach mit der 16m Kopfrute.

 Ganz dicht am Ufer

Nach dem Angeln kam die Ernüchterung. Abgeschmiert! Mein Nachbar fing 72 Kilo in dreieinhalb Stunden. Ich hatte lediglich28 Kilogramm fangen können. Ich nutzte die Gelegenheit mir die Rigs und Montagen der anderen Angler anzuschauen und bekam das ein oder andere zu sehen. Die Stimmung unter den Anglern hat mich sehr fasziniert. Totale Professionalität und dennoch viel Sinn für Humor. Nach dem Match hat der Koch der Gastronomie, der übrigens auch leidenschaftlicher Matchangler ist, uns Anglern ein Essen Spendiert. Yorkshire Pudding und Chips. Alle Angler blieben bis zur Preisverteilung und saßen anschließend noch in geselliger Runde zusammen um ein paar Bier zu tanken. Paul und ich natürlich mittendrin. Ein fantastischer Tag!

Den Nächsten Tag verbrachte ich mit Paul ebenfalls an der Hayfield Fishery, um die nötigen Techniken und verschiedenen Methoden zu trainieren. Er zeigte mir wirklich viel und Stück für Stück begann ich die Vorgehensweise dort zu verstehen. Viele Denkanstöße und Ansätze, wo man ohne Hilfe nicht dran denken würde. Besonders den Umgang mit dem Pelletwaggler und das Angeln in Ufernähe haben wir trainiert.

Am nächsten Tag stand erneut ein Open Match an der Hayfield Fishery an. Paul Yates, der Besitzer eines Angelladens in Doncaster und absoluter Topangler der englischen Matchszene, richtet wöchentlich Angeln dort aus. Paul sagte mir, dass ich mit dem gelosten Platz Nr.36 einen guten Platz gezogen hätte. Erneut hat er mit mir die taktische Vorgehensweise besprochen und mir den Platz genau erklärt. 16m shallow bandet pellet 6mm (kurz unter der Oberfläche mit hartem Pellet am Haar 6mm), 3m to the left and to the right side in the margins with 8mm Meat on the drop (3m links und rechts mit 8mm Meat auf dem Boden).

Verschiedene Pellets und Meat (Frühstücksfleich) dienten zum Füttern und als Köder

Anfangen sollte ich mit der 16m. Die kurzen Futterplätze sollte ich kontinuierlich mit Meat befüttern und erst nach zwei Stunden Angelzeit beangeln. Gesagt getan! Paul Yates saß zwei Plätze links von mir und ich war gespannt, wie er wohl den Durchgang fischen würde. Das Angeln beginnt und ich schiebe die 16m raus, schieße drei 4mm Pellets auf meinen Schwimmer und lasse meinen Hakenköder mit den geschossenen Pellets bis ca.30cm Wassertiefe absinken. Alle 10 Sekunden wiederholt sich der Vorgang. Ein absolut aktives Angeln und eine Menge Arbeit für meine Arme. Nach 15 min. fliegt mein Hohlgummi aus der Rute und der erste Karpfen ist am Band. Nach etwa 10 Minuten Drillzeit kann ich einen schönen Karpfen von über 3,5 Kilo einnetzen. Guter Start!

3,5 Kilo im Netz- ein guter Start für Jens Koschnick

Alle anderen 30 Angler am See scheinen wie erstarrt. Keine Bewegung, kein Fischdrill. Erneut schiebe ich die Rute raus und füttere. Mein Schwimmer taucht ab und ich wollte gerade anschlagen, da war der Gummizug schon zwei Meter aus meiner Rute raus. Fish on! In drei Stunden Angelzeit konnte ich 12 Karpfen zwischen 2 und vier Kilo Fangen und führte deutlich vor allen anderen Anglern am See.

Dann kam die letzte Stunde und ich wollte meinen Augen nicht trauen. Ich gucke mich um und sehe keinen etwas Fangen. Selbst Paul Yates saß wie angenagelt auf seiner Kiepe und zeigte keine Reaktion. Er hatte eine Stunde vor Schluss 4 Karpfen und etwa ein Gewicht von 15 Kilo. Gedanklich habe ich schon überlegt was ich mit den Kröten mache, die ich nach dem Angeln gewonnen habe. Mein Schwimmer taucht erneut ab und siegessicher drille ich den Fisch. Als ich nach links schaue, ist Paul auch im Drill. Nicht schlimm dachte ich mir, den gönne ich ihm! Ich drille meinen Fisch weiter. Beim zweiten Blick nach links hatte Paul den Fisch schon im Unterfangkescher. 4 Kilo Fisch in einer Minute... Ich war beeindruckt und konzentrierte mich weiter auf meinen Karpfendrill. Nach weiteren zwei Minuten Drillzeit habe ich den Fisch in Ufernähe und stehe kurz vorm Keschern. Als ich zu Paul schaue, hat er schon wieder einen 4 Kilo Fisch im Netz. Jetzt kam ich mir etwas doof vor. Sofort kam von ihm die Nachfrage, ob ich Mobby Dick am Haken hätte, weil ich so lange brauchen würde um den Fisch zu keschern. Als ich den Fisch im Unterfangkescher hatte befand sich Paul schon wieder im Drill. Dies zog sich die ganze letzte Stunde fort.

Mit Karpfen dieser Größe lässt sich schnell Gewicht machen

Nicht nur Paul hat so gut gefangen. Alle anderen Angler, die drei Stunden zuvor nicht viel gefangen hatten, zogen auch einen Fisch nach dem Anderen aus dem Wasser. Meine Bissfrequenz dagegen ging gegen Null. Am Ende konnte ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Es ist einfach unglaublich in welch einer Geschwindigkeit einige Topangler aus England die gehakten Fische einnetzen. Nach dem Wiegen kam dann die ernüchternde Nachricht. Einen Platz am Geld vorbei! Mit meinen 38,9 Kilogramm hatte ich 400g zu wenig um in den Preisen zu landen. Ernüchterung. Doch als ich gesehen habe wie viel Fisch bei Paul Yates im Kescher war, ist mir alles aus dem Gesicht gefallen. 78,3 Kilogramm und damit Gesamtsieg! Man sollte sich einfach nicht zu sicher sein, wenn man in Führung liegt. Das habe ich schmerzlich erfahren müssen. Doch gelernt habe ich eine Menge und der nächste Trip nach England ist schon in Planung!

Wiegen ist an den englischen Commercials meist Schwerstarbeit

Im zweiten Teil könnt ihr alles über meinen Trip zu den Garbolino Lindholme Lakes und zu meinen erlernten F1 Tactics lesen.

HIER geht es zum zweiten Teil

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