Hafenangeln im Winter

  • von ct Redaktion
  • 18. Januar 2019 um 07:00
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"Winterzeit ist Hafenzeit" - dieser markige Titel eines Angelberichtes ist mir einfach im Gedächtnis geblieben und geht mir auch nach Jahren noch durch den Kopf. Leider ist es aber so, dass auch in den Häfen die Fische nicht Schlange stehen und auf unsere Köder warten. Wie so oft, ist vor dem Angeln erstmal ein wenig Recherche angesagt. Von meinen Hausgewässern (Ruhrgebietskanäle) her weiß ich, dass Häfen generell gute Angelstellen darstellen, da sie ganz einfach die Tristesse kilometerlanger Spundwände durchbrechen und das Wasser nicht so durchmischt wird, wie es in der Fahrrinne der Fall ist. Im Winter kann man dort gute Angeltage erleben, aber oft auch als Schneider nach Hause gehen. Sehr vielversprechender sind tiefe Häfen, die Kontakt zu großen Seen oder Flüssen haben. Nicht selten ziehen die Fische mit dem ersten Hochwasser des Winters in die ruhigen Bereiche der Häfen, wo sie nach Nahrung und Schutz suchen. Paradebeispiele für solche Gewässer sind der Duisburger Hafen und die vielen kleinen Häfen am Rhein oder in Südholland.

Als die ersten Meldungen im Internet vermuten lassen, dass die Fische langsam in den Häfen ankommen, sind mein Angelkollege Carsten und ich kaum noch zu halten. Ab ins Auto und ab zum Hafen!
Gesagt getan. Nach den ersten kalten Tagen sitzen wir im Auto und nehmen die Fahrt nach Südholland auf uns, um mal so richtig Fisch zu fangen. Unsere Kanäle liegen wie tot da und 200 km zu fahren erscheint uns definitiv besser, als stundenlang ohne Fisch am Wasser zu sitzen.

Das Gewässer:

Das Gewässer ist ein typischer kleiner Hafen, wie es sie in Südholland dutzendfach gibt. Er ist mit einem riesigen „Süßwassermeer“ verbunden und in etwa 2,5-3 m tief.

Das Gewässer 

Hier wird viel auf Raubfisch geangelt, und Fangmeldungen von Zandern über 1 m und Hechten bis 130 cm sind regelmäßig zu vernehmen. Für uns wichtiger: Im Winter sammelt sich hier viel Weißfisch. Darauf haben wir es abgesehen!

Das Gerät:

Beim Angeln im Hafen wird nicht viel Gerät benötigt. Es ist Winter, und langes, intensives Aufbauen würde einfach bei der Kälte keinen Spaß machen. Bei den Ruten reichen einfache Teleruten oder Systemwhips (Steckruten) mit denen lang-lang gefischt wird. Die Aktion der Rute sollte dabei nicht zu leicht sein. Fische werden oft gehoben und direkt in die Hand geschwungen.

Aus diesem Grund fällt die Montage ebenfalls nicht besonders filigran aus. Wir haben Hauptschnüre mit 0,14 und 0,16 mm vorbereitet und rechnen damit Vorfächer von 0,10-0,14 mm einzusetzen. Der Durchmesser wird zu guter Letzt allerdings vom Beißverhalten der Fische bestimmt. Bei den Posen decken wir ebenfalls ein etwas größeres Spektrum ab. Von 1,5-4 g haben wir alles dabei. Die Bleie sind wie beim Angeln mit der Stipprute verteilt. Ich bevorzuge eine große Olivette mit 4-5 kleinen Bleischroten der Größe 10, die je nach Beißlaune verschoben werden können. Carsten geht da deutlich rabiater zur Sache und angelt nicht selten einfach eine Punktbebleiung. Bei den Posenkielen sind wir uns einig. Modelle mit Carbonkiel müssen es sein, da nur hiermit die Absinkphase der Köder vernünftig nachvollzogen werden kann. Außerdem überschlagen diese fast nie, und es kommt seltener zu Verwicklungen.  Ich setzte die Colmic Jolly, Carsten eine langgezogene Zammataro Long Line ein.

Bei den Haken probieren wir ebenfalls zwei verschiedene Modelle aus. Mein Standard-Stipphaken –der Gamakatsu 1310— ist in vielen Situationen absolut zuverlässig. Als Alternative habe ich einfach ein paar fertig gebundene Haken des Modells 1050, ebenfalls von Gamakatsu, aus dem Angelladen mitgenommen. Anders als der Rundbogenhaken besitzt dieser einen sehr langen Schenkel, was beim schnellen Angeln von Vorteil sein kann.

An Material wird ansonsten nicht viel benötigt. Eine Sitzkiepe, ein Seitentisch für Köder und ein Eimer mit Futter. Schon kann es losgehen!

Vorbereitung:

Bei nur 2 Grad Aussentemperatur machen sich Carsten und ich auf die Suche nach einem passenden Angelplatz im Hafen. Wir haben Glück und haben an diesem Werktag die freie Auswahl. Da die Fische schon jetzt regelmäßig an der Oberfläche springen, entscheiden wir uns einfach in einer Ecke des Becken Platz zu nehmen, an der wir auch direkt hinterm anvisierten Spot parken können. Überall liegen Schiffe, so dass wir in den Lücken dazwischen angeln müssen. Zumindest in der Theorie sollten sich die Fische unter den Booten auch sicherer fühlen und hoffentlich zuversichtlich beißen.

Carsten ist besonders ungeduldig. Bevor ich über das richtige Posengewicht und die Vorgehensweise nachdenken konnte, hat er eilig eine Rute aufgebaut und lotet bereits. Schnell wird klar, dass wir richtig sitzen. Mit ungläubigem Blick fordert er mich auf, seine Rutenspitze genau zu beobachten. Und wirklich! Während das Lotblei absinkt, zuckt die Spitze wie beim Feedern mehrfach in Richtung Wasser. Der Fisch steht offenbar gestapelt am Platz! Mit dieser Information mehr, lege ich direkt meine leichte Telerute beiseite und greife zum „Baggertier“, einee steifen, schweren Rute, in die ich ein kurzes Stück weißes Hydro eingezogen habe. Als Pose kommt direkt die schwere 4 g Pose zum Einsatz.

Das Loten ergibt eine Wassertiefe von knapp unter 3 m, so dass mit 5 m Rutenlänge und 4 m Schnur noch ein wenig vor der Spitze gefischt werden kann.

Futter:

Beim Futter haben wir es uns einfach gemacht. Ich habe 2 kg vdE Turbo mit 2 kg vdE Silber und etwas flüssigem Brassenlockstoff von Sensas vermischt. Dies ergibt eine gut bindende Mischung, die sich mit einem Griff zu einem Ballen formen lässt und bei Bedarf ordentlich Köder aufnimmt. Da wir nicht damit rechnen, dass wir besonders viel Futter benötigen, teilen wir die 4 kg einfach unter uns auf.
Wichtiger erscheinen uns lose Köder wie Maden, Caster, Mais und Hanf um die Fische am Platz zu halten.

Angelsession:

Zu Beginn gehen wir eher vorsichtig vor. Obwohl die Fische da sind, möchten wir sie nur schnell an den Platz locken und schauen, ob sie auch fressen. Ein wenig Restunsicherheit liegt aufgrund der kalten Temperaturen ebenfalls vor. Man weiß ja nie genau, wie die Fische heute wirklich ticken. Schnell formen wir beide 4 Bälle Futter mit wenig Ködern und lassen diese quasi auf die 6 m Spur fallen.

4 Bälle Futter mit wenig Ködern 

Die Posen sind bündig ausgelotet, als Köder dienen einfach 3 Maden. Voller Spannung kann die Hafensaison 2019 beginnen!

 

Nach nur wenigen Sekunden geht Carstens Pose direkt auf Tauchfahrt. Nach einem schnellen Anhieb zeigt sich, dass wir uns keine falschen Hoffnungen gemacht haben. Die feine Rutenspitze biegt sich ordentlich.

Mit stetiger, kontrollierter Kraft schwingt Carsten den ersten Fisch des Tages an Land. Ein Rotauge hat sich den Köder geschnappt. Kein Riese, aber im Winter ist dieser schöne Fisch mehr als Willkommen!

Ein Rotauge

Auch bei mir erfolgen die Bisse Schlag auf Schlag, und Rotauge auf Rotauge wandert ruhig, aber stetig in den hier erlaubten Setzkescher. Bei den Futterstrategien gehen Carsten und ich ein wenig unterschiedlich vor. Ich füttere viel Grundfutter mit wenig Maden und werfe regelmäßig ein wenig losen Hanf mit Castern, während Carsten dazu übergeht fast nur noch pure Maden zu werfen. Die Reaktion der Fische sieht anfangs gleich aus. Es rappelt richtig, und, egal was wir machen, es erfolgt Biss auf Biss. Jetzt zeigt sich auch, dass der Einbau eines Stückes weißen Hydros eine gute Idee war. Als die Fische ein wenig größer werden, gibt der Elastik nach und fängt die ersten Fluchten der Fische souverän ab. Dank der steifen Rute und des kräftigen Gummis können auch die schwereren Fische schnell ans Ufer geschwungen werden, ohne zu heftig zur Sache zu gehen.

Etwas verfroren, kann auch ich nun auch einen etwas besseren Fisch in die Kamera halten. So macht die Angelei richtig Spaß!

 

Der Angeltag entwickelt sich mehr als positiv. Die Fische beißen, so dass auch mal ein wenig experimentiert werden kann. Bei der hohen Schlagzahl, mit der uns die Hafenfische an diesem Tag verwöhnen, haben wir immer wieder Probleme beim Hakenlösen. Der Rundbogenhaken greift zwar richtig zu, doch lassen sich die Haken oft nur mit dem Hakenlöser vernünftig lösen. Hier geht viel Zeit verloren. Ein Wechsel auf das langschenklige Model soll Abhilfe schaffen. Außerdem wählen wir direkt einen Haken der Größe 14, der extrem groß ausfällt und eine Vorfachschnur der Stärke 0,14 mm.

Der Rundbogenhaken

Und tatsächlich! Die nächsten Fische lassen sich sehr viel schneller abhaken und sind auch deutlich besser -nämlich direkt vorne in der Lippe- gehakt.

Der bereits gute Angeltag entwickelt sich zu einem richtigen Highlight. Der Fisch reagiert wunderbar aufs Futter und lässt sich über längere Zeit am Platz halten. Gelegentlich gibt es aber auch Pausen in denen der Fisch komplett weg ist. Hier liegt die Vermutung nahe, dass sich Raubfische unbemerkt unserem Futterplatz genähert haben. Diese Pausen sind allerdings nur kurz. Die Fische reagieren schnell wieder aufs Futter und eingeworfene Köder, und sind genauso schnell wieder da, wie sie weg waren. Neben einer Vielzahl guter Fische beißen jetzt auch vereinzelt wunderschöne Rotfeedern.

Im Laufe des Tages wird allerdings deutlich, dass Carsten heute die deutlich erfolgreichere Strategie gefahren hat und sich von mir absetzen konnte. Die Fische haben eindeutig besser auf die geworfenen Maden, als auf mein eingebrachtes Futter reagiert. So hat er nach und nach nicht nur mehr Fisch gefangen, sondern auch ein deutlich höheres Durchschnittsgewicht erzielen können. Nach 4 Stunden hören wir mit dem Angeln auf und ziehen Fazit.

Fazit:

Am Ende des Tages haben sich gleich verschiedene Punkte für uns deutlich herauskristallisiert.

  1. Die Fische bevorzugten eindeutig aktive Lebendköder. Während ich mein Glück mit Castern und wenig Maden versucht habe, hat Carsten gut und gerne 2 L Maden versenkt. Er hatte nicht nur mehr, sondern auch die deutlich größeren Fische. Caster und Mais brachten zwar auch Fisch, haben aber keinen Effekt auf die Fischgröße gehabt.
  2. Langschenklige Haken sind bei dieser Angelei massiv im Vorteil. Sie sitzen weiter vorne im Fischmaul und sind somit deutlich Fischschonender. Außerdem lassen sich diese Haken sehr viel einfacher lösen, was zu einer höheren Frequenz führte. Besonders überraschend war für uns, dass große Haken eindeutig im Vorteil waren. Die Fische waren nicht vorsichtig und haben auf große Köder positiv reagiert. 5 Maden am Haken brachten mehr Bisse als kleine Köder. Experimente mit einem angedrücktem Widerhaken, um noch schneller zu sein, führten zu mehr Fischverlust. Beim Heben konnten sich gerade größere Fische lösen.
  3. Schwere Posen sind, solange sie gut ausgebleit sind, bei so viel Fisch im Vorteil. Sie lassen sich schneller einsetzen und befördern die Köder schneller in den „heißen“ Bereich. In Kombination mit dickerer Schnur gibt es auch weniger Verwicklungen.

Als wir dann die Setzkescher herausholen sind wir doch erschrocken. Mit 113 Fischen liege ich bei ziemlich genau 20 kg Fisch, während Carsten –noch deutlicher als gedacht— davongezogen ist. Mit 39 kg hat er fast doppelt so viel fangen können.

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