Kleinfischangeln im Februar

  • von Fabian Gesierich
  • 28. Februar 2020 um 08:20
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Raus aus der Winterdepression...

...wenn die Sehnsucht quält! – Winterfeeling im Tacklekeller

Mitte Februar! Die Eisschicht auf den hiesigen Kiesgruben verflüchtigte sich und die Temperaturanzeige klettern nachts wieder über den Gefrierpunkt. Für diese Jahreszeit sind die Bedingungen eigentlich vielversprechend, denke ich mir, als ich die schwere Sitzkiepe, das große Kopfrutenfutteral und mein Carry All hastig ins Auto packe und mich auf den Weg an eine der hiesigen Kiesgruben mache. Meine Hakenbox ist nach der unfreiwilligen Pause frisch gefüllt, meine Posen repariert und meine Kiepe mit neuen Montagen bestückt. Die Zeit im Winter muss man sich schließlich irgendwie vertreiben.

Doch bei aller Liebe zu feinen Kanalmontagen mit perfekt zentrierten Bleien und zur feinen Knotentechnik für filigran gebundene Mückenhaken, lässt der Anblick der eisfreien Kiesgrube mein Stipperherz um ganze Schubeinheiten schneller schlagen. Das winterliche Tackle-Karussell tröstete kaum über die Sehnsucht hinweg, die jedem moderne Friedfischangler spätestens dann quält, wenn dicke Eisplatten oder Winterstürme uns das Angeln verbieten: Ich will endlich wieder Fische fangen! Vor allem viele Kleine sollen es sein, denn dem Kleinfischangeln habe ich mich voll und ganz verschrieben.

Ab ans Wasser – taktische Vorüberlegungen

Am Gewässer angekommen, hieve ich schwer bepackt mein Tackle über die Böschung hinab und verschaffe mir zunächst einen Überblick über die Lage.

 

Ein sorgfältiger Platzaufbau ist Freud und Leid des Friedfischanglers zugleich, doch auch hier müssen Rhythmus und Routine eingeübt und perfektioniert werden. Wer rastet, der rostet...

 

Die Sonne lacht manchmal hinter den grauen Wolken hervor und der blaue Himmel spiegelt sich manchmal sogar in der Kiesgrube, doch trotzdem fröstelt es mich durch die Neoprenlatzhose. Das kühle Nass ist noch eiskalt, bemerke ich, als ich die vorderen Füße meiner Kiepe kurz hinter der Uferkante verankere. Wie werden die Fische wohl reagieren?

Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat mich gelehrt, dass die Schuppenträger hier im Frühjahr besonders launisch sind. Sie brauchen in der Regel etwas länger, um aus der winterlichen Trägheit aufzuwachen, und da das Wasser noch keine 4 Grad hatte, will ich heute lieber etwas defensiver zur Sache gehen. Während Rotauge & Co. bei wärmeren Temperaturen hier gut und gerne auf einen hohen Futterrhythmus und auf laute Einwurfgeräusche reagieren, ist Nachfüttern im Moment noch kontraproduktiv, ja würde mir eventuell sogar den Schwarm verscheuchen. Deshalb stehen alle Vorzeichen ganz klar auf „Kanaltaktik“!

Doch jetzt geht es erstmal ans Loten! Im Schnitt ist die Kiesgrube 2,5m tief, ihre Baggerkante fällt schrittweise ab und erreicht je nach Platz meist in 9-10m Entfernung den tiefsten Punkt. Sorgsam führe ich mein Lotblei über den Grund, um Unebenheiten zu ertasten und einen sauberen Untergrund für meinen Futterplatz ausfindig zu machen. Ein paar Zentimeter entscheiden häufig über Fangerfolg oder Beißflaute, weshalb ich mir für das Loten gerne etwas mehr Zeit lasse. Gut Ding will eben Weile haben. Auf 11m entdecke ich schließlich eine kleine Abbruchkante und einen ebenen, nicht allzu schlammigen Untergrund. Ein solcher Spot ist natürlich perfekt für die Startfütterung, schießt es mir durch den Kopf.

Neues aus der Hexenküche – Futter, Köder & Co.

Zeit zum Anfüttern! Mein Futter will ich so genau wie möglich platzieren und mein Spot sollte höchstens einen halben Quadratmeter breit sein. Je zentrierter sich der Futterteppich Unterwasser erstreckt, umso besser ist es. Natürlich muss deshalb das Cupping-Kit gleich zu Beginn der Session zeigen, was es kann. Schritt für Schritt schiebe ich Ball für Ball auf die 11m Bahn und lege jeden einzelnen von ihnen geräuschlos ab, wobei ich nochmals kurz auf meine Futterwanne blicke. Ist ganz schön üppig, könnte man meinen, doch weil ich auf das Nachfüttern weitestgehend verzichten möchte, muss der Anfang verhältnismäßig opulent ausfallen. Futter nachzulegen könnte schließlich den Schwarm nervös machen. Um ihn trotzdem durchgehend auf dem Platz halten zu können, binde ich die Bälle verschieden stark ab. Zumindest der Theorie zufolge sollten sich die Kugeln unterschiedlich schnell auflösen, permanent aufschwebende Partikel freigeben und so die Fische über einen längeren Zeitraum bei Laune halten. Ich forme 10 Futterbälle und drücke jeweils zwei von ihnen unterschiedlich stark zusammen; das erste Pärchen etwas lockerer, dann immer straffer. Den letzten beiden Bälle mische ich etwas grauen Lehm bei, um sie nochmals kompakter zu gestalten und ihr Auflöseverhalten zu drosseln. Sie transportieren meine Lebendköder zum Grund, jedoch sollen sie die Bomben aus Eiweiß, Proteinen und Fetten, auch Pinkies genannt, nur zögerlich freigeben. Ich vergrabe heute auch nur eine Hand voll der kleinen Krabbler im Zentrum der Bälle, denn Vorsicht ist schließlich die Mutter des vollen Setzkeschers. Nur nicht zu viele Ködertierchen sollen sich auf dem Futterteppich tummeln, um die winterfaulen Mäuler bloß nicht zu sättigen.

Meine Futtermischung selbst ist relativ einfach. Keep it simple, sprach schon Altmeister Bob Nudd vor über 20 Jahren (und der versteht schließlich etwas vom Angeln). Hauptsache dunkel muss der Mix sein, denn die Grube weißt einen hohen Raubfischbestand auf und Genosse Esox soll die Kleinfische nicht zu schnell entdecken können. Deshalb scheint mir für den heutigen Ansitz eine Mischung aus No. 1 und Etang von Browning ideal zu sein. Welch herrlicher Duft strömt mir entgegen, als ich die Tüten aufreiße und in meinen Futtereimer kippe. Beide Sorten sind von Natur aus bräunlich gestaltet und dazu fein genug, so dass die Fische kaum davon satt werden können. Sie enthalten eine sorgsam erlesene Auswahl an geschroteten Gewürzen und Hanf, die dem Futter eine gewisse Aktivität verleihen und somit schnell die Aufmerksamkeit der Unterwasserbewohner auf unseren Platz lenken.

Ich gebe zum Mix zusätzlich noch etwas schwarze Farbe und etwas Salz, was im Frühjahr nie verkehrt ist. Meinem Mix füge ich zudem noch 30% Erde bei. Zum einen senkt dies den Nährwert des Futters ungemein. Zum anderen macht eine Portion Erde das Futter natürlich schwerer, weshalb es in der Absinkphase nicht so leicht von der Unterströmung erfasst und abgetrieben werden kann. Heute kommt es schließlich auf Genauigkeit an.

Die Pose geht unter – Perspektiven auf den Sessionverlauf

Nun wird es aber Zeit, um die Theorie in die Praxis umzusetzen. Mal sehen, ob mir die Philosophie hinter meiner Taktik auch ein paar Schuppenträger bescheren wird. Ich schiebe die Kopfrute gen Wasser, setze die Montage unter Spannung ein und führe den Köder langsam und vorsichtig zum Grund. Wie zu erwarten dauerte es knapp 15 Minuten bis die Pose das erste Mal in den Fluten abtaucht. Anhieb! Sitzt! Fisch! Mein feiner Gummi schießt aus der Spitze meiner Xitan Z12 heraus und ich kann ein handlanges Rotauge landen. Allmählich baut sich mein Platz auf. Ich spiele etwas an meinen Kits herum und entdeckte recht bald die richtige Einstellung, um den Fischen meinen Haken so schmackhaft wie möglich verkaufen zu können. Die Fische wollen den Köder am liebsten an einer 1g-Pose mit feinem Stahlkiel und einer Zwei-Punkt-Bebleiung präsentiert haben. In die Schlaufe, über der zwei Bleie der Größe No. 11 als Bissanzeiger angebracht waren, knüpfe ich ein 0,08er Vorfach mit einem 20er Rundbogenhaken. Feinheit ist schließlich heute Trumpf. Jetzt läuft es! Fast mit jedem Einsatz geht die spitz ausgebleite Pose unter und eine Plötze oder ein kleiner Skimmer fliegt dem Ufer entgegen. Trotz der hohen Bissfrequenz zeigen sich die Fische dennoch von ihrer scheuen Seite. Ist der Köder zu groß, nehmen sie ihn nicht richtig oder verschmähen ihn sogar ganz. Am besten läuft es mit nur einer Pinkie am Haken, dem Winterköder schlechthin (Bayern ist schließlich eine Region, in der Mückenfischen leider verpönt ist).

Drei Stunden sind um und Stunde der Wahrheit ist gekommen. Wollen wir doch sehen, was die Waage spricht. Meine Taktik ging vollständig auf und bescherte mir nicht nur einen tollen Angeltag, sondern obendrein noch knapp 5Kg Weißfische im Setzkescher. Nachfüttern musste ich übrigens nicht.

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