Lock Down Rotaugen

  • von Fabian Gesierich
  • 29. Mai 2020 um 09:00
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...oder was wir aus der Krise lernen können! – am Naturfluss mit Fabian Gesierich

Mein Herz blutet, sobald ich das Angeljahr 2020 vor mir sehe. Wenn ich diese Zeilen schreibe, denke ich nicht nur an die vielen Absagen, sondern wünsche euch und euren Familien alles Liebe! Bleibt gesund!

Corona hat nicht nur unser aller Leben entschleunigt, sondern gab uns einige Denkanstöße mit auf die angerlischen und nicht-angerlischen Wege. Ab einem gewissen Punkt musste ich mir selbst eingestehen, dass die Trauer über verschobene oder abgesagte Meisterschaften zwar gewaltig schmerzt, aber nicht den Kern dessen berührt, worum es im Leben eigentlich geht. Ich hoffe, dass wir aus der Krise lernen können und die Schattenseiten der gesellschaftlichen Einschränkungen in eine Zeit eines solidarischeren Miteinanders innerhalb und außerhalb der Angelcommunity münden. Gerade Letzteres stammt aus dem Inneren meines Herzens: Angler aller Länder, verbündet euch! Arbeitet miteinander und nicht gegeneinander, denn wir haben die gleichen Ziele!

Nichtsdestotrotz bin ich heilfroh, dass ich vor meiner Haustür genügend Möglichkeiten habe, um mir die dunklen Stunden des Lock Downs mit anglerischen Lichtblicken zu füllen. Ich muss auch ehrlich zugeben, dass ich abgesehen von zwei Polizeikontrollen am Wasser, die mich mit freundlichen und hilfreichen Hinweisen passieren ließen, keine Probleme an den Ufern der heimischen Flüsse, Kiesgruben und Tümpel hatte.

Zumindest einige Erlebnisse möchte ich, liebe Leserinnen und Leser, mit euch teilen, um euch die Wartezeit auf die langersehnte Hegesaison etwas zu verkürzen. Motiviert dazu haben mich die englischen Medien, die sich in den letzten Wochen eine regelrechte Schlacht um das innovativste Corona-Krisenbewältigungsformat lieferten. Die Kollegen von Catch More Media, The Match Cast und natürlich die Medienkanäle diverser Angelgerätehersteller platzten gerade vor einer Informationsflut. Angel-England war vom Lock Down natürlich härter betroffen als wir, weil gerade die für die Kolleginnen und Kollegen so wichtige Commercial-Szene komplett weggebrochen ist. Ganz so schlimm kam es hierzulande nicht, aber trotzdem ist ein Blick auf die Szene jenseits des Ärmelkanals unterhaltsam. Tom Scholey, Des Shipp & Co. regten mich an, mich auch mal wieder hinter die Schreibmaschine zu klemmen und mich mitzuteilen.

Der Spot

Der Spot

Letzten Sonntag ging es über Wald und Wiesen in einen nahezu unberührten Abschnitt eines kleinen Flusses direkt vor meiner Haustür. Auf Spaziergängen fiel mir der Spot bereits mehrfach auf. Verlockend schlängelt sich das Gewässer durch die grüne Natur; der Flusslauf ist an manchen Stellen gebrochen, so dass sich kleine Hindernisse unter Wasser in der Oberflächenströmung abzeichnen. ‚Einfach nur herrlich!‘ Die bayerische Natur ist unbeschreiblich schön! Hier muss es vor Rotaugen nur so wimmeln, die sich nach der Laichzeit erholen und langsam wieder nach Nahrung suchen.

Probieren geht bekanntlich über studieren; deshalb packte ich meine sieben Sachen, schlichtete sie in den geräumigen Kofferraums meines VW Caddys (Das Hobby spielt beim Autokauf inzwischen keine unbedeutende Rolle) und ab ging’s ans Ufer.

Unterwasserwelten oder die Ruhe vor dem Sturm

Ich kam..., sah... und baute auf! Wer mich etwas kennt, weiß, dass ich gut und gerne Sorgfalt walten lasse, wenn es um die Platzorganisation geht. Gut Ding will eben Weile haben. Es verstreichen oft 90 Minuten, bis ich das erste Mal meine Montage mit Köder bestücke und einsetze. Am kleinen Naturfluss lasse ich mir aber aus einem anderen Grund Zeit. Ich will so leise wie nur möglich sein, um die scheuen Flossenträger nicht durch ein Holtadipolta-Trallala zu verscheuchen. Auf sprichwörtlichen Zehenspitzen griff ich in meine Kiepe, holte ein Lotblei hervor und tastete mich Zentimeter für Zentimeter penibel an der Uferkante des knapp ein Meter tiefen Gewässers entlang. „Heute fährt die Achterbahn Berg und Tal“, schmunzelte ich vor mich hin. Der Boden war alles andere als eben und hängerfrei, allerdings konnte ich auf der 8-9m Bahn eine glatte Spur finden, die mir zumindest etwas Freiraum für einen ordentlichen Trieb bot. Hier möchte ich später mit dem Köder spielen!

Der Mix

Der Mix

Natürlich kannte ich die Stelle nicht. Deshalb entschied ich mich für eine äußerst defensive Taktik. Mein Futter sollte schwer und fest bindend sein. Ich wollte vermeiden, dass sich beim Füttern bereits an der Oberfläche Partikel lösen. Aufplatzende Bälle bescheren nur Ärger mit Lauben, die ich von weiter Ferne bereits an der Oberfläche blitzen sah. Zudem ist an Naturflüssen oft eine defensive Mischung mit einem hohen Erdanteil vorteilhaft. Ich wählte einen Mix aus 50 Prozent Futter und 50 Prozent Waldboden, den ich direkt vor Ort suchte. Die Fische kennen diese Erde, weil das Flussbett einfach daraus besteht. Den Tipp habe ich von Günter Horler erhalten, der ihn auch in seinem CT-Bericht über Brachsenangeln an der Aue beschreibt.

Die Muttererde habe ich zusätzlich mit grauem Lehm abgebunden, bevor ich sie mit dem Futter vermischte und schön feucht, jedoch nicht übernass anrührte. Ich wollte um jeden Preis vermeiden, dass der Mix bereits an der Oberfläche zu Wolken beginnt.

Die Montagen

Als ob ich es erahnen konnte, musste ich die Rotaugen heute im freien Trieb einsammeln. Dafür muss in Naturflüssen in der Regel eine klassische Zwei-Punkt-Bebleiung zeigen, was sie kann. Über der Schlaufe baumelte ein einzelnes No. 10-Schrot als Dropper. Darüber befestigte ich im Abstand von nur 10cm die Hauptbebleiung. Ich wollte, dass die Montage schnell sinkt, damit mein Köder nicht sofort beim Einsetzen von den lästigen Lauben attackiert wird. Deshalb wählte ich auch ein sehr kurzes Vorfach. Am Ende des 10-cm-Vorfachs war ein 20er Mückehaken geknotet, weil die Rotaugen in unberührten Flüssen doch eine natürliche Scheu vorm Haken haben.

Die Session

Drei Bälle sollen für den Anfang genügen. Mein Cup ist geladen, ich spüre die Last des Bechers am vorderen Ende meiner Xitan Z12 und merke, wie sich die Rute auflädt, als ich sie Stück für Stück Richtung Gewässermitte schiebe. Im Inneren halten die Bälle wenige Caster und Maden für die Flossenträger bereit. Ich fange vorsichtig an, denn Nachlegen kann man immer noch. Zudem füttere ich zwei oder drei Körner Mais mit. Am Boden ergibt sich somit ein kleiner, optischer Kontrast auf dem dunklen Futterteppich. Vielleicht aktiviert dies den einen oder andern Bonusfisch. Schaden kann es wohl nichts. Meinen feindrähtigern 20er Rundbogenhaken bestücke ich mit einer Made und ab geht’s. Ich lassen den Köder an den Futterplatz herantreiben, blockiere kurz, um ihn dann erneut wieder laufen zu lassen.

Sobald die Pose an den Futterplatz driftet, halte ich die Montage kurz an. Das Vorfach hebt sich, ein Rotauge schnappt sich den Köder und die Pose taucht ab.  

Zack, Anhieb, Fisch… Das altbekannte Prozedere geht los, das wir Stipper kennen und lieben. Der feine Gummi schießt aus der Spitze, ich schiebe die Rute zurück und lande den ersten der rotflossigen Kameraden. Trieb für Trieb fliegen mir die Rotaugen entgegen.

Das Nachfüttern

Bissen sie zögerlicher, legte ich einen Ballen Futter nach. Gefühlt cuppte ich im fünfzehn-Minuten-Takt, allerdings machte ich das nicht von der Uhr, sondern von den Fischen abhängig. Merkte ich, dass die Lauben Überhand nahmen, verzichtete ich auf Futter und schob nur noch reine Erdkugeln mit dunklen Castern nach.

Das Ergebnis

‚Es läuft nicht schlecht!‘ und ‚was für ein Angeltag!‘, schallte es aus meinem Inneren. Die feine Antenne geht beinahe bei jedem Einsatz unter und mein Setzkescher füllt sich. Zeit zum Wiegen, denn die Sonne geht bald unter. Es plätschert und zappelt, als ich den Setzkescher aus dem Wasser hieve. Der Zeiger der Waage bleibt bei 4,8Kg stehen. Für eine Session am Naturfluss ist das ordentlich. Ich hätte im Vorfeld mit weniger gerechnet.

Ich hoffe, liebe Leserinnen und Leser, dass wir uns nicht nur in der digitalen Welt begegnen, sondern uns bald wieder an den Ufern der heimischen Gewässer, bei regionalen Hegefischen oder den nationalen Meisterschaften begrüßen und „schnacken“ können!

So long und Petri Heil
Euer Fabi

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