Trainer Thomas Engert zum Sichtungsangeln der Männer vom 20. bis 23. April 2006 am Havelkanal

  • von Thomas Engert
  • 02. Mai 2006 um 19:32
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Das champions-team der Gruppe A besteht aus 10 Anglern. 5 Aspiranten kommen zusätzlich aus den Reihen der Gruppe B, die sich dort durch besonders gute Leistungen empfohlen haben. Dieser Personenkreis wird einmal im Jahr zu einem Sichtungsangeln eingeladen, dass sich über 6 Durchgänge erstreckt. Dieses Sichtungsangeln dient als Vorbereitungslehrgang für die anstehende Welt- bzw. Europameisterschaft.



Als Gewässer hatten wir den Havelkanal in Falkenrhede ausgesucht, ein Gewässer mit gutem Weißfischbestand und einer Tiefe von ca. 4m auf der 13m-Bahn und ca. 5m auf der Matchrutendistanz. Der Kanal ist ein Stillwasser, Strömung wird nur durch Wind oder Schleusentätigkeit verursacht. Mehrmals am Tag passieren wenige Frachtschiffe und Freizeitkapitäne die Strecke. Um höchstmögliche Chancengleichheit zu gewährleisten, werden die Plätze nach einem mathematischen System vergeben.

Alle 6 Durchgänge wurden auf exakt der gleichen Strecke gefischt. Dies hat den Hintergrund, dass es für die Teilnehmer zwingend erforderlich ist, im Verlauf der Woche jeden Durchgang genau zu analysieren und zu antizipieren, in welche Richtung sich das Angeln entwickeln wird. Auf jeder WM und EM wird immer die gleiche Strecke eine Woche lang befischt und von Anglern und Trainern wird verlangt, dass sie einigermaßen präzise vorhersagen können, wie sich die Strecke an den beiden finalen Tagen fischen wird. Dies ist Grundvoraussetzung für eine gute Platzierung.


  

Die meisten Teilnehmer fahren daher schon einige Tage früher, um die Strecke schon mal zu testen und das Gerät optimal abzustimmen. Dabei sieht man seine eigenen und die Trainingsergebnisse der Kollegen und zieht für sich seine (vorläufigen) Schlussfolgerungen für die eigentlichen Durchgänge. Dabei trat zutage, dass aller Voraussicht nach die Matchrute nicht die große Rolle spielen würde. Das hat mir allerdings nicht so recht ins Konzept gepasst, denn bei der EM in Rieux in Frankreich wird, nach allem was ich in Erfahrung bringen konnte, die Matchrute das Maß aller Dinge sein.
Aus diesem Grunde hatten Peter König und ich den 5. Durchgang als reinen Matchruten-Durchgang (mit Mindestdistanz-Vorgabe von 25 Metern) angesetzt. Eigentlich waren zwei Durchgänge geplant, aber nachdem mehr als die Hälfte der Teilnehmer, gezwungen durch die Entwicklung der Angelei auf der Kopfrute, doch zur Matchrute griffen, haben wir es bei nur einem Durchgang belassen.


Anders als in vorher befischten Kanälen in Berlin (z. B. Brieselang), waren nicht ganz so viele Kleinfische auf der Strecke, Ukelei hingegen konnten dabei schon zu Problem werden, denn sie waren nicht auf der Fangliste. Einige Teilnehmer (z. B. C. Panno) setzten wie gewohnt auf eine Wolke aus Terre de Somme, legten oft los wie die Feuerwehr und fingen dabei aber auch etliche Ukelei, die jedoch nichts brachten.
Regelmäßig wurde es nach diesem Strohfeuer schlechter, während es bei den anderen Anglern, die auf schweres Futter ohne Wolkenbildung beim Einwurf setzten, zunehmend besser wurde. Ein inaktives Futter mit Wolkenbildung erst am Grund (dazu wird Wolkenbildner wie Tracix oder Litou extra, dem schon angefeuchteten, abgedunkelten Futter zugesetzt) war klar die bessere Wahl.
Marco Beck z.B. hatte sein Futter schon am Abend zuvor angefeuchtet, um kaum noch steigende Partikel im Futter zu haben und ja keine Wolke an der Oberfläche zu produzieren. Die Taktik ging 100% auf und nach 4 Durchgängen lag Marco klar vorne. Allerdings hat ihn dann wieder mal der Übermut gepackt und er meinte, beim Matchruten-Durchgang auf eine intensiv rote Wolke setzen zu müssen („Hopp oder Top“) und wurde bei seiner Lieblingsdisziplin klar letzter.
Marco ertrug es mit Fassung und gewann den letzten Durchgang ohne Oberflächenwolke relativ klar. Nach der Startfütterung wurde von praktisch allen Teilnehmern mit dem Polecup nachgefüttert. Die ersten Kugeln wurden von einigen Anglern (z. B. P. Schührer) schon nach 20min. hinausgeschoben, andere hatten mehr Futter am Anfang geworfen und ließen sich bis zu einer Stunde Zeit mit dem Nachlegen.


  

Der Polecup bietet den Vorteil, dass man z.B. eine konzentrierte Menge an Köder, exakt auf der richtigen Stelle, geräuschlos ablegen kann. In letzter Zeit hat sich der Polecup beim Kanalangeln fest etabliert und es wird kaum noch mit der Hand nachgefüttert.
An vielen Strecken, wo es auf Plötzen geht, ist dies sicher richtig. Ich persönlich habe mich gewundert, dass selbst nach dem dritten Durchgang, wo Kleinfische überhaupt keine Rolle mehr spielten und Brassen von 150- 400g dominierten, keiner auf das Geräusch eingeworfener kleiner Futterbälle gesetzt hat. Ganz allgemein wurde eher defensiv als offensiv geangelt, was sicher auf den erhöhten Leistungsdruck zurückgeht. Heutzutage sitzen die champions-team Mitglieder eben nicht mehr neben einem schwachen Angler (Gott sei Dank), jeder Fehler wird gnadenlos bestraft.

Lutz Schenke brauchte beispielsweise im letzten Durchgang eine Platzierung unter den ersten drei um seine Chance zu wahren, im A-Team zu verbleiben. Statt offensiv zu angeln und mit Geräusch zu füttern (kleine harte Ballen aus Futter und Terre de Riviere), „cuppte“ er fleißig und schwamm in der ersten Hälfte des letzten Angelns bestenfalls im Mittelfeld mit. Erst in der letzten Stunde kam ihm die Eingebung zu „blubbern“ und prompt liefen die Brassen ein.
Mit über 5 Kilo lag er denn auch recht gut, aber eben nicht gut genug. Die Zeit war einfach zu knapp geworden. Das fand ich schade, denn er fischt konstant gut mit der Matchrute und ich hätte ihn gerne nach Rieux als Teilnehmer mitgenommen.




Alles in allem haben sich die Teilnehmer durchgesetzt, die die Entwicklung der Strecke im laufe der Woche richtig vorhergesagt hatten und mehr auf die größeren Fische eingestellt waren.
Thomas Pruchnowski war taktisch sehr gut auf die Strecke eingestellt und gewann am Ende knapp vor Marco Beck und Ralf Herdlitschke. Top Angler wie Christian Panno und Lutz Schenke hatten leider etwas „verwachst“ und dürfen eine Bewährungsrunde im B-Team drehen, was allerdings auch kein Weltuntergang ist.
Die positive Überraschung für mich war Rene Bredereck, der sich als recht junger Angler sehr gut in Szene setzte und in das A-Team berufen wurde. Er hat gerade im B-Team sehr viel gelernt und ist sicher eine Bereicherung für das gesamte Team.
Wenn er dieses Jahr auch noch nicht international eingesetzt wird, so haben Peter und ich ihm das Angebot gemacht, zur EM oder WM als Helfer mitzufahren und Erfahrungen für seinen ersten internationalen Einsatz zu sammeln. Als Resumé kann man sagen, dass sich die Qualität des champions-teams deutlich verbessert hat. Die Spitze ist, wie man so schön sagt, „breiter“ geworden und es liegen nicht mehr immer nur dieselben Angler vorne.

Erfolgreiche Gerätekombinationen und Köder:

Kopfruten 13m, Elastik 0.7-0.8mm. Posen 1-3g (Punktbebleiung, keine Kette), ruhige Köderpräsentation.

Haken: 16-20 (z.B. 3405 Black Nickel) an 0,07er bis 0,08er Vorfach, 0,09- 0,10 auf der Matchrute

Köder: 200- 500g Mückenlarven im Futter, eventuell einige Pinkis und Caster. Geschnittene Würmer in Terre de Riviere um die Brassen zu halten.

Hakenköder: Vers de Vase (bis 5Stück!), Pinki, Caster, kleiner Rotwurm.

Matchruten 3,9m – 4,5m mit Wagglern von 10 – 16g, dabei 2-4g auf der Schnur.

Thomas Engert

Die Bilder wurden uns freundlicherweise von Rainer Österreich und Peter König zur Verfügung gestellt


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