Kadersichtung der Erwachsenen 2019 am Havelkanal - Teil 2

  • von Fabian Gesierich
  • 17. November 2019 um 08:45
  • 0

Stumpf zum Triumph – Posen und Montagen oder die Frage, wer länger durchhält...

Was ist das denn? Hier wimmelt es ja nur so vor Fisch, pfeiffe ich meinem Trainingspartner zu, der gerade ein Rotauge aus dem Kanal lupft. Ja, meinte er, es wird sich wohl alles um Rotaugen bis 100g und Brachsen bis 200g drehen. Vereinzelt fing man Exemplare mit 400g, allerdings wäre es übertrieben, das schöne Wort Bonusfisch in den Mund zu nehmen. Schon im Training war abzusehen, dass mindestens 20 Kg für einen der begehrten Plätze auf dem Treppchen vonnöten sind. Hier und da knackten so Manche der Kanalspezialisten sogar die 30-Kg-Marke.

Die Fische waren nicht zimperlich und hatten kaum Scheu vor Haken und Schnur. Dementsprechend wählte ich ein etwas gröberes Geschirr, um reibungslos und möglichst ohne Tangle eine ordentliche Stückzahl an Silberlingen zu landen. Eine 0,18er Hauptschnur ist steif und abriebsfest, so dass ich die Kopfrute härter als sonst rannehmen konnte, ohne den bei Stippern so unbeliebten Knäuel aus Schnur und Blei zu produzieren. Die Fische wollten nur eins: Fressen! Die Stärke des Vorfachs spielte von daher kaum eine Rolle, weshalb ich zur 0,16er Schnur griff und somit drei oder gar vier Nummern gröber wählte als ich es sonst gewohnt bin. Das Vorfach hatte nur einen Zweck: es sollte nicht reißen!

Ovale Posen zwischen 2,5g und 5g waren der Aufgabe am besten gewachsen. Die niedrigeren Grammklassen ließen sich mit einem Ein-Punkt-Pattern fischen, ohne dass sich diese plumpe Bebleiung negativ auf das Beißverhalten auswirkte. Schwerere Modelle konzipierte ich im Zwei-Punkt-Schema, wobei ich den Abstand zwischen den 3xNo.7 Bissbleien und dem Bulk sehr knapp hielt. Ich schätze, dass nicht mehr als 20cm zwischen beiden Punkten lagen. Der Haken fiel dadurch etwas natürlicher, wobei die positive und direkte Bisserkennung der Montage nichts einbüßte.

Auf der anderen Kanalseite kristallisierten sich Zommermontagen zwischen 14g und 16g als erfolgsversprechend heraus.

Jeder Stipper hat sicherlich seine eigene Philosophie, technische und taktische Faktoren auf ein Gewässer abzustimmen. Stippen ist für mich mit dem Erlenen einer neuen Sprache zu vergleichen. Man muss nur die Grundregeln der Grammatik verstanden haben, um einzelne Vokabeln kunstvoll zu mehr oder weniger komplexen Sätzen zusammenzusetzen. Je mehr Worte man kann, umso eleganter wird der Ausdruck. Am Havelkanal dürfen heute aber grobe Worte nicht fehlen, um die feinen Dinge zu erörtern.

Geschichten aus der Hexenküche oder warum Futter überbewertet wird?

Ich gehe meine Checklist weiter durch! Nachdem die Frage nach den Montagen abgehakt ist, steht nun die Futtertaktik zur Debatte. Was setze ich nur auf die Speisekarte?

Obwohl ich mir Angelstammtische ohne Diskussionen um nach Vanille, Bubble Gum oder Karamell riechende Zaubermittel kaum mehr vorstellen kann, so glaube ich hingegen inzwischen nur noch an physikalische Eigenschaften des Futters. Wahrscheinlich brachte mich die heimische Kleinfischangelei zu dieser Erkenntnis. Solange die Mehle frisch sind und so arbeiten, wie ich will, fängt man mit jedem Futter Fische. Seit langem konzentriere ich mich nur noch auf das Gewicht, die Körnung, die Farbe und natürlich die Aktivität meiner Mischungen. Diese Faktoren an das Gewässer und den Angelstil anzupassen, sind schon komplex genug. Warum soll ich mich also mit Nebensächlichkeiten wie zaubermittelartigen Lockstoffkombinationen unnötig abärgern? Das lenkt nur vom Wesentlichen ab.

Soweit so gut! Der Havelkanal ist über 4m tief und beherbergt große Ukischwärme. Also brauche ich ein relativ schweres, kompaktes und passives Futter, das schnell zum Grund gelangt und während der Absinkphase auf der Kopfrutenbahn wenig Partikel und Köder freigibt. Erde und Lehm dürfen also nicht fehlen, denk ich mir, als ich einen Beutel meines selbstgesuchten und gesiebten Wald- und Wiesenbodens aus meinem Kofferraum zerre. Ich darf mich glücklich schätzen, in einer Gegend mit relativ fruchtbaren Äckern ohne großen Sandanteil zu wohnen. Zweimal im Jahr sammle ich Erde, siebe, trockne und säubere sie von organischem Material, um sie anschließend luftdicht für die Saison zu verpacken. Meine Erde ist schwer, kompakt und verklebt das Futter nicht allzu stark. 50% dürfen es heute auf jeden Fall sein; ich öffne die Tüte, messe die Menge ab und rühre den Boden Schritt für Schritt mit dem Akkuschrauber unter meine bereits angefeuchtete Futtermischung, die heute aus Browning No. 1 und Browning Canal besteht. Auf Lockstoffe verzichte ich komplett. Weil der Kanal jedoch sehr klar ist, füge ich dem Futter aber etwas an schwarzer Farbe hinzu.

Ob die Futtergeheimrezeptur passt oder nicht, klammere ich vollkommen aus. Stattdessen konzentriere ich mich auf strategische Fragen. Wie man füttert und wann bzw. wie viele Köder man setzt, ist m.E. sowieso gravierender als Philosophien über geheime Futterzusätze. Gerade der Druckpunkt der Bälle entscheidet oftmals enorm über das Fressverhalten des Schwarmes. Man kann damit ungefähr steuern, ob viele oder wenige Lebendköder freigegeben werden. Füttert man zu viel der eiweißreichen Krabbler in locker gedrückten Ballen, kann es sein, dass der Platz zu „fizzen“ beginnt. Gerade bei großen Fischmengen, kann das oft zu einer Serie von Fehlbissen führen, weil sich die Fische blindlings auf alles stürzen, was sie zu fressen finden, und am Futterplatz einen unkontrollierbaren Panikzustand auslösen. Füttert man zu hart gedrückte Bälle, werden zu wenig Köder freigegeben und der Schwarm verliert das Interesse. Ich trainiere seit Jahren daran, zu erahnen, wie viele Köder ich bringen muss, um Futterneid auszulösen. Weniger ist oft mehr; diese Phrase hat mir inzwischen schon den einen oder anderen Sektorensieg beschert.

Die eigentliche Taktik oder die Kunst des Druckpunkts

Weil ich Brachsen, Rotaugen und Güstern in enormen Schulen unter meinen Füßen vermute, will ich natürlich einen etwas großzügiger bemessenen Teppich anlegen. An Platz für die schuppigen Gesellen darf es nicht fehlen, wenn man große Schwärme über einen längeren Zeitraum zu Gast haben will. Deshalb warf ich zur Startfütterung fünf Bälle ohne Köder, um eine gewisse Streuung zu erzielen. Darauf cuppte ich fünf kleinere Bälle gespickt mit Proteinbomben namens Caster und ein paar geschnittenen Würmern. Die Bälle drückte ich sehr fest, um ihr Auflöseverhalten zu drosseln. Sie sollten die Köder nur langsam freigeben. Auf helle Köder wie Maden und Pinkies verzichtete ich wegen den Ukis.

Nach der Startfütterung cuppte ich regelmäßig kleine, festgedrückte Bälle mit Caster nach. Auch hier fütterte ich kompakt, um den Rotaugen und Brachsen nicht zu viel auf einmal auf den Ernährungsplan zu setzen. Lag zu viel Material am Gewässergrund, wurde der Platz für kleinere Fische attraktiv.

Daneben experimentierte ich zudem noch mit einem zweiten Futterplatz, auf dem ich nur Erdbälle mit Mücken setzte. Etwa in einem Meter Abstand und links vom Hauptteppich gelegen platzierte ich einige Bälle. Ich wollte dort Brachsen selektieren, die einen ruhigen Platz fernab des aufgewirbelten Futterteppichs bevorzugten. Meine Taktik ging allerdings nur an Sektorenabschnitten auf, wo mein gefütterter Spott genügend Sicherheitsabstand zur Steinpackung hatte. Landeten die Mückenbälle zu nahe an den Steinen, blickte ich nur in gierige Barschmäuler, die das rote Gold genüsslich verschlangen.

Meine Taktik habe ich übrigens alle vier Durchgänge beibehalten, entwickelte aber stetig ein besseres Gefühl für Futterrhythmus und Köderhaushalt.

...ab in die Waschstraße!

Unter uns Stippern gibt es wohl viele Floskeln; aber dass Köderqualität und Fangerfolg stark zusammenhängen, bestätigt sich bei nationalen und internationalen Wettkämpfen immer wieder. Dabei trifft in vielen Fällen die Händler die wenigste Schuld, wenn die Eiweißlieferanten a la Mücken, Pinkies, Maden und Würmer bereits während der Trainingstage schlapp machen. Gerade wenn Mücken falsch gelagert werden, lassen sie schnell die Köpfe hängen. Ich möchte auch nicht viele Worte über Madensiebe oder die ideale Wassertemperatur für Blutwürmer verlieren. Dennoch möchte ich kurz auf eine hierzulande kaum verbreitete Technik verweisen.

Inzwischen verwende ich kaum noch Mückentrenner für meine Foulies. Kleine Mücken werden von mir vor und nach den Durchgängen stattdessen gewaschen. Ich gebe die Tierchen dazu in eine größere, mit Wasser gefüllte Wanne und rühre vorsichtig um. Man glaubt nicht, wieviel Schmutz sich dabei löst. Das Wasser färbt sich richtig grau. Anschließend gieße ich die Mücken durch ein feines Aquariensieb ab, das ich vorsichtig ausdrücke. Den Vorgang wiederhole ich sooft, bis das Wasser keine Verunreinigungen mehr aufnimmt. Anschließend lege ich die Mücken auf eine Zeitung und rolle sie ein. Man sollte es nicht glauben, aber die Mücken sind nach dem Waschen frisch, agil und perfekt getrennt. Ich glaube, dass sich die Qualität der der Foulies mit dieser Technik entscheidend verbessern lässt – ein kleiner Tipp am Rande!

Die Durchgänge

Wenn ich im Nachhinein auf die Durchgänge zurückblicke, muss ich offen zugeben, dass ich anfangs etwas gebraucht habe, um den Kanal richtig zu verstehen. Gerade die erste Runde lief nicht wie geplant. Ich konnte nur 11900g zur Waage bringen, wohingegen die Sektoreneins gut 20Kg verbuchte. Mit der Ziffer Sechs am ersten Tag gebe ich mich allerdings nicht geschlagen, murmle ich vor mich hin, als ich das Fußpodest in die Kiepe schiebe und mein Tackle langsam über die Kanalböschung hieve.

Der zweite Durchgang lief schon etwas besser für mich; allmählich fand ich meinen Rhythmus. Regelmäßig schob ich kleine, fest gedrückte Kugeln auf meinen Futterspot, der sich allmählich zu einer wahren Fangzone aufbaute. Ein Rotauge nach dem anderen zog meine Pose unter Wasser; Zack, ein Anhieb folgte und der 0,8er Gummi schoss aus der Rutenspitze meiner Xitan Z12 heraus. Nach und nach füllte sich mein Setzkescher, so dass er sich nach vier Stunden nur noch mit etwas Schwung aus dem Wasser heben ließ. Die Augenblicke zogen an mir vorbei, bis endlich das Wiegeteam vor mir stand. Nervös pendelte die Digitalanzeige der Waage hin und her, bis ich dann letztendlich den Ruf mit meinem Ergebnis vernahm: Gesierich; 19800g. Die Eins hob mit 29 Kg zwar gut 10 Kg mehr aus dem Kanal, aber ich habe mein Ziel, unter die Top 5 im Sektor zu kommen, erreicht. Das war heute gar nicht mal so schlecht, aber da geht noch Einiges.

Mal sehen, was passiert, wenn die Matchrute ins Spiel kommt. Den Gedanken hielt ich fest, während meine Zoomermontage das erste Mal auf der Wasseroberfläche aufsetzte und ich den Verlauf der sich aufstellenden Pose beim Loten beobachte. Auf der 28m-Bahn fand ich sogleich auch einen guten Spot mit glattem und sauberem Untergrund. Dann ertönte auch schon das Startsignal. Ich setzte die Stange ein und fing hauptsächlich Rotaugen um die 100g. Doch das Blatt sollte sich nach zwei Stunden wenden, als das Signal zum Methodenwechsel ertönte. Ich griff nach meiner Matchrute, die ich sicher auf meiner Kitablage platzierte, ließ den Zoomer nach hinten gleiten und spürte, wie sich der Rutenblank auflud. Der Zoomer flog über den Kanal, landete gestreckt mit einem kurzen Ploppgeräusch und ich gab etwas Schnur frei. Ich hörte das Zischen der Rutenspitze, als ich sie aus dem Wasser peitschte und die Schnur zum Sinken brachte. Just im Moment tauchte die Pose bereits ab. Ich quittierte den Biss mit einem sanften Anhieb und merkte in der parabolischen Aktion meiner Englischen, dass es sich hierbei nicht um ein Rotauge handelte. Jawohl, die Brachsen haben sich auf die Matchspur gestellt. Mit den 200g schweren Rüsslern konnte man nochmals ordentlich Gewicht machen. Am Ende reichte es dieses Mal für die Vier im Sektor; mit 11300g konnte ich auch den Abstand zum Sektorensieger verkleinern, bei dem heute 15500g abgewogen wurden. Ich fühlte mich in Schlagdistanz...

...heute gebe ich nochmals alles! Fortuna war mir jedoch beim Losen wenig hold und ich musste auf der D1 platznehmen, also dem schwierigen Innenplatz des Außensektors. Trotzdem feilte ich noch ein bisschen an meiner Futterstrategie. Gerade auf der Matchrutenbahn kann ich noch ein wenig an den Stellschrauben drehen. Wenn ich beim Nachfüttern ein paar Partikel in der Oberflächenströmung freigebe, dürften die Lauben den abtreibenden Köder und Futterkrümmel folgen. Ja, damit werde ich heute arbeiten. Ich entschloss mich, beim Nachfüttern drei Bälle in Serie zu schießen, jedoch erst zur Schleuder zu greifen, wenn Lauben meinen Hakenköder zu stark attackierten. Meine Taktik klappte diesmal wie am Schnürchen; jedes Mal, wenn mein 14g schwerer Zoomer abtauchte, spürte ich nach dem Anhieb ein vertrautes Pumpen und nach kurzem Drill landete Brachse für Brachse in meinem Unterfangkescher. 14300g reichten für eine solide Zwei im Sektor, wobei die Eins nur knapp über 15Kg im Netz hatte. Über die Hälfte meiner Fische hingen im letzten Durchgang übrigens am Haken meiner Matchrute.

...warum ich mehr Urlaub brauche!

Wer hätte das gedacht; bei meiner ersten Sichtung konnte ich drei Mal unter den Top 5 im Sektor landen. Die Zwei am letzten Tag war für mich der krönende Abschluss einer intensiven, aber sehr lehrreichen, fairen und vor allem kameradschaftlichen Angelsession. Insgesamt wurde ich Fünfter in meinem Sektor und konnte somit in den Herrenkader einziehen. Damit habe ich nicht gerechnet. Gespannt warte ich nun, wo ich nächstes Jahr zum Einsatz komme; meinen Terminkalender halte ich dafür natürlich frei. Neben dem Jugendkader, den lokalen Hegefischen und der Erwachsenenliga bleibt auch 2020 für den Strandurlaub keine Zeit, aber wer braucht schon Palmen, wenn man sich mit den besten Stippern der Welt im Kanalangeln messen darf.

Werbepartner