Kadersichtung der Erwachsenen 2019 am Havelkanal - Teil 1

  • von Fabian Gesierich
  • 08. November 2019 um 08:00
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...einmal Havelland und zurück!
Eindrücke zum Abenteuer Kadersichtung der Erwachsenen

Ein Blogbeitrag von Fabian Gesierich

Liebe Freundinnen und Freunde des Stippersports,

Seit über der Hälfte meines Lebens verfolge ich gespannt und immer noch mit leuchtenden Augen die Berichte auf Champions Team. Die Bilder, Videos und Praxistipps meiner anglerischen Helden begleiten mich im Winter beim Montagenbinden und im Sommer, wenn ich nach einer Session an den heimischen Gewässern meinen Angelkeller wieder auf Vordermann bringe. Dabei hat mich gerade einer der letzten Beiträge des ehemaligen CT-Autors Tobias Schiller (CT-Bericht: Nach mir die Sintflut) bis ins Mark getroffen; sein Weckruf und sein Appell an unsere Community, den Nachwuchs aktiv zu fördern, mit freundlichem Gemüte Rede und Antwort zu stehen und jedem Interessierten offenherzig einen tiefen Blick in die Trickkiste jenseits der 0-8-15-Ratschläge werfen zu lassen, hat bei mir nachhaltig Wirkung gezeigt.

Deshalb möchte ich, liebe Leserinnen und Leser, dass sie mich bei der diesjährigen Sichtung des Nationalkaders der Erwachsenen an den Havelkanal begleiten. Ich glaube, der Stil eines Blogbeitrags ist hierfür genau richtig. Gerade wenn man auf englische Medien blickt, so lässt sich der Erfolg der New-Media-Formate a la Blogs, Podcasts und medialen Logbüchern kaum bestreiten. Und mal ehrlich, die neue Art des Erzählens ist nicht nur unterhaltsam oder trendy, sondern auch wesentlich informativer als ein abgehakter und auf das Wesentliche reduzierter Kurzbericht im „Beamtenstil“.

Gerade weil unser Sport mehr ist als lediglich eine Sitzkiepe am Ufer aufzubauen und 4 Stunden die Kopfrute übers Wasser zu halten; gerade weil Stippen Passion, Leidenschaft, Hingabe und nicht zuletzt auch produktiven Stress mit sich bringt, möchte ich mich von Zeit zu Zeit ausführlicher zu Wort melden und meine Eindrücke und Gedanken vor und während eines Wettkampfes mit der Champions-Team-Community teilen.

Wie vielseitig Angeln sein kann... Regionale Unterschied oder die Fähigkeit der Technikadaption

Wustermark, Brandenburg an der Grenze zu Berlin! Google Maps, bring mich an den Havelkanal! Vielen ist die Gegend um Berlin vor allem eine Bildungsreise wert, denn schließlich ist die Stadt ein Sinnbild für Kunst, Kultur und Geschichte, das geradezu aus den Nähten platzt vor Museen, Sehenswürdigkeiten und Denkmälern einer lebendigen Erinnerungskultur. Andere besuchen das Zentrum unserer Republik dagegen eher wegen seiner nie schlafenden Partymeilen mit ihren Feierfabriken und Kuriositätenkabinetten. Doch wenn ich mein Auto belade, volltanke und mein Navigationssystem die Segel gen Osten setzen lasse, verkommen feierwütige Clubs, kurze Tage und lange Nächte schnell zur reinen Nebensache. Für mich ist die Region inzwischen ein fast numinoses Symbol für die hohe Kunst des Kanalangelns, und zwar in all seinen Facetten. Nahezu grenzenlos sind dort die Einzugsgebiete der Havel und der Spree; gefühlt beheimaten die Städte rund um die Millionenmetorpole mehr Wasserwege, Kanäle, Anlegestellen und Schleusen als Straßenschilder, Ampeln und Kreuzungen. Rotaugen, Güstern und Brachsen (in meinem bairischen Vokabular sind Plötze und Brassen immer noch unbeugsame Fremdwörter) gibt es darin mehr als Einwohner und Touris.

In den letzten vier Jahren hatte ich schon ein paar Mal die Gelegenheit, die ostdeutschen Kanäle bei den deutschen Meisterschaften der Jugend und der Erwachsenen zu inspizieren, allerdings gebe ich gut und gerne zu, dass die dort praktizierte Art der Angelei nicht mit der in meiner bairischen Heimat vergleichbar ist. Meist stippe ich in Kiesgruben, die selten tiefer als 2m sind, auf verbuttete Kleinfische um die 60g oder stelle in kleinen Naturflüsschen, deren Wasserstand im Sommer allerhöchstens Knietiefe erreicht, bulligen Döbeln und kampfstarken Zährten mit leichten Posen im freien Trieb nach. Die Mücke ist in meiner Region (leider immer noch) aufs Strengste verpönt; selbst viele der alten Hasen der Szene haben in ihrem Leben wohl noch nie eines der roten Tierchen am Haken zappeln sehen. Umso mehr sehne ich mich natürlich nach jeder auch noch so kleinen Gelegenheit, um über den Tellerrand der heimischen Küche zu blicken und meinen anglerischen Horizont zu erweitern, auch wenn ich dafür über 1000 Km in einem voll beladenen Kleinwagen von Süddeutschland hoch in den Nordosten und wieder zurück fahren muss. Wer weiterkommen will, muss eben nicht nur vielseitig, sondern auch mobil sein, und was gibt es Schöneres, als neue Gewässer kennenzulernen, andere Futtertaktiken und Strategien zu erproben und ein paar neue Techniken im Erfahrungsschatz willkommen zu heißen.

Doch reicht mein Know How bereits für das aus, was mir bei diesem Ausflug bevorstehen sollte? Die Kadersichtung ist nochmals eine andere Liga als Jugendmeisterschaften und lokale Hegemaßnahmen. Ich muss auch offen zugeben, dass ich mich in der Rolle des Underdogs sehe. Schließlich messe ich mich mit einigen der besten Stipper Deutschlands in deren Hausgewässern. Mir hingegen ist der Kanal völlig unbekannt, weshalb mir nichts anderes übrig bleibt als die Zeit im Training sinnvoll zu nutzen und auf meinen Instinkt zu vertrauen.

Trotz der Vorfreude auf die anstehende Reise, stimmen mich ein paar Gedanken dennoch sehr traurig. Wo soll es eigentlich hingehen mit Stipperdeutschland, wenn Hegefischen, die auf internationale Veranstaltungen vorbereiten sollen, nur noch im kleinen „gallischen Dorf“ der Matchanglerszene ausgetragen werden, wohingegen im Rest der Republik Angelveranstaltungen mit bürokratischen und nicht-bürokratischen Hürden zu kämpfen haben? Die Gedanken kreisen, als ich auf die Autobahn auffahre und mein Tackle-Mobil langsam Richtung Osten rollt.

Was ist eine Wildcard? – Was mache ich hier eigentlich?

Doch halt, erstmal langsam! Gehen wir ein paar Schritte zurück! Wie kommt es, dass ich mich im verregneten Oktoberanfang auf vier Durchgänge im Havelkanal vorbereiten darf? Ihren Anfang nimmt die Geschichte wahrscheinlich am Teltowkanal in Berlin, genauer gesagt bei den deutschen Meisterschaften der Jugend und der Erwachsenen im Mai und im Juni dieses Jahres. Die Durchgänge sind vorbei und ich konnte in beiden Veranstaltungen jeweils an einem Tag meinen Sektor für mich entscheiden. Sogar für das Tageshöchstgewicht reichte mein Fang aus, was mir eine Platzierung in der Top 20 sicherte. Im August reiste ich nach Spanien zur U20-Weltmeisterschaft und schnitt als bester Deutscher ab. Wohl deshalb trat Peter König im September auf mich zu. Ich war überrascht und nicht minder glücklich, als er mir eine Wildcard für die Kadersichtung der Erwachsenen ausstellte. An junge Talente, erklärte man mir, die nicht nur Elan, Enthusiasmus und Einsatzfreude zeigen, sondern auch über einen längeren Zeitraum hinweg auf nationaler und internationaler Ebene konstant gute Leistungen erzielen, ergeht eine Einladung für die Sichtung des Nationalkaders. Nur wenn man den Nachwuchs genau unter die Lupe nimmt, kann Deutschland in den kommenden Jahren international anschlussfähig bleiben.

Die Kadersichtung selbst läuft eigentlich nach einem sehr einfachen Prinzip ab. 36 Angler werden vier Sektoren zu je neun Mann zugeteilt, um vier Durchgänge auszutragen. Zwei davon sind ausschließlich mit der Kopfrute zu absolvieren; die anderen beiden sollen zur Hälfte mit der Rollenrute bestritten werden, damit sich das technische Niveau der Teilnehmer auf ganzer Bandbreite zeigt. Entscheidend für den Verbleib im Kader sind die Sektorenergebnisse: die ersten Sechs ziehen ein; der Rest fliegt raus. Eine Gesamtwertung gibt es nicht.

So lauten die Regeln! Doch fernab der Theorie müssen die Angler im Sektor erstmal geschlagen werden. Die großen Namen sind für mich als Jungspund zunächst einschüchternd, jedoch wecken sie gleichzeitig meinen Ehrgeiz. Ich bin fest entschlossen, Alles zu geben, um mit der Spitze mithalten zu können.

Der frühe Vogel fängt den Wurm oder warum Vorbereitung alles ist!

Am Havelkanal angekommen muss natürlich so schnell wie nur möglich ein Plan her. Mir bleiben nur zwei Trainingstage, um eine Strategie zu entwickeln. Dabei ist es natürlich hilfreich, wenn man auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. Ich durchblättere in meinen Gedanken bei jeder neuen Strecke einen kleinen Fragenkatalog, den ich Schritt für Schritt am Gewässer abhake. Eine goldene Regel dafür gibt es natürlich nicht, weil solche Erschließungsprozesse m.E. vom persönlichen Stippstil und den technischen Fähigkeiten abhängig sind. Es entwickelt sich aber mit Sicherheit bei jedem eine Routine, wenn man oft und viel angeln geht und dabei Sessions nicht ausklingen, sondern nachhallen lässt, und reflektiert, warum, wann und wieso die Fische beißfreudig waren oder reserviert geblieben sind. Nur wer einen großen Teil seiner Freizeit mit offenen Augen an den Gewässern seiner Region verbringt, kann jene Fähigkeiten trainieren, die an der Waage dann ein paar Gramm mehr bringen als der Nebenmann im Kescher hat. Altmeister Bob Nudd pflichtete mir bei; auf der Stippermesse steckte er mir zu, dass er zum Angeln aufhöre, sobald er nichts mehr lerne.

Die Liebe zum Detail und der Drang, Neues zu einzustudieren und Altes zu verfeinern, treibt mich inzwischen jede freie Minute ans Wasser. Das war in meiner Kindheit nicht viel anders als heute. Doch als ich in den Anfangstagen meines Anglerlebens mit Futtereimer und Pinkies bewaffnet die ersten Gehversuche mit der Kopfrute machte, konnte ich die bunte Vielfalt unseres Sports noch nicht erahnen. Zwar war mir damals schon bewusst, dass Kanal nicht gleich Kanal ist. Aber erst in den letzten Jahren entwickelte ich allmählich einen Riecher für Gewässercharakteristika und für Streckengegebenheiten bei hohem Angeldruck. Stippen ist eben ein Kunstgeschick und handwerkliche Fähigkeiten gilt es natürlich zu trainieren. Ich arbeite inzwischen gezielt daran, meinen Instinkt für Angelverläufe zu schärfen. Wie muss ich reagieren, wenn mein Nachbar zu viel oder zu wenig füttert; wie verhalten sich die Fische, wenn ich die Ködermenge drossle oder steigere; wie sieht das ideale Ködermanagement aus, wenn eine Strecke eine längere Zeit unter Futter steht? Wie muss meine Vorfachmappe bestückt sein; welche Schnur, welche Schrote und Olivetten sind für meine Montagen angebracht?

Ich stehe an den Ufern des Havelkanals und lasse diese Fragen in meinem Kopf kreisen, während ich auf meine Hakenbox blicke und meinen Montagenturm durchforste...

Der Havelkanal – Liebling der Stipper?

Wie gebannt laufe ich am Ufer des Kanals entlang, wobei ich meine Blicke über die Wasseroberfläche schweifen lasse. Wie gehe ich vor? Was baue ich auf?

Vor mir erstreckt sich ein 45m breiter Wassergraben, der am Uferbereich gesäumt ist von einer Steinpackung. Nun gut, Fabian, fang einfach mal mit den Basics an. Werfe doch zunächst einmal einen Blick auf den Gewässerboden, ruft mir eine innere Stimme zu und erinnert mich gleichzeitig an mein Stressmanagement. So gut es geht blende ich das Wettkampfszenario aus, krame ein Lotblei aus der Kiepe hervor und begebe mich auf Erkundungstour. Ein erstes Loten ergab, dass die Steine bis zur 11m-Spur reichen; dahinter befindet sich glatter Boden. Für mich bedeutet dies, dass sich mein Arbeitsbereich auf der Kopfrutenbahn zwischen 11,50m und 13m erstreckt. Zentimetergenau führte ich das Lotblei über den Boden, um kleine Unebenheiten am Gewässergrund zu ertasten und einen sauberen Bereich zu finden.
Der Kanal hatte abgesehen von der Oberflächendrift keine Strömung. Die innere Ruhe des Gewässers strahlte nicht nur etwas Erhabenes und Majestätisches aus, sondern eröffnet natürlich eine Vielzahl von anglerischen Möglichkeiten. In einem Brainstorming sortiere ich meine Optionen, wobei mein Blick langsam auf das Matchrutenfutteral abdriftet, das links neben meiner Kiepe lag.

Der Havelkanal – Liebling der Stipper

Bei diesen Bedingungen lassen sich die Kanten am gegenüberliegenden Ufer sicher mit der beringten Englischen präzise beangeln, schmunzelte ich vor mich hin, als ich den Grundsucher vom Haken nahm und überprüfte, wie meine Antennen im Wasser stehen.

Die Wasseroberfläche und was sie über Futtertaktiken und Motangenwahl verraten kann...

Das Wasser ist glasklar und das Funkeln der Ukis, die ihr Schuppenkleid munter an der Oberfläche aufblitzen ließen, stach sofort ins Auge. Herrje, das muss ich natürlich bei meiner Futterstrategie berücksichtigen. Die Sonne scheint auf den Kanal und die gierigen Laubenschwärme sehen jeden Partikel, der die oberen Wasserschichten durchdringt. Damit das nicht zum Verhängnis wird, fallen mir mehrere Möglichkeiten ein; mal sehen, welche davon hier und heute am Effektivsten ist. Zuhause angle ich am liebsten mit schweren Futterballen gegen Ukis, wobei ich Lebendköder im inneren Kern der Futterbälle vergrabe. Ihre äußere Oberfläche versiegle ich zusätzlich mit Wasser, so dass die Bälle beim Eintauchen in die Fluten weder Partikel noch Caster & Co. freigeben. Zudem sind schwere Ein-Punkt-Montagen hilfreich, um den Hakenköder schnell zu Grund zu transportieren, ohne dass sich eines der lästigen Biester daran vergreift. Auch spielen Ködergröße und -farbe, Hakenmodell und der Einsetzpunkt der Montage als taktische Faktoren im Kampf gegen Ukeleis eine nicht minder bedeutsame Rolle.

Am Ende stellte sich heraus, dass am Havelkanal ein schweres, gut bindendes Futter und natürlich die darauf abgestimmten, schnell sinkenden Montagen ausreichten, die Oberflächenquälgeister auf Abstand zu halten.

Stumpf zum Triumph – Posen und Montagen oder die Frage, wer länger durchhält, all dies erfahrt ihr im 2. Teil

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