Krabbenaroma und Dopingproben

  • von Michael Borchers
  • 25. September 2006 um 17:39
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Krabbenaroma und Dopingproben

Nach den World Fishing Games 2000 in Italien hatte sich diesmal Portugal bereit erklärt, fast alle im Jahr 2006 anstehenden Weltmeisterschaften vom Bootsangeln bis hin zum Fliegenfischen konzentriert in einer Woche durchzuführen. Eine logistische Leistung, die erst einmal bewältigt werden muss und dabei häufig zu Lasten der Aktiven geht.

Geht es hier doch darum, die im ganzen Land verteilten einzelnen Meisterschaften, ob im Karpfenangeln, Bootsangeln, Big Game, Brandung, usw. straff und überschaubar zu organisieren. Allein die Eröffnung in Lissabon im Nautic Pavillon der EXPO 98 mit über 50 Nationen war ein gewaltiger Kraftakt!

In einzelnen Berichten wollen wir nun die Fakten und Hintergründe dieser Angelweltspiele in Portugal näher bringen und hoffentlich auch Erklärungen für das gute oder auch schlechte Abschneiden der deutschen Starter darlegen.

Heute beginnen wir mit der Weltmeisterschaft der Männer im Süßwasserangeln in Montemor-O-Velho vom 16.09. – 17.09.

Der DAV.e.V. nominierte gemeinsam mit dem verantwortlichen Trainer Peter König über das Champions-Team im Vorfeld Stefan Posselt, Ralf Herdlitschke, Lutz Weißig, Andreas Dalcke, Marco Beck und Günter Horler für diese WM. Durch kurzfristig aufgetretene logistische Probleme konnte Günter sein Angelgerät leider nicht mehr nach Portugal transportieren, so dass er als Betreuer und Verantwortlicher für das Futter fungierte. Da inzwischen kein Team mehr ohne einen ausreichenden Betreuerstab auskommt, reisten im Vorfeld Rene Bredereck und Lutz Schenke an, am Donnerstag vor den Durchgängen stießen noch Claus Müller und Steffen Quinger zum Team.


Champions-Team Herren
Das Champions Team Herren 2006 in Portugal


Die Wettkampfstrecke von Montemor-O-Velho ist ein sehr ebener, gleichmäßiger Ruderkanal mit einem Bestand an Schwarzbarschen, Sonnenbarschen, Meeräschen und Bogas. Das Gewässer ist stehend und alle Sektoren sind technisch gesehen annähernd gleich.

Als Favoriten galten im Vorfeld klar die Portugiesen und Spanier, da der Schlüsselfisch der Veranstaltung, die Meeräsche, von ihrem gesamtem Beiß- und Drillverhalten mit keinem anderen Fisch vergleichbar ist und gerade diese Länder die dafür notwendige Erfahrung in Technik und Taktik besitzen.

Während der Trainingswoche vom 11.09. – 15.09. versuchte dass deutsche Team, wie auch sicher alle anderen Teams, Erfahrungen mit dem Gewässer zu sammeln und die beste Methode herauszufinden, wie hier geangelt werden musste, um im vorderen Bereich mitspielen zu können.

Schnell wurde klar, dass Matchrute oder Bolorute stark zu vernachlässigen sind und maximal einen Notvariante darstellen. Nach 4 Tagen hatten wir einen Eindruck, wie zumindest theoretisch in den Durchgängen vorgegangen werden musste. Die erste Zeit, in der Regel ca. die ersten 20 Minuten galt es die fast immer am Platz vorhanden kleinen Schwarzbarsche sozusagen vor den Füssen zu fangen, danach mussten sehr konzentriert und mit sehr feinem Gerät (bis runter auf 0,3 Gramm) die herumwandernden Meeräschen zum Biss verleitet werden.

Das Problem war dabei aber, dass die Bisse der Meeräschen sehr vorsichtig und teilweise blitzartig erfolgten und der Fisch genauso blitzartig den Köder wieder ausspuckte. Ein überaus schneller und konzentrierter Anhieb war hier notwendig um die durchschnittlich 400g (in der Spitze bis zu 2 Kilo) schweren Meeräschen zu haken. Das haken war das eine Ding, der Drill war das weitaus größere Problem!! Wer denkt, eine Barbe ist drillstark, der hat noch nie eine Meeräschen gedrillt. Der Versuch sie müde zu drillen, sie im Drill zu erschöpfen, ist fast aussichtslos!

Während der Trainingstage hatte sich ein Futtergemisch aus ETANG und CARP FINE, kombiniert mit einem sehr hohen Anteil an mittelschwerer Erde, bewährt.

Die genutzten Montagen bestanden in der Mehrzahl aus Posen zwischen 0,3 – 2,5 Gramm und einer Kettenbebleiung, 16 – 18 Haken, Vorfachstärke mindestens 12er Vorfach!!

Das Vorfach musste deswegen so stark gewählt werden, damit die größeren, kampfstarken Meeräschen auch gelandet werden konnten. Die Erde wurde am ersten Tag mit einem Krabbenaroma angereichert, da sich dies auch deutlich im Training bewährt hatte. Gerade der letzte Tag im Training zeigte, dass die später gewählte Taktik gut war, mit Abstand fing das deutsche Team im späteren Sektor D die meisten Fische und alle waren bezüglich einer guten Platzierung guter Dinge.

In der abschließenden Teambesprechung wurde die Taktik für das Wochenende noch einmal durchgesprochen.

Ziel war es, nach dem Aufbau des Platzes mit Futter und Lehmballen und einigen Sicherheitsbällen auf die Matchrute sofort im unmittelbaren Uferbereich zu beginnen und die dort vorhanden Barsche „zu verhaften“. Später zeigte sich, dass diese Taktik fast von allen Nationen analog angewandt und überall die ersten 20 Minuten nur im vorderen Bereich auf Kleinfisch geangelt wurde. Nach ca. 20 – 30 Minuten, hier waren die Betreuer gefragt, die über das Geschehen im Sektor immer genau Bescheid wissen mussten, wurde dann mit der Kopfrute versucht, den Meeräschen nachzustellen.

Um hier schnell auf die übervorsichtigen Bisse reagieren zu können, wurde mit sehr kurzer Kopfschnur geangelt.

Regelmäßiges „Cuppen“ mit Lehm, angereichert mit Mücken oder geklebte Mückenbälle sollten die Fische an den Platz bringen und bei Laune halten. Jeder Angler hatte 250ml große und 750ml kleine Mücken mit am Platz, dazu ein 1/4l Rotwurm, eine paar Seeringelwürmer (die das passende Aroma liefern sollten) und der Rest Maden, die aber nicht gebraucht wurden.

Hier lag unserer Erfahrung nach mit der Schlüssel zum Erfolg. Das Training zeigte, dass die Meeräschen teilweise oft sehr spät auf den Plätzen „einliefen“, denn Meeräschen sind Vagabunden die relativ schnell Plätze belegen, aber auch sehr schnell eine Strecke verlassen können und Angler stundenlang ohne Biss verharren lassen. Ein regelmäßiges Nachfüttern mit dem Pole-Cup war also Pflicht.

Das zur WM übliche Lossystem (alle 5 Sektoren haben jeweils 2 Außenplätze) soll für mehr Gerechtigkeit bei der Mannschaftswertung sorgen, macht aber die Sektoren auch ungleicher. Damit war klar, dass das Los mit einen sehr entscheidenden Anteil am individuellen Fangerfolg haben wird, das Lossystem für die Mannschaftswertung jedoch besser ist.

Nach dem Verlosen der Sektoren am Freitagabend und der Plätze am Samstag früh waren wir nicht mehr so glücklich, fast alle unsere Starter saßen relativ schlecht bzw. in der Mitte oder wie sich im Nachhinein feststellte, am falschen Ende in ihren Sektoren.



  


Im Sektor A saß Stefan Posselt zwar nah am Außenplatz (Platz 28 von 32), nur zeigte sich später dass ihm das relativ wenig nützte, klar beherrschten die Außenplätze mit den kleineren Startnummern den Sektor und machten die ersten 4 Plätze unter sich aus, Schweden PZ 1, Schottland PZ 2, England PZ 3, Irland PZ 4.

Stefan bekam trotz größter Bemühungen keine einzige Meeräsche an den Haken, seine zum Anfang erbeuteten Kleinfische und ein einzelner Sonnenbarsch sollten letztendlich alles sein was er zur Waage brachte. Wenig Trost konnte dabei spenden, dass sein Nachbar, Stephane Pottelet aus Frankreich, der bei der WM 2005 Zweiter wurde noch 10g schlechter wegkam.
Analog wie Stefan erging es Lutz Weißig, Andreas Dalcke und Marco Beck. Alle 3 konnte fast keine Meeräsche landen und kamen in ihren Sektoren abgeschlagen auf die hinteren Plätze.
Einzig allein Ralf Herdlitschke schaffte es in gewohnter Weise sich mit PZ 4 in seinem Sektor B gut durchzusetzen und hätte sich nicht eine annähernd 2 Kilo schwere Meeräsche mit seinem 14er Vorfach verabschiedet, wäre auch noch mehr drin gewesen.

Nach dem ersten Tag gab es auf deutscher Seite sehr lange Gesichter, Platz 27 nach dem ersten Tag, schlimmer hätte es kaum kommen können.
England lag souverän mit PZ 16 auf Platz 1, überraschend hatte sich der Zwergenstaat San Marino auf Platz 3 hinter den Ungarn positioniert.

Abends die große Analyse, was hatten die Spitzenmannschaften anders gemacht als die Deutschen? Durch den großen Betreuerstab konnte sehr gut nachvollzogen werden, wer wann und wo Fische gelandet hatte. Erstaunlicherweise gab es zwischen der Taktik, dem Futter oder den genutzten Köder kaum merkbare Unterschiede zwischen dem deutschen Team und weit vorn platzierten Mannschaften zu verzeichnen, was war also falsch gelaufen?

Es ist schwer im Nachgang zu analysieren woran das lag, sicher kann man schlechtes Abschneiden immer auf widrige äußerer Bedingungen schieben, schlechter Platz, schlechtes Futter usw. hier aber hat zumindest wie auch bei den anderen deutschen Anglern optisch alles gepasst, was aber am Ende fehlte waren eindeutig gefangene Fische. Es konnten also nur Kleinigkeiten sein, die aber in so einem schwierigen Gewässer, entscheidende Rollen spielen!


die Strecke

Am zweiten Tag, dem Sonntag, starteten die deutschen Angler analog wie am Vortag, Taktik und Technik wurde nicht wesentlich verändert, nur das Krabbenaroma wurde weggelassen. Diesmal hatten wir bessere Plätze als am Vortag, fast alle deutschen Angler, bis auf Stefan, saßen auf Plätzen die am Samstag gute Platzierungen brachten und nun logischerweise auch hoffentlich am Sonntag für Fische gut waren.

Leider ging diese Rechnung nur teilweise auf. Lutz Weißig auf A 2, neben dem Vorjahresweltmeister Guido Nullens sitzend, fing zwar mehr Fisch als Guido, kam aber über eine PZ 20 nicht hinaus. Die kleinen Platznummern brachten im Sektor insgesamt leider keine guten Ergebnisse.

Im Block B saß Marco Beck neben dem Endplatz auf Platz 31, er konnte von Anfang an klar machen, dass er diesmal nichts anbrennen lässt und ging mit über einem Kilo Vorsprung vor dem späteren Weltmeister Tamas Walter im Sektor ins Ziel.

Ein verdienter Sektorsieg und ein wichtiger Baustein für eine erhebliche Tabellenverbes-serung der Deutschen im Gesamtklassement.

Im Sektor C konnte Stefan Posselt auf Platz 11 nach ca., 2 ½ Stunden endlich die erste Meeräsche einlöffeln, leider auch seine letzte. Eine von den beiden noch gehakten Meeräschen gelandet, wäre ein ordentliches Ergebnis drin gewesen. Der nur 2 Plätze neben ihm sitzende Sean Ashby aus England dagegen zeigte dem Rest der Welt wie man auch aus der Mitte gewinnen kann. Er deklassierte selbst die Außenplätze und unterstrich damit die wirkliche Ausnahmestellung der englischen Profis.

Leider auch hier nur für Stefan ein Platz im letzten Drittel des Sektors, sicherlich nicht zufriedenstellend.

Im Sektor D auf dem Platz Nr. 9 konnte Andreas Dalke zusammen mit seinem Betreuer Claus Müller zeigen, dass das Futter und die Taktik der Deutschen doch nicht so falsch war, ein guter 6. Platz im Sektor tröstetet über den Vortag hinweg und war besonders beachtenswert, weil auch hier, wie im A Sektor, die Plätze mit den kleinen Nummern eigentlich die schlechteren Plätze waren.


 Guido Nullens jetzt wird es spannend

Die letzte „deutsche Hoffnung“ Ralf Herdlitschke auf Platz Nr. 22 saß eigentlich in einer guten Region seines Sektors E, doch er konnte sich leider nur auf einen 13. Platz retten. Sicherlich nicht das was er nach dem ersten Tag erwartete hatte, aber selbst ein Steve Gardner landete nur auf Platz 28 in seinem Sektor.

Die Überraschung des Sonntages waren sicher die Italiener und die Starter aus San Marino. Italien kam mit einem furiosen Endspurt (PZ 19 am zweiten Tag!!) auf den Vizetitel und San Marino belegte einen hervorragenden 5. Platz vor Serbien. Unsere Fast-Nachbarn aus Ungarn konnten sich über einen dritten Platz freuen. Den Einzeltitel sicherte sich bei Platzziffergleichheit mit PZ 4 (2/2) Walter Tamas mit einem höheren Endgewicht. Platz 2 ging an den überglücklichen Ivan Biordi aus San Marino und Platz 3 an Sean Ashby aus England (alle PZ 4).

Teamweltmeister wurde völlig verdient England.

Was ist das Fazit dieser WM aus deutscher Sicht? Sicherlich wurde sich selten so gut und lange auf eine WM vorbereitet, entgegen bösen Unkenrufen haben sich alle deutschen Teilnehmer gut verstanden und es wurde gemeinsam versucht Niederlage wie auch Erfolg zu verarbeiten.

Im Gespräch mit Jan van Schendel, Coach der Holländer und mit seinem Team auf Platz 7, erzählte er uns später, dass er sich mit dem Trainer der englischen Mannschaft unterhalten hatte, wie sie es wieder geschafft hatten, den Rest der Welt bei der WM regelrecht vorzuführen. Er meinte, dass die Engländer weniger auf Futter und Aromen geben, sondern versuchen, immer die einfachste Methode zu finden, die Fische zu fangen.

Und hier liegt wahrscheinlich die Antwort, denn die eingebrachte Ködermenge differierte bei den Engländern zwischen den Sektoren deutlicher als bei uns. Wir hatten in den Bereichen, wo die Meeräschen richtig anliefen, die richtige Taktik, denn dort wurden die guten Ergebnisse eingefahren, aber in den meisten Bereichen wurden 1-2 Meeräschen pro Teilnehmer gefangen, und die zweite Meeräsche fehlte meist bei unserem Team. In diesen Sektoren war die Futtertaktik wohl falsch, wurde vermutlich in einem zu schnellen Rhythmus gefüttert und zu viele Mücken eingebracht. Die Engländer fütterten sehr sehr genau, hatten die Rute für den exakten Punkt der Fütterung markiert und die Mücken nur geklebt eingebracht und somit mit kleinsten Mengen an Ködermaterial und äußerster Präzision hantiert, eine „Kleinigkeit“, die eventuell aber einen großen Baustein zum späteren Erfolg lieferte.


Weltmeister 2006 England
Weltmeister 2006 in Portugal; das Team England


Dass auch das Glück nicht gerade auf unserer Seite war, war daran zu erkennen, dass auch Topangler anderer Nationen auf ähnlichen Plätzen richtig Punkte „einfuhren“ und insgesamt kann man sagen, dass die Meeräschenangelei in einem abgeschlossenen Ruderkanal nicht gerade zu den deutschen Spezialitäten gehört, für solche Gewässer fehlt uns einfach auch noch eine Menge Erfahrung.

Die internationale Spitze ist enger zusammengerückt, wir müssen unseren Startern noch mehr internationale Erfahrung verschaffen und noch weiter über den Tellerrand schauen. Dazu liefen in Portugal schon viele Gespräche mit Ungarn, Holland, Polen, Belgien und weiteren Nationen. In Zukunft wird sich hier hoffentlich einiges tun, so dass künftig deutsche Spitzenangler mehr internationale Erfahrung sammeln können, damit irgendwann endlich mal ein deutscher Treppchenplatz drin ist! Nach den Achtungserfolgen der letzten Jahre gab es nun wieder einmal einen Rückschlag der sicherlich ein bisschen hoch ausgefallen ist. Trotzdem sollte die Mannschaft an ihren Ambitionen auf einen Treppchenplatz festhalten, denn normalerweise zeichnet sich die Mentalität der deutschen schon im Vorfeld durch Gejammer aus und mit ein bisschen Selbstbewusstsein zu einer WM zu fahren ist sicherlich nicht schädlich.

Erstmals erfolgte übrigens im Rahmen einer Weltmeisterschaft eine Dopingprobe! Die 3 Erstplatzierten im Einzel mussten sich einem Test unterziehen, der sich leider etwas in die Länge zog, da alle 3 mit der Urinabgabe etwas Probleme hatten, kein Wunder bei 30 Grad Hitze und einer lachenden Menge im Hintergrund!

In Kürze werden wir noch weite Ausführungen zu dieser WM vornehmen und über Hintergründe und Fakten und die anderen deutschen Mannschaften berichten. Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir auch einen Einblick in die Logistik, Vorbereitung und Organisation bei internationalen Veranstaltungen dieser Größenordnung geben.

Text und Bilder: Steffen Quinger


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