WM 2008 in Italien - Der Aufbau

  • von ct Redaktion
  • 23. September 2008 um 23:07
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Am 6. September 2008, um 8.30 Uhr erfolgte das Signal zum Betreten des Sektors. 2 Stunden haben die Teilnehmer nun Zeit aufzubauen.  Wir haben uns entschieden, in dieser Zeit den Mannschaftswelt- und Europameister von 2007, Jacopo Falsini aus Italien, zu beobachten. Denn kaum einer wird die Strecke besser kennen als er.  So dürfte es interessant sein, wie seine Taktik, und parallel dazu natürlich auch die der restlichen italienischen Mannschaft an ihrem Heimgewässer aussehen wird. Wie sehen die Montagen aus, welche Posengewichte werden aufgebaut? Wieviel Liter Futter und wieviel Liter Erde hat er in seinem Futterlimit von 17 Litern und in welchem Verhältnis wird er Futter und Erde mischen? Wie hat er die 2,5 Liter Köder aufgeteilt? Welche und wie viele Köder wird er am Anfang füttern und dann während des Durchgangs nachfüttern?


Der italienische Spitzenangler Jacopo Falsini

Spannend wird es alleine schon dadurch, dass es seit dem Morgen sehr windig geworden ist. Die Trainingswoche über beeinträchtigte der Wind die Angelei eigentlich kaum. Doch nun weht er sehr kräftig den Kanal von rechts nach links herunter. Konnte am Freitag noch mit Posen von 0,30 Gramm geangelt werden, so muss heute das kleinste Gewicht mind. 0,80 Gramm betragen und auch eine 3 Gramm Pose sollte wohl nicht fehlen. Zudem muss sicher der Abstand zwischen Pose und Rutenspitze genau passen, denn der Wind fegt ordentlich in die Rute, so dass die Pose bei zu kurzer Schnur nur schwer zu kontrollieren sein wird, und eine zu lange Schnur Probleme bei der Bißausbeute geben dürfte. Aber der italinische Meister wird schon die richtige Antwort geben und mal schauen, welche Montagen er gleich aus seiner Kiepe holt.

     
                     Das Klettband lösen ...                                                  ... der Aufwickler rollt sich ab

Und um es gleich vorweg zu nehmen: Gar keine! Dafür liegen nach knapp 15 Minuten 10 Topsets mit Montage auf der Kitablage. Jacopo Falsini hat seine Montagen bereits alle an den ersten drei Teilen des Top-Sets befestigt, so dass er nun nur noch das Kit aus der Röhre nimmt, ein Klettband, dass den Wickler und die Ruteteile zusammenhält, abnimmt, das zweite und dritte Teil zusammensteckt, wobei die Montage sich dabei schon mal abrollt. In zwei weiteren Röhren hat er die vierten und fünften Teile der Top-Sets, die dann fix hinzugesteckt werden. Die Pose ist bereits auf die richtige Tiefe eingestellt und so spart er eine Menge Zeit.

   
                    Teil 2 und 3 verbinden ...                                  ... je nach Tiefe Teil 4 und 5 dazu, fertig!

Nicht schlecht, denn gerade mal 20 Minuten sind vergangen. Der italienische Meister hat also seine Ausrüstung die Böschung herunter auf seinen Angelplatz geschleppt, die Kiepe positioniert, die Ablagen für Futter und Top-Sets sowie den Setzkescher montiert und ruckzuck seine gesamten Top-Sets aufgebaut. 7 Top-Sets sind fünfteilig und somit wohl für die 13 Meter Bahn. 3 Top-Sets sind vierteilig, die dürften dann für die kurze Spur sein. Schnell noch den Kescher dazu und eigentlich könnte er sich dann ja noch in Ruhe eine Bratwurst holen.


Riesig war das Interesse der Zuschauer schon während des Aufbaus

Macht er aber nicht, denn irgendwie scheint er doch ganz schön nervös zu sein. Er stolpert mal hier und mal da über sein Equipment und scheint auch teilweise ein bisschen desorientiert, was nun als nächstes zu tun ist. Ähnlich verhält es sich einige Plätze weiter rechts, wo einer der ganz alten Hasen wie ein aufgescheuchtes Kaninchen über seinen Platz hüpft. Steve Gardner wirkt übernervös, vielleicht liegt es am immer noch stark wehenden Wind, der für die Unruhe sorgt. Ein wichtiger Bestandteil der englischen Taktik, das permanente Madenschießen mit der Schleuder, wird heute kaum möglich sein, und nun gilt es die richtigen Schritte zu tun.


Hütchenspiel für die Zuschauer: Was ist in welchem Eimer, was wird womit vermischt?

Aber zurück zu Jacopo Falsini, der mit dem Loten wartet, bis sich der Wind vielleicht doch noch ein bisschen legt und sich erstmal um sein Futter kümmert. Denn er sitzt am Anfang des Sektors und um 9.15 Uhr beginnt die Futterkontrolle.

Dabei fällt erst einmal auf, dass Herr Falsini gerade mal 5 Liter Futter dabei hat. Dazu ca. 7 Liter helle, leichte Erde und ungefähr 4 Liter dunklere, schwere Erde. Das war wirklich sehr überraschend, denn hier, am Anfang des E Sektors, war es bekanntlich gut für Karauschen. Wofür dann bitte die viele Erde? Die Italiener sind eh dafür bekannt mit Futter zu angeln und kaum auf Erde oder Lehm zu setzen. Karauschen und Karpfen, das heißt Futter und Maden, und nicht Erde und Mückenlarven.
Bei den Ködern entsprach es den allgemeinen Erwartungen schon eher: 1,75 Liter Maden, wobei ein viertel Liter tote Maden dabei waren; 0,5 Liter Mückenlarven und ein viertel Liter Würmer waren in den Dosen zu erkennen.


Nach der Futterkontrolle ging es dann aber doch ans Ausloten. Dabei fällt auf, das Jacopo Falsini ein Klemmblei auf das letzte Blei über dem ca. 25 Zentimeter langen Vorfach steckt, und man somit davon ausgehen kann, dass die Italiener an diesem Kanal weit auf dem Grund angeln. Jacopo pendelt die Montage gestreckt an der 13 Meter Rute hinaus und zieht das Lotblei in kleinen Abständen zu sich heran. Das scheint weder sonderlich genau zu sein, noch dauert es besonders lange. Dreimal wird rausgependelt ohne die Tiefe zu verstellen, und gut ist. Auf allen Kits befinden sich bereits Markierungen, und man kann davon ausgehen, dass der Kanal überall gleich tief ist, Jacopo die Tiefe bereits im Vorfeld eingestellt hat und die Angeltiefe hier keine Zentimeter-Entscheidung zu sein scheint. Also alle Top-Sets bündig auf die Ablage, und die Tiefeneinstellungen gemäß der geloteten Montage noch einmal überprüft, und ruckzuck wäre auch das erledigt. Die vierteiligen Top-Sets für den vorderen Bereich auf der Schräge werden nicht einmal angefasst. Auf der 13 Meter Bahn kommen eiförmige Posen mit Carbonkiel und gelber Kunststoffantenne zum Einsatz. Für die kurze Spur ist es der umgekehrte längliche Tropfen, ebenfalls mit Kunststoffantenne. Die Bebleiung ist auf allen Montagen dagegen einheitlich. Je nach Posengewicht ist das Bulkblei bei höheren Posengewichten ein bisschen dichter am Haken als bei den leichteren Gewichten.


eiförmige Posen für die 13 Meter Bahn, der umgekehrte Tropfen für die kurze Spur und natürlich gelbe Antennen

Bei der 1,5 Gramm Montage dürfte der Abstand zwischen dem Bulkblei und Blei über der Vorfachschlaufe 80 Zentimeter betragen. Unter dem Bulkblei befinden sich 4 gleich große Schrote im gleichen Abstand, die die Größe 10 haben dürften. Also nicht besonders kompliziert und auch nicht die sonst eher bekannte Montage der Italiener mit 20 oder mehr Schroten auf der Schnur.

Zeit nimmt Jacopo sich dagegen, um die Montagen noch einmal vor dem Angeln durchlaufen zu lassen, also ein Gefühl für das richtige Posengewicht bei Oberflächenwind nach rechts und Unterströmung nach links zu bekommen. Immer wieder pendelt er die Montage gestreckt über die 13 Meter Bahn hinaus, hält ab und zu leicht gegen die Drift, oder zieht die Pose gegen die Unterströmung, um sie dann wieder im freien Trieb laufen zu lassen. 1,5 Gramm dürften es am Anfang sein, dann etwas leichter, danach eher 2 Gramm und wieder zurück zum ersten Gewicht. Das unterste Blei scheint erst auf dem Boden zu schleifen, bis Jacopo etwas flacher stellt, wieder etwas tiefer und die Pose dann optimal läuft. Danach noch schnell eine montierte Matchrute zusammengesteckt, und auch gleich abgelegt. Eine Rute, kein Wurf, geschweige den Ausloten, also wohl die absolute Notlösung.


Die 250 ml Dose mit den geschnittenen Würmern kommt in die schwere Erde

Die Ermittlung des optimalen Laufs der Pose hat nun einige Zeit gedauert. Bis zur Startfütterung sind es noch ca. 35 Minuten. Jacopo verteilt die Mückenlarven auf die helle und die schwere Erde. Erst jetzt, wo er die Köderdose öffnet, ist zu sehen, dass es sich um große Mückenlarven handelt. Zur schweren Erde gibt er zudem die Würmer, die zuvor sorgfältig geschnitten werden, bevor er Köder (geschnittene Würmer und große Mückenlarven) ausgiebig und gleichmäßig vermengt und dann grauen Lehm dazu gibt. Dieser wird sorgfältig unter die Erde gerührt und mit der Sprühflasche die fehlende Feuchtigkeit hinzugeführt, so dass aus der schweren, klebenden Erde schwere, sehr klebende Erde mit Ködern wird. Die Konsistenz stimmt, und sogleich werden aus der ganzen Erde 8 apfelsinengroße Kugeln geformt.

Anschliessend geht es an die leichte Erde, in der sich ebenfalls große Mückenlarven befinden. Nachdem diese in der Erde verteilt sind,werden weitere 10 Kugeln, allerdings ohne weitere Zusätze, geformt und in einen separaten Eimer links neben der Kiepe gelegt, in dem sich bereits die Kugeln aus schwerer Erde befinden. Oben drauf ein feuchtes Handtuch, dass das Austrocknen der Kugeln verhindern soll. Dann geht es an den Futtereimer.


Oben Futter, darunter helle, leichte Erde und zum Schluss die schwere Erde

Der viertel Liter tote Maden wird zum Futter gegeben und weitere Futterbälle geformt, die dann ebenfalls im Eimer und auf dem Handtuch neben der Sitzkiepe für die Anfangsfütterung positioniert werden. Alles fertig zum Füttern? Dann kann das Signal ja kommen. Vielleicht noch Maden kleben? Maden schiessen ist wegen des Windes nicht möglich und geklebte Maden sind nach den Erfahrungen der Trainingstage ein Muss.

Okay, es geht los, und es sind auch nur noch wenige Minuten bis zur Anfangsfütterung. Maden in die Faltwanne, Kies dazu und ordentlich Kleber aus der eben aufgerissenen Tüte. Klar, alles nach Augenmaß, hier werden nicht zum ersten Mal Maden geklebt. Die Sprühflasche bleibt auch stehen. Zweimal die Hand in den Wassereimer und ein bischen Wasser in die Wanne geschwappt, durchgrührt und durchgeschüttelt, fertig. Manche Dinge können so einfach sein.

30 Sekunden bis zur Anfangsfütterung und Jacopo Falsini legt die Rute in die Ablage, und zwar genau vor sich und nicht seitlich versetzt. Auch die Italiener werfen das Futter auf 12,50 Meter, und somit ragt das Ende der Kopfrute hinten über die Sitzkiepe hinaus.


Vorne liegt die Rute auf der Frontbar und hinten ragt sie über die Kiepe hinaus

Der Wind fegt ordentlich in die Rute, die einen sehr guten Eindruck macht. Jacopo fischt die Colmic X 8000 Match/Carp, die es nächste Saison auch in Deutschland geben wird. Dann das Signal zum Anfüttern. Obwohl er die Rute noch mit einem Handtuch gesichert hat, schiebt der Wind sie aus der Ablage. Jacopo fängt mit den Futterbällen an, die er genau auf die Spitze wirft. Nach jedem zweiten Futterball reißt es die Rute wieder aus der Halterung, und der italienische Meister wird zusehends nervöser, denn 5 Minuten Startfütterung sind nicht lang.


Und rein damit. Über 25 Kugeln fliegen auf 12,50 Meter

Nach den Futterbällen folgen die Kugeln aus leichter, wolkender Erde, und zum Schluss kommen die Kugeln aus schwerer, klebender, stark abgebundener Erde mit den großen Mückenlarven und Würmern oben drauf. Eine Reihenfolge, die sicherlich ihren Sinn hat, aber nicht unbedingt für jeden nachvollziehbar ist.

     
   Die großen Mückenlarven sind gut zu erkennen ...               ... ebenso die Wolke im Wasser     
     
Nun kommt, wie erwartet, der Pole Cup zum Einsatz, und Jacopo Falsini cuppt 5 kleine Bällchen geklebter Maden mit Kies auf die 13 Meter Spur. Also von der Kompaktfütterung einmal abgesehen, ein ähnliches Konzept mit der 2-Platz-Strategie, wie sie auch im Training bei vielen anderen Nationen zu sehen war.

     
                    Zuerst wird gecuppt ...                                    ... dann schnell die Matchrutespur gefüttert

Zum Schluss wird dann auch noch fix die Matchrutenspur gefüttert. Drei wallnußgroße Bällchen Futter und 2 Bällchen der gleichen Größe aus geklebten Maden mit Kies werden 6 Meter vor das andere Ufer geschossen. Nicht viel, aber irgendwie glaubt inklusive ihm selber wohl keiner so richtig, dass er die Matchrute in den nächsten 3 Stunden anfassen wird. Nach dieser doch sehr großzügigen Anfangs-fütterung darf man gespannt sein, wann sich die ersten Fische einstellen, die ersten Bisse erfolgen.
Das Signal ertönt und es beginnt der erste Durchgang der 55. Weltmeisterschaft.

Der 3. Teil mit beiden Durchgängen folgt in Kürze.

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