Spanien - Ole!! Der Bericht zur Weltmeisterschaft

  • von Michael Borchers
  • 27. Juli 2010 um 12:00
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Das Wetter gibt vor, wann und wo in diesem Jahr geangelt wird. Bereits bei der Club WM in Polen musste die Strecke wegen Hochwassers verlegt werden und ähnlich verhielt es sich nun auch bei der Weltmeisterschaft in Spanien. WM im Juni? War da nicht immer die Europameisterschaft? Es wurde befürchtet, dass der spanische Stausee Lake Vicario südlich von Madrid im September kaum noch Wasser im Speicher haben würde, so dass entschieden wurde WM und EM zu tauschen, so dass dieses Jahr nicht im Juni, sondern im Herbst die EM in Portugal stattfinden wird. Soweit so gut, doch dann zeichnete sich ab, dass der Vicario im Juni nach heftigen Regenfällen viel zu viel Wasser auf der Angelstrecke hatte und die Verantwortlichen entschieden sich für den Fluss Guadiana, im Südwesten Spaniens als neues Austragungsgewässer.

Der Guadiana entspringt im spanischen Kernland, ca. 400 km südlich von Madrid und mündet nach 742km im portugiesischen Vila Real de Santo Antonio in die Algarve. Im Bereich von Merida, dem Austragungsort, ist der Guadiana bei einer Tiefe von 2,5 bis 4 Metern und sehr langsamer Strömung circa 100 Meter breit. Für die Teilnehmer und Verantwortlichen natürlich eine mittlere logistische Katastrophe, für die Zuschauer und Medienvertreter aber eine anglerisch wesentlich interessantere Strecke. Während der Lake Vicario durch das jährlich stattfindende Sensasfinale und der Kopfrutenangelei auf kleine Karpfen und Karauschen weitgehend bekannt ist, musste am Guadiana doch wesentlich variabler geangelt werden. Natürlich standen auch am Guadiana die Karpfen im Mittelpunkt, doch es mussten auch noch ein paar Fische Drumherum gefangen werden und so gab es diverse Angeltechniken der weltbesten Angler zu sehen.

Ukeleis spielten eine nicht unwesentliche Rolle und konnten sowohl mit der Speedrute als auch mit der stark verkürzten 13 Meter Kopfrute in ansehnlichen Stückzahlen gefangen werden. Dazu kamen im Kopfrutenbereich kleine Welse und Karauschen, sowie kampfstarke Barben und Karpfen. In einigen Bereichen musste aber auch die Matchrute ausgepackt werden, da das Wasser im Uferbereich zu flach war. Das versprach viel taktisches Gefühl und Spannung bis zum Schluss.

Rene Bredereck
Rene Bredereck mit einem kleinen Wels

32 Länder meldeten ihre Teams zur Teilnahme an, Exot war hierbei sicherlich wieder einmal das Team aus Südafrika, welches aber zumindest beim Fischen auf die Karpfen durchaus seine Stärken haben sollte.
Viele der Team reisten bereits 10 Tage vor dem Event an, um sich mit den Gegebenheiten vor Ort bekannt zu machen, war die Strecke doch für fast alle Angler vollkommen unbekannt und fast jeder Platz unterschiedlich. Teilweise sehr flach, teilweise aber auch sehr tief und damit auch mit unterschiedlichen Fischarten am jeweiligen Platz wurde den Anglern ein Höchstmaß an Flexibilität abverlangt.

Das deutsche Team sollte ursprünglich mit den Anglern Ralf Herdlitschke, Rene Bredereck, Stefan Posselt, Peter Schührer, Frank Weise und Heiko Schmidt starten. Peter Schührer musste jedoch kurzfristig absagen, so dass Coach Peter König schnell adäquaten Ersatz suchen musste und diesen in dem international sehr erfahrenen Marco Beck fand. Viele der Teilnehmer hatten nur wenige Tage zuvor noch an der Club WM in Polen teilgenommen, dem Angelmaterial ein kurzes Update unterzogen und schon saß man im Flieger nach Spanien. Erstmal flogen die Angler, während ein Teil des Betreuerstabs sich mit der Ausrüstung im Transporter auf den langen Weg nach Spanien machte.

deutsches Team
Das deutsche Team

Das Training an der Strecke war sehr vielfältig, viele Methoden und Techniken mussten getestet werden, galt es doch, sich einen Überblick über die einzelnen Sektoren, die zu fangenden Fische und die davon abhängende Taktik zu schaffen. Was waren jetzt die Erkenntnisse des Trainings? Alles ging – aber nichts musste… Es schien kein Patentrezept zu geben, jeder Platz musste individuell befischt werden, doch es zeigte sich ein Muster, welches scheinbar vom kompletten Feld so erkannt oder auch kopiert wurde.

Materialtest
Die Ruten wurden bis zum äussersten belastet

Zu Beginn galt es kleine Fische zu fangen, in der letzten Stunde ging es dann um die großen Fische auf dem Platz. Bei den kleinen Fischen gab es zwei Optionen. Zum einem die kleinen Welse (Catfische) zum anderen die Ukeleis. Die Catfische waren ungefähr doppelt so groß wie die Ukeleis, die Ukeleis waren dafür zahlreicher, sofern sie denn am Platz waren. Also auch bei den kleinen Fischen stellte sich eine durchaus schwierige Aufgabe für die Angler. Entscheidend war jedoch die letzte Stunde des Durchgangs. Denn hier galt es den Grossteil des Gewichtes zu fangen, denn in der letzten Stunde kamen die großen Karpfen und Barben auf die Plätze. Die Karpfen waren bis zu 6 Kilogramm schwer und diese großen, wilden Naturburschen waren nur äußerst schwer zu landen.

Das deutsche Team ging mit folgender Taktik ans Werk. Das Futterlimit von 17 Litern teilte die Teamführung in 7 Liter Ukeleifutter und 7 Liter Karpfenfutter auf. Hier setzte man auf die bewährte Karpfenmischung Carpes Fine aus dem Hause Sensas, aufgefüllt bis zum Limit wurde mit schwerer Flusserde (Terre de Reviere), die zusammen mit dem Futter für die wesentlich tiefere Matchrutenbahn genommen wurde.

Das  Karpfenfutter
  Die Köder
Eine bewährte Futtermischung ...
  ... und die Köder

Beim Karpfenangeln im Süden bringt man fast das ganze Futter zu Beginn ein und füttert dann nur noch Köder nach. Geklebte Maden und Maiskörner kommen zum Nachfüttern auf die Karpfen zum Einsatz, geschnittene Würmer werden nachgefüttert, sobald sich Karauschen oder Welse auf dem Futterplatz einfinden. Bei sehr geringer Strömung und keiner Schifffahrt die üblichste und sicher auch erfolgreichste Futtertaktik. Also wurde das Karpfenfutter zu Beginn auf die 13m Bahn und auf die Matchrute geworfen/geschossen und dann war erstmal Ruhe, die Fische konnten sich auf dem Futterteppich einfinden. Mais, Maden, Würmer und einigen Mückenlarven wurden vorab unter das Grundfuttergemischt. Das Ukeleifutter musste dagegen permanent in einem regelmäßigen Rhythmus auf die 8m bis 13m Bahn geworfen werden, um die Ukeleis am Platz zu halten.

Kommen wir jetzt zu den Montagen… Um die Karpfen zu bändigen kamen Posen bis circa 1,75 Gramm bis 3 Gramm zum Einsatz. Die Hauptschnur war eine 20er, das Vorfach ein 16er und bei den Haken vertraute man natürlich auf relativ kräftige Haken der Größe 14 bis 18, sollten diese doch den kampfstarken Karpfen Paroli bieten. Beim Fischen auf die Ukelei setzte man auf leichteste Montagen, die kleinsten Posen mussten keine anspruchsvolle Arbeit leisten, sie sollten nur die energischen Bisse der Ukelei anzeigen, denn waren erst einmal Ukeleis am Platz, so waren diese nicht besonders scheu. Auf der Matchrute in 20-25m Entfernung wurden je nach Wassertiefe Slider und Zoomer der Größe 8 - 16 Gramm bündig am Grund auf Catfische und Karpfen gefischt.

Die Posen
Die Posen zum Fischen an der Guadiana

Die Taktik sah beim deutschen Team wie folgt aus: In den ersten Minuten probieren einen großen Fisch auf der Kopf- oder Matchrute zu fangen, dann einige Catfische einsammeln. Während dieser Zeit musste die Ukeleispur in 8 bis 13 Metern permanent gefüttert werden, denn auf dieser Spur wurde zwischen der 30ten und 120ten  Minuten hauptsächlich geangelt. Hier galt es möglichst viel Gewicht mit Ukelei (Bleak) zu erfischen, doch auch diese Bahn hatte ihre Tücken, waren die Ukelei doch nicht auf allen Plätzen bzw. permanent am Platz. In der letzten Stunde versuchte man dann die großen Fische an die Leine zu bekommen. Ohne einen der gewichtigen Fische würde man in keinem der Sektoren eine Rolle spielen können, das war allen Anglern klar.

Sean Ashby mit Ukeleis
Sean Ashby mit Ukeleis

Da sich die Taktik bei fast allen Teams wiederfand, waren wie immer Nuancen entscheidend. Es galt extrem flexibel zu sein und ein großer Fisch zu Beginn des Fischens stellte den Plan genauso auf den Kopf, wie kein großer Fisch am Ende des Angelns. Das Fischen sollte sich zu einem Wettkampf der Extraklasse entwickeln und das Coaching und die Fähigkeit sich jedem Platz und der Entwicklung des Angelns anzupassen sollte der wichtigste Baustein zu einem erfolgreichen Durchgang werden. Es gab natürlich auch einige Nationen, denen Erfahrung und Flexibilität fehlen und die sich die gesamten drei Stunden den großen Fischen widmeten. Mannschaftserfolge sind so nicht möglich, Einzelerfolge aber durchaus.

Barbe
Ralf Herldlitschke mit einer schönen Barbe

Nach dem Trainingstag am Freitag gab es wie immer einige Favoriten. Dazu gehörten natürlich, anders als beim Fußball, die Engländer, die zurzeit das Maß aller Dinge im Angelsport stellen. Immer stark wenn es auf Karpfen aber auch auf Ukeleis geht sind die Italiener und außerdem sollten die Angler aus Spanien und Portugal an ihrem Heimatgewässer vorne dabei sein – ab in den Favoritentopf mit Ihnen. Sehr stark beim Fischen auf Karpfen sind mittlerweile auch unsere Nachbarn aus Belgien, wo auch immer mehr in Carpodromes gezielt auf Karpfen genagelt wird. Das belgische Team war zudem im Training sehr stark und gehörte sicherlich auch zu den 1A Favoriten. Im Topf der 1B Favoriten fand man Teams wie Ungarn, die starken Niederländer, die seit dem Amtsantritt von Jan van Schendel konstant sehr gute Ergebnisse erbracht haben und dazu Teams wie Polen, Russland und die Teams von der Insel, also Schottland, Wales und Irland. Das deutsche Team war sicherlich ein Außenseiter, ist das Fischen auf Karpfen in Deutschland nicht sonderlich ausgeprägt, doch im Training fand man sich zu zurecht.

Nach der traditionellen Eröffnungsfeier am Freitagabend in Merida, startete das Team am Samstagmorgen in der folgenden Aufstellung. Ralf Herdlitschke, Rene Bredereck, Marco Beck, Stefan Posselt und Frank Weise wurde das Vertrauen geschenkt. Der Betreuerstab bestand aus dem Ersatzangler Heiko Schmidt, dem Coach Peter König, den Betreuern Carol Bredereck und Frank Eckert sowie Steffen Quinger. Das Team stand also, jeder Angler hatte einen Betreuer, es konnte losgehen.

Und es ging sehr gut los, denn gleich nach 10 Minuten konnte Marco Beck in einem Sektor in dem wenig Großfisch kam einen 2 Kg Karpfen mit der Matchrute fangen. Das bedeutete für Marco, dass er das Fischen auf die kleinen Fische einstellen konnte, um sich auf die Großfische zu konzentrieren und ganz nach vorne zu angeln. Marco tat dies, sammelte erst einige Katzenwelse ein bis die Karpfen auch auf die Kopfrute kamen und versammelte im Laufe des Fischens viele Zuschauer hinter sich. Zeigte er doch eindrucksvoll, dass er über Fähigkeiten verfügt, die durchaus in der Weltspitze anzuordnen sind. Am Ende des Durchgangs konnte Marco den Sektor souverän gewinnen und dabei z.B. einen Will Raison deutlich in die Schranken weisen.

Marco Beck Sektorensieger
Marco Beck legte gut los und konnte soverän den Sektor gewinnen

Ebenfalls sehr gut verlief das Angeln für Stefan Posselt, der einen guten 5. Platz in seinem Sektor erreichte. Einen möglichen Sektorensieg hatte Stefan an der Leine, verlor aber leider einige Fische. Der Rest des Teams fiel in der Leistung bzw. im Ergebnis ab, Frank Weise fischte einen 11. Platz, Ralf Herdlitschke und Rene Bredereck lediglich einen 12. Platz. Das Team lag damit nach Tag 1 auf Platz 15, es führte das Team aus England vor den Großfischjägern aus Schottland, Italien, Wales und den Niederlanden. Sehr enttäuschend schnitten die Teams aus Ungarn (Plz 16), Spanien (Plz 19) und Portugal (Plz 23) ab, auch hier hatte man sich sicherlich einiges mehr ausgerechnet und auch das Team aus Frankreich konnte mit einer reinen Kleinfischstrategie nicht überzeugen. Sehr gut kamen jedoch die Teams von der britischen Insel klar, mit England auf Platz 1, Schottland auf 2, Wales auf 4 und Irland auf 6 lagen alle Teams sehr, sehr gut im Rennen um den Titel oder zumindest eine Medaille.

Italiener Sorti   Jo Adrilo mit Karpfen
Der Italiener Sorti   Jo Adriolo mit Karpfen

Am Tag 2 ging Heiko Schmidt für Frank Weise an den Start… Für das Team ging es um eine Verbesserung im Klassement, eine Top 10 Platzierung wäre sicherlich das Optimum. Sehr interessant wurde es für Marco Beck, ging es für ihn nach seinem Sektorensieg doch um den Weltmeistertitel im Einzel. Die gleiche Situation erarbeitete sich Marco übrigens im letzten Jahr bei der WM in Almere, auch hier konnte er seinen Sektor am ersten Tag gewinnen, am 2. Tag war er dann jedoch auf Grund der Platzwahl chancenlos.

Marco Beck
Marco Beck setzte alles auf eine Karte und stellte eindrucksvoll sein Können unter Beweiss

Das Fischen entwickelte sich für das deutsche Team dann sehr positiv, Ralf Herdlitschke und Rene Bredereck konnten ihre schlechten Ergebnisse vom Vortag früh im Durchgang mit jeweils Platz 4 korrigieren, Stefan wurde 6. im Sektor und am Ende bester deutscher Teilnehmer, Heiko Schmidt erreichte bei seinem Debüt einen guten 9ten Platz und Marco setzte natürlich alles auf eine Karte und erreichte leider aber nur einen 11. Platz im 16er Halbsektor. Für das deutsche Team ging es in der Nationenwertung vorwärts und man konnte auf einem guten 9. Platz abschließen. An der Spitze lieferten sich die starken Italiener mit den Engländern einen spannenden Kampf, den am Ende die Engländer für sich entschieden.

Platz 3 ging an das Team der Niederlande, sicherlich eine kleine Überraschung, gelten die Niederländer doch nicht unbedingt als Karpfenspezialisten. Platz 4,  5 und Platz 6 ging dann wieder an die stark fischenden Team von den britischen Inseln, die Reihenfolge war hierbei; Irland auf 4, Schottland auf 5 und Wales auf 6. Die Ungarn konnten sich am zweiten Tag mit einer starken Leistung etwas rehabilitieren und wurden am Ende 7ter vor dem Überraschungsteam aus Finnland. Teams wie Frankreich (14ter), Belgien (16ter), Portugal (20ter) und Spanien (23ter), zeigten, dass das deutsche Abschneiden durchaus einen Erfolg darstellte. Nach der alten Wertung (ohne Halbsektor) wäre das deutsche Team übrigens auf Platz 6 gelandet!

3. Platz Niederlande
2. Platz Italien
Der 3. Platz ging an die Niederlande
  Platz 2 ging verdient an die Italiener
1. Platz  England
Den 1. Platz konnte sich das Team aus Englang sichern

Es gab sehr viel zu sehen in Merida. Diverse Angeltechniken, demonstriert von den besten Anglern der Welt. Die verschiedensten Futtermischungen und Futtertaktiken. Spannende Drills dicker Karpfen und Drilltechniken, wie man auch die größten Fische sicher und schnell in den Kescher bekommt. Wir haben die besten Angler und Trainer der internationalen Szene interviewt und dabei einen tiefen Einblick in die taktischen Überlegungen der verschieden Nationen bekommen. Dazu waren wir ganz dicht am deutschen Team und haben unsere besten Angler von der Vorbereitung im Training über die Teammeetings bis zum Wiegen nach den Durchgängen begleitet. Vieles kann man kaum beschreiben und auch etliche Fotos können keine bewegenden Bilder ersetzen. Wir waren daher bei dieser Weltmeisterschaft erstmal schwerpunktmäßig mit zwei Videokameras unterwegs und haben ein Menge Material mitgebracht. Mehr dazu demnächst auf champions-team.de.

Die Ergebnisse:

Einzelwertung Tag 1

Mannschaftswertung Tag 1

Gesamtwertung Einzel

Gesamtwertung Teams

Endergebnisse



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