20. Europameisterschaft 2014 in Belgien am Kanal Hensies

  • von Dave Johnson
  • 28. Juli 2014 um 15:15
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Dave Johnson hat in seinem exklusiven Bericht ein besonderes Auge auf die Spitzennationen der Europameisterschaft 2014 geworfen. Auf das enttäuschende Abschneiden des deutschen Teams werfen wir aber auch einen gesonderten Blick.

Der Kanal Hensies bei der Europameisterschaft 2014 in BelgienDer Kanal Hensies bei der Europameisterschaft 2014 in Belgien

EM 2014, Sonntag, 2. Durchgang, noch 40 Minuten zu angeln und der Himmel öffnet seine Schleusen in einem fast biblischen Ausmaß und keinen Angler hätte es verwundert, wenn die Arche Noah den Canal Hensies herunter geglitten wäre. Zu diesem Zeitpunkt war das Team aus Russland auf dem direkten Weg zum EM Titel 2014 und die englische Mannschaft drohte im Nirgendwo zu versinken. Nach 10 Minuten sinnflutartigem Regen lockerte das Wetter wieder auf, 30 Minuten Angelzeit waren noch auf der Uhr und das Team England begann in unnachahmlicher Art und Weise mit seiner Aufholjagd. Zu diesem Zeitpunkt hatten Alan Scotthorne und Will Raison noch keinen der stattlichen Brassen im Kescher, dies galt es zu ändern….

Um diese Brassen, wie hier bei Alan Scotthorne ging esUm diese Brassen, wie hier bei Alan Scotthorne ging es

Der Canal Hensies ist ein typischer europäischer Kanal, er ist breit (100 -200m), er ist gerade, er ist tief (in der Mitte bis zu 5m) und sehr gleichmäßig. Die EM Strecke war circa 4 km lang, hatte ein aus Beton gegossenes Ufer und endete an dem einem Ende in einem großen Bassin vor einer Schleuse. Das Wasser war unglaublich klar und der Kanal wurde in den letzten Jahren von den Kormoranen heftig bearbeitet, so dass es nur eine Population von einigen großen Brassen sowie einer großen Anzahl von kleinen Barschen gab. Eine gesunde Population ist dies wahrhaftig nicht und damit ein weiterer Beweis für das Versagen des europäischen Kormoranmanagements! Zurück zum Fischen. Bereits vor dem WM war den teilnehmenden Anglern klar, dass es sich bei diesem Event um ein Matchrutenanglen handeln würde. Die 13m Bahn würde keine Rolle spielen, da auf dieser Entfernung immer noch der Betonboden war, auf dem die Brassen nicht fressen würden.

Die Engländer, hier mit Alan Scotthorne, wogen die kleinen Barsche und erkannten, dass es keinen Sinn machen würde auf sie zu angelnDie Engländer, hier mit Alan Scotthorne, wogen die kleinen Barsche und erkannten,
dass es keinen Sinn machen würde auf sie zu angeln

Im Vorfeld der WM war das Podium eigentlich schon vergeben, waren die Teams aus England, Belgien und vielleicht noch Frankreich und Holland die ganz klaren Favoriten. Das Team aus Russland oder auch Italien hatte dagegen kaum jemand auf den Schirm.

Das Drennan Team England hatte eine vermeintlich gute Trainingswoche und war damit Favorit auf den Titel. Das Team wusste aber auch, dass an diesem Kanal Losglück dazugehört, denn es gab immer Bereiche in den Sektoren, in denen Fische waren und dann gab es leider auch Bereiche, wo einfach kein großer Fisch war!

Das deutsche Team leistete sich bei dieser Europameisterschaft nach der Absage eines nominierten Anglers den Luxus mit nur 5 aktiven Angler zu starten. Über den Sinn dieser Entscheidung ist nichts bekannt, klar ist aber, dass in den Trainingsdurchgängen damit ein Platz unbesetzt blieb und sich das Team dadurch schon im Training schwächte, da 6 Angler natürlich mehr testen können als 5 Angler und die Simulation der Veranstaltung u.a. nicht möglich ist, da jeder Angler in der Box nun mehr Platz zum Nebenmann hat als in den offiziellen Durchgängen. Von den Problemen eines möglichen Ausfalls einer der 5 Angler zu den offiziellen Durchgängen mal ganz abgesehen. Keine ganz große Sache aber unverständlich, da bekannt wurde, dass sich Angler aus dem Kreis des Nationalteams bereit erklärt hatten umgehend nachzureisen, sofern ein Teilnehmer ausfallen würde. Dieses Angebot wurde von den Verantwortlichen allerdings nicht angenommen, man wollte lieber zu fünft bleiben.
Nun ist es das erklärte Ziel eines jeden Anglers des deutschen Nationalkaders an internationalen Veranstaltungen, insbesondere EM und WM teilzunehmen und alle Teilnehmer des Sichtungsangelns haben zur Unterstützung der EM und WM einen finanziellen Beitrag geleistet. Damit kann und muss man erwarten, dass diesen Anglern auch die Chance gegeben wird an einer internationalen Veranstaltung teilzunehmen und bei einem Ausfall umgehend nachnominiert wird. Das ist nicht geschehen, was ein weiterer Schlag ins Gesicht der Angler ist, die sich seit Jahren um eine Nominierung bewerben.
Nach den Vorfällen beim letzten Sichtungsfischen Ende 2013 hatten die Verantwortlichen eine bessere Kommunikation versprochen - dieses Versprechen ist nun schon wieder Makulatur und man muss leider feststellen, dass sich nichts geändert hat. Einzahlen darf jeder - alles weitere liegt im Gusto der Verantwortlichen.
Den 5 deutschen Anglern kann man im Nachhinein keine Vorwürfe machen, denn internationale Veranstaltungen insbesondere an derart schwierigen Gewässern, werden einzig und allein über die richtige Taktik und internationale Kontakte einhergehend mit dem Austausch von Informationen entschieden und weniger durch die technischen Fähigkeiten der Angler. Es ging um das Angeln auf große Brassen mit der Matchrute und keiner wird in Abrede stellen, dass die deutschen Teilnehmer Johannes Böhm, Chris Dobmeier, Jan Folz, Gernot Kügler und Florian Gabelsberger nicht in der Lage sind einen Waggler mit jeglicher Bebleiung auf 40 Meter zu werfen und dort auch punktgenau anzufüttern.

Doch mit der falschen Taktik sind leider auch die besten Angler auf verlorenem Posten und bei einer Strecke mit sehr wenig Fisch ist es dazu natürlich sehr schwierig positive Reaktionen der Fische herauszufinden. Das geht nur über einen taktisch ausgeklügelten Trainingsplan und die Beobachtung der im Training erfolgreichen Nationen. Aus den Beobachtungen müssen natürlich die richtigen Schlüsse gezogen werden, um dann mit der Ergänzung eigener Ideen am Ende der Trainingswoche eine erfolgreiche Taktik und das nötige Selbstvertrauen zu haben. Das deutsche Team angelte bis Mittwoch noch vermehrt auf die kleinen Barsche und wusste auch am Freitag noch nicht, wie man die dicken Brassen auf den Futterplatz bekam. Grund dafür war sicherlich auch der ein Mann starke Betreuerstab plus einem Trainer über die Trainingswoche. Auf den sechsten Mann wurde wie bereits geschrieben verzichtet und da half es dann auch nicht, dass noch 4 Betreuer zu den Durchgängen anreisten, denn mit der falschen Anfangsfütterung war über Erfolg und Misserfolg quasi entschieden. Kein Beinbruch, aber wieder einmal eine vergebene Chance auf eine gute Platzierung bei einer Angelei und einem Zielfisch, der den deutschen Anglern nicht unbekannt ist.
Das es auch anders bzw. wie geht, zeigten erst kürzlich die deutschen Feederangler in Irland.

Samstag, 1. Durchgang und die Lose schienen es gut mit dem Team England gemeint zu haben. Im Sektor A saß Will Raison zusammen mit dem Italiener Sorti. Der Start von Will war eher langsam, im Laufe des Fischens konnte er dann aber immer mehr und bessere Fische fangen. Im Sektor B saßen Alan Scotthorne und der Franzose Alain Dewimille in einer Region. Alan konnte sich hier knapp gegen den Franzosen durchsetzen. In Sektor C kam der Newbie Callum Dicks (Belgien war erst sein zweiter Start bei einer EM / WM) wunderbar zurecht und fischte ein gutes Gewicht. Im Sektor E lief es für den amtierenden Europameister Sean Ashby durchwachsen, er verlor Boden gegen den polnischen Angler und einen Franzosen. Sektor D stellte für das Team ein größeres Problem dar. Lee Kerry bekam hier von dem Russen Sergey Komarow richtig einen „übergebraten“. Dies war aber wohl eher kein Fehler von Lee Kerry, sondern einfach nur unglaublich gut von Sergey Komarow. Die Brassen kamen aus der Richtung des Russen und dieser machte mit der richtigen Taktik den Kanal zu und hatte nach 2 Stunden das Brassenmonopol in seinem Sektor. Lee Kerry und die englische Teamleitung bekamen relativ schnell heraus wie der Russe fischte, aber hier war es schon zu spät, da der Russe einfach alles richtig gemacht hat.
Die Russen fischten schwarzes Futter mit einem Erdanteil von 80% und fanden im Training heraus, dass weiterer Lockstoff sehr kontraproduktiv war. Viele geschnittene Würmer und Mückenlarven war dagegen sehr gut und das Futter musste so akkurat wie möglich geschossen werden. Frühestens nach 1,5 Stunden wurde nachgefüttert und während die Futterbälle der Start fest und hart waren, so mussten die Futterbälle der Nachfütterung so soft sein, dass sie auf der Oberfläche zerplatzten und in einer Säule zu Boden gingen. Keine ganz leichte Aufgabe, wobei diese Kugeln mit sehr vielen geschnittenen Würmern dazu noch 2 bis 3 Meter hinter den Futterplatz geschossen wurden und damit mehr dazu dienten, die Aufmerksamkeit der Brassen zu gewinnen.
Das russische Team fischte vergleichsweise leichte Waggler mit 8-12 Gramm Zuladung und war der Meinung, dass weniger Blei auf der Schnur mehr war, um genügend Bisse der großen Brassen zu bekommen.


Fast ein reines Matchrutenangeln bei der EM 2014 in Belgien

Am Ende des ersten Tages lag das englische Team mit 36 Punkten auf einem brauchbaren 5. Platz, dicht hinter den Niederländern auf Platz 4 und vor den Italienern auf Platz 6. Das Feld wurde angeführt von den Tschechen vor den Franzosen und Russen. Die Tschechen hatten im ersten Durchgang auf einen hohen Anteil von Würmern gesetzt und konnten die Brassen damit auf den Platz ziehen und halten. Die Franzosen setzten dagegen wie die Russen in der Nachfütterung auf sehr fluffiges Futter. Diesen Weg wollten die Engländer auch einschlagen, gerade auch weil sie gesehen hatten, das Sergey Komarow mit diesem Mittel Lee Kerry aus dem Rennen genommen hatte. Der Futteranteil war übrigens sehr klein und man setzte wie fast alle Teams auf einen hohen Anteil von Erden. Das Futter musste (wie man es aus Belgien kennt), sehr dezent sein und durfte keinen starken Aromazusatz haben. Das Futter wurde, obwohl nur wenige Fische auf der Strecke waren, mit einem sehr hohen Anteil von Mückenlarven und Würmern versetzt. Mit diesem Ansatz wollte man die Brassen möglichst lange auf den Platz halten, um die wenigen Exemplare möglichst sicher zu fangen.

Kommen wir, etwas untypisch in der Mitte des Berichtes, zum Tackle. Die Engländer machen um ihre Matchrutenmontagen kein großes TammTamm. Man fischte mit 420cm Ruten auf einer Entfernungen von circa 45 Metern und als Posen nahm man Waggler, die eine Zuladung von 12 bis 15 Gramm trugen und an einem Fluocarbonvorfach der Stärke 12 hing dann ein Kamasan B560 Haken der Größe 16. Wichtig war bei der ganzen Geschichte nur, dass

  1. Die Montage verwicklungsfrei auf dem Futterplatz steht
  2. Das Futter möglichst kompakt auf einem 2qm großen Platz liegt
  3. Der richtige Köder möglichst zentral auf dem Futterplatz liegt

Waggler mit sehr geringer Vorbebleiung aber viel Tragkraft kamen zum Einsatz, um den Köder möglichst ruhig anbieten zu könnenWaggler mit sehr geringer Vorbebleiung aber viel Tragkraft kamen zum Einsatz,
um den Köder möglichst ruhig anbieten zu können

Zwei Faktoren gaben bei der Wahl des Futters die Richtung eigentlich schon vor. Belgien und wenige große Brassen. Traditionell wird dann auf einen sehr hohen Erdanteil mit sehr wenig Futter, dafür aber sehr vielen Ködern zurückgegriffen. Terre de Somme und Sensas Lake sind die bei vielen WMs und EMs bewährten Klassiker und so fischten die Engländer folgende Mischung.

20% Sensas Lake black, 70% Terre de Somme schwarz, 10% Terre de Riviere20% Sensas Lake black, 70% Terre de Somme schwarz, 10% Terre de Riviere

Wenn diese Punkte gegeben sind, dann besitzt jeder Angler im englischen Team so viel Selbstvertrauen in diese Taktik, dass er auch die komplette Angelzeit auf den nötigen Biss wartet. Vertrauen in die ausgearbeitete Taktik und sein anglerisches Können sind für die Briten elementare Punkte ihres anglerischen Erfolgs.

Das Futter und die Köder der Holländer. Jeweils eine große Dose Würmer und Caster, ein 3/4 Liter kleine Mückenlarven und 1/4 Liter große Mückenlarven.Das Futter und die Köder der Holländer. Jeweils eine große Dose Würmer und Caster,
ein 3/4 Liter kleine Mückenlarven und 1/4 Liter große Mückenlarven.

Nach dem Verlauf des Fischens war aber auch allen Mitgliedern des Teams klar, dass es mit einem Einzeltitel nichts werden würde, da kaum der beste Angler den Titel holen würde, sondern einfach der Angler der zweimal auf dem richtigen Platz sitzen würde. Die Briten sind wahre Sportsmänner und somit sollte diese Aussage nur als Interpretation der Strecke dienen und nicht das angelerische Können der Kontrahenten in Frage stellen. Es gibt mittlerweile so viele gute Angler, das der Faktor „Glück“ oftmals eine entscheidende Rolle spielt. Für ein gutes Mannschaftsergebnis braucht man dagegen die beste Taktik.

Mike Thinnes aus Luxemburg hatte die richtigen Plätze, angelte stark und wurde verdient EuropameisterMike Thinnes aus Luxemburg hatte die richtigen Plätze, angelte stark und wurde verdient Europameister

Der Durchgang am Sonntag nahm seinen Lauf und die Dinge entwickelten sich nicht gut für das britische Team. Hingegen sahen die Russen und die Italiener sehr gut aus, die Mannschaften aus Tschechien und Frankreich dagegen verabschiedeten sich aber bereits in der Mitte des Durchgangs aus dem Rennen. Beim britischen Team sah es in den Sektoren D und E wirklich mies aus, dazu hatte der für Lee Kerry startende Simon Willsmore auch Probleme. Im Hintergrund begann das englische Team zu arbeiten und man entwickelte aus den Erfahrungen von der Strecke einen Plan. Man hatte erkannt, dass die Russen eine Menge Würmer in das fluffige Futter schnitten und damit das Feld dominierten. Das britische Team hatte im Training kaum mit Würmern gearbeitet, setzte jetzt aber voll auf diese Karte und schnitt ebenfalls Würmer in das Futter. Der erste britische Angler der dies probierte war Alan Scotthorne und bereits nach dem ersten Futterballen mit Würmern ging der Waggler auf Tauchstation und Alan konnte einen Brassen fangen. Auch bei den anderen britischen Anglern funktionierte der Einsatz der Würmer wunderbar und so angelte man sich von einem Platz 4-7 auf das Podium und vermutlich sogar an die Spitze des Klassements. Wieder einmal hatte der britische Betreuerstab seine Klasse gezeigt und war sicherlich der entscheidende Baustein für den Erfolg des Teams.


Wieder ganz vorne - Team EnglandWieder ganz vorne - Team England

Der Respekt gilt aber auch dem russischen Team, dieses Team konnte 3 Angler in den Top 10 platzieren und ist mittlerweile ein fester Bestandteil in den Top 5 bei jedem Event. Der Kreis der möglichen Sieger wird immer größer, leider gehören meine Freunde aus Deutschland nicht mehr in den erweiterten Kreis dieser Teams.

In der Einzelwertung Gold für Mike Thinnes aus Luxemburg, Silber für den Franzosen Diego da Silva und Bronze für den Tschechen Roman Pokorny jrIn der Einzelwertung Gold für Mike Thinnes aus Luxemburg, Silber für den Franzosen Diego da Silva
und Bronze für den Tschechen Roman Pokorny jr.

 

Ergebnisse

 

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