Bericht zur Jugendweltmeisterschaft 2019 in Spanien

  • von Fabian Gesierich (U20 – Nationalkader)
  • 27. September 2019 um 02:26
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...mit der Kopfrute im Gepäck einmal quer durch Europa!


Unzählige Stunden verbringt man am Wasser, sammelt Informationen über Beißverhalten, Futtertaktiken etc., übt Techniken mit der Kopfrute bis zur Perfektion und bindet ach wer weiß wie viele Montagen. Manch Hobbyangler kann darüber nur den Kopf schütteln und schmunzelnd fragen: „Fabian, wozu machst du das denn alles?“! In den letzten Juliwochen gab es darauf nur eine Antwort! „Ich bereite mich auf die WM vor, denn Vorbereitung ist schließlich die halbe Miete!“. Wenn man sein Hobby exzessiv betreibt, ja sogar seinen Jahresurlaub dafür opfert, erreicht früher oder später jeder Hardcore-Stipper den Punkt, an dem lokale Hegefischen die Sehnsüchte des Anglerherzens nicht mehr zufrieden stellen können. Deshalb zögerte mein Wettkampfnaturell auch kein bisschen, als mich Herry Panno vor zwei Jahren nach dem Anglertreff der Jugend fragte, ob ich denn Interesse hätte, bei der Kadersichtung der U20 mitzuangeln. Nach der anschließenden WM 2018 in Italien war ich Feuer und Flamme; so schlug mein Herz natürlich höher, als ich auch dieses Jahr eine Einladung erhielt: „…zur WM nach Spanien? Klar, kein Problem…!“, sprudelte es aus meinem Bauch heraus und meine Vorfreude sorgte dafür, dass jeder Anflug zweifelnder Gedanken hinsichtlich der bevorstehenden Reisestrapazen sofort verstummte. Um sich mit den Besten der Welt in meiner Klasse messen zu können, muss ich eine Anfahrtsstrecke von 2300 Km, also fast einmal quer durch Europa, in Kauf nehmen, logistische Hürden natürlich inbegriffen. Als ich dann bei der Planung bemerkte, wie viel Rückhalt mir die lokale Stipperszene bietet und wie stark die Jungs zusammenhalten, verflog der letzte Rest des Zweifelns von selbst. Es ist schon fast unbeschreiblich, wie sehr mich die heimische Community unterstützte. Für den Fall, dass sich unter Wettkampfbedingungen mein Material erschöpft, gaben sie mir eine dritte Kopfrute, eine Plattform, eine zusätzliche Sitzkiepe und natürlich jede Menge Zuspruch mit auf den Weg. Selbst ein vollgetankter Transporter stand vor meiner Tür, als es dann Anfang August Richtung Süden gehen sollte. Jungs, ihr seid klasse! Das ist vorbildlich!

Nach einer zweitägigen Fahrt, die Fabian Homeier aus dem U25-Kader und ich gemeinsam bestritten, erreichten wir das Hotel; Endlich angekommen, doch Relaxen ist natürlich fehl am Platz; für einen entspannten Strandurlaub lässt die WM keine Zeit. So ging es sofort ans Wasser, um einen Überblick über die Strecke zu gewinnen. Vorfreude gepaart mit Elan und Motivation ließen uns nicht still sitzen, sondern trieben uns unaufhaltsam an das Ufer des El Vicario Stausees.

Stausee

Mein erster Eindruck war überwältigend. Die Sonne brannte; es hatte über 40 Grad im Schatten und der blaue Himmel spiegelte sich auf der Wasseroberfläche. Bei der Hitze werden die Durchgänge wohl so Manchen an die körperliche Belastungsgrenze bringen, dachte ich mir, als ich meine Schweißperlen aus dem Gesicht wischte und einen ordentlichen Zug aus meiner Wasserflasche nahm.

Der Stausee erstreckte sich vor mir und ließ unsere Spannung auf das erste Training ins Unermessliche steigen. Das Gewässer selbst fällt stufenförmig ab und ist zwischen 2-5m tief; auf der Kopfrutenbahn hatten wir harten Boden und im Schnitt eine Tief von Rund 2m;

Abends pflegten wir noch unsere Köder, machten Futter und bereiteten uns für den morgigen Tag vor, denn am Sonntag sollte es bereits in aller Früh geschlossen zum freien Training gehen. Wir wussten bereits vorab, dass wir vornehmlich Katzenwelse und Karauschen beangeln müssen, jedoch ab und an auch mit Karpfen rechnen dürfen. Uns blieben nun sechs volle Tage, um aus den Informationen eine solide und wettkampftaugliche Taktik zu schmieden. Angefangen von der Hakenwahl, Vorfach- und Gummistärke und Montagenaufbau bis hin zu den kniffligen Fragen, welche Spuren wir wann und wie befüttern müssen, feilten wir in den offiziellen Trainingseinheiten Stück für Stück an unserer Strategie.

Training

Im Laufe der Woche stellte sich heraus, dass sich Katzenwelse am besten im Bereich zwischen 4m und 7m stellen ließen. Wir konzentrierten uns vornehmlich auf die Angelei mit der Kopfrute, bauten jedoch auch Whips zwischen 3m und 4m auf; Ich hatte allerdings den Eindruck, dass ich wesentlich schneller Bisse bekam, wenn ich die Montage senkrecht mit der Kopfrute einsetzte. Natürlich musste das Tackle dementsprechend abgestimmt werden, um mit der Stange möglichst reibungsfrei, schnell und trotzdem präzise angeln zu können. Eine Stückzahl von 400+X der stacheligen Zeitgenossen mag erst einmal verhaftet werden.

Montagen

Die gesamte Montage war so abgestimmt, dass ich die Fische aus dem Wasser lupfen konnte, ohne das Kit der Kopfrute dabei abzustecken. Ein sehr straff gespannter, 1,4mm starker Gummi bändigte nicht nur die Fluchten der Fische, sondern half mir auch dabei, sie kontrolliert und v.a. sehr schnell zu landen. ‚Speed up your pole style‘, lautete auch die Devise bei der Hakenwahl. Ein 14er oder gar ein 12er Browning Classic war ideal für die Aufgabe; der Haken ist robust genug, um ohne Kompromisse Kleinfisch zu sammeln. Damit ich die Welse noch schneller abhaken konnte, drückte ich dazu noch den kleinen Widerhaken des Classics ein. Doch was wäre eine Stückzahl-Session ohne die geeignete Schnur. Eine 0,16er Cenex (Browning) ist wie gemacht dafür; sie ist abriebstark, knotenfest und besitzt eine hohe Tragkraft: ‚Bag ‘em all‘!

Gefüttert wurde natürlich sehr aggressiv. Bei diesen Temperaturen wollten die riesigen Schwärme natürlich ordentlich Material serviert bekommen. So flog im Minutentakt ein kleines, mit vielen toten Maden gespicktes Bällchen in Richtung Pose, um die Fische neugierig zu machen und gleichzeitig ordentlich für Futterneid zu sorgen.

Die Strategie für die Karauschen sah natürlich anders aus; so grob wie die Katzenwelse ließen sich dich scheuen Flossenträger nicht überlisten. Die silbernen Freunde stellten sich hinter die nach allem, was nach Köder aussah, schnappenden Welsschwärme und stritten sich um abtreibende Partikel, die die gierigen Bartelträger aufwirbelten. Wir wollten uns das zu Nutze machen und legten auf 9-10m einen für die Welse uninteressanten Futterplatz mit kleinen Mückenlarven an. In der Hoffnung, dass sich die Karauschen in den ruhigen Bereichen der Futterzone einstellen, angelten wir über den gefütterten Spot hinaus auf der 11,5m-Bahn. Um die vorsichtigen Kaltblüter zum Biss zu verleiten, musste der Köder sauber geführt werden. Zentimeter für Zentimeter des Platzes wurde mit den 1-3g Montagen abgetastet; mal wollten sie die Kettenbebleiung leicht gezogen haben; mal war ein Heben und Senken des Hakens genau das Richtige, um den 1,9mm Microbore Hollow (Browning) aus der Rutenspitze schießen zu lassen.

C Sektor

Der Samstag ist gekommen, die Spannung steigt und der erste Durchgang steht in den Startlöchern. Das Signal für das „Heavy Groundbaiting“ ertönt und ich lege meine Plätze gemäß unserer Mannschaftsstrategie zurecht. Doch bereits kurz nach dem „All in“ erreichte mich die Info, ich solle die kurze Spur fokussieren und stur auf die Welse angeln. Die Karauschen trudelten von der unteren Sektorengrenze, also von der C1 aufwärts, langsam in den Sektor ein und zogen nur spärlich zu den höheren Nummern. Ich saß auf der C9 und somit natürlich etwas unglücklich. Also tat ich das, was ich am besten kann: Ich setzte Scheuklappen auf und angelte kleine Fische auf Stückzahl. Die Zeit verrannte wie im Flug; von der Außenwelt bekam ich kaum was mit, denn in meinem Kopf lief der Kleinfisch-Rhythmus wie ein Uhrwerk ab: Einsetzen, ein kleines Kügelchen Futter werfen, Anhieb, Abhaken, Wiederholen… Am Ende blieb der Zeiger der Waage bei 17Kg Katzenwelsen stehen; Leider reichte dies nur für die 6 im Sektor, weil die Plätze C1 bis C6 durch ihre Karauschenfänge nicht zu schlagen waren. Trotzdem fühlt es sich schon ziemlich gut an, bei einer Weltmeisterschaft 17Kg Fisch, 279 an der Zahl, aus den Fluten zu hieven.

2. Durchgang

Mal sehen, ob ich die Leistung von gestern toppen kann, denk ich mir beim Griff in die Losschale. Ich zog die D11 und erhielt sogleich die Order, gezielt auf die Katzenwelse zu angeln. Nach der Startfütterung legte ich sofort los, die Gestachelten verkürzt auf der 6m Bahn in Richtung Setzkescher zu befördern. Ball für Ball Futter flog in Wasser und Fisch für Fisch mir entgegen. Es dauerte auch nicht sehr lange, dass sich ein Duell zwischen mir und meinem Nebenmann auf der D10, dem Franzosen Aymeric Chambon, entwickelte. Doch viel davon hab ich nicht mitbekommen, so sehr war ich konzentriert. „Vergiss nicht, ordentlich Wasser zu trinken!“, hörte ich hier und da die Stimme der Bankrunner aus dem Off erschallen. Alles andere verschwamm um mich herum. Selbst die 40 Grad Schattentemperatur spürte ich nicht mehr, so sehr hat mich der Rhythmus in Beschlag genommen. Nach vier Stunden brachte erneut die Waage die Entscheidung. Gespannt warte ich auf das Wiegeteam, im vollen Bewusstsein, dass ich gar nicht so schlecht im Rennen liege. Ich zog den Setzkescher aus dem Wasser; prall gefüllt war er und schwarz gefärbt. Aymeric hatte 469 Fische, ich hingegen 519. Leider waren seine etwas schwerer und er konnte mit 26,7 Kg den Sektor für sich entscheiden. Ich landete mit 25,5 Kg auf der hart erkämpften 2, doch von Enttäuschung keine Spur. Das gehört zum Fair Play dazu und eine zwei im Sektor bei meiner zweiten WM ist klasse! Das macht Lust auf mehr!

Die U20 belegte einen guten achten Platz und ich landete in der Einzelwertung auf der 13. Das Team der U25 verfehlte mit nur wenigen Punkten Abstand einen Platz auf dem Treppchen, jedoch trübte dies unsere Feierlaune über ihren fünften Platz nicht. Ich denke, die Jungs haben das Zeug, um Deutschland in den nächsten Jahren fest im oberen Feld der internationalen Spitze zu verankern; Wir halten uns ran!

Mannschaft

Natürlich möchte ich noch ein persönliches Wort des Dankes an alle richten, die mit großer Hingabe das Abenteuer Weltmeisterschaft erst ermöglicht haben. Dazu zähle ich nicht nur unsere Sponsoren, Trainer und Betreuer, sondern auch die lokale Stippercommunity zuhause, die uns mit guten Worten und tatkräftigem Einsatz unterstützte. Ohne Euch wäre unser Sport undenkbar!

Petri und volle Kescher

Euer

Fabian Gesierich

 

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